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(c) Josef Fischnaller

Mariam Batsashvili

Zwei Temperamente

Auf ihrem neusten Album beleuchtet die Pianistin das Spannungsverhältnis zwischen Liszt und Chopin aus einem neuen Blickwinkel.

Jede Musikerin und jeder Musiker kennt wahrscheinlich das Gefühl. Auch wenn das Lieblingsstück natürlich immer dasjenige ist, welches man im Moment gerade in Angriff nimmt. Trotzdem gibt es für viele doch auch den einen Komponisten, zu dessen Werken man sofort eine innere Beziehung hat, deren Wurzeln sich nicht immer rational erklären lassen. Für Pianistin Mariam Batsashvili ist dies eindeutig Franz Liszt. Und das keineswegs nur, weil die junge Georgierin an der nach ihm benannten Hochschule in Weimar studierte und ihren internationalen Durchbruch beim Franz Liszt-Wettbewerb in Utrecht feierte.
„Meine Lehrerin in Georgien wollte mir ein möglichst breites Repertoire zeigen und hat zunächst mit der Wiener Klassik angefangen. Aber ich erinnere mich noch genau, als dann auf einmal Liszt kam. Da war ich zwölf und dachte mir sofort, wow, das ist etwas ganz Anderes. Ich war natürlich erst vor allem von dieser unglaublichen Virtuosität beeindruckt. Aber als ich dann die technischen Hürden gemeistert hatte, habe ich gemerkt, dass ich mit dieser Musik noch viel mehr sagen kann.“ Vor allem geht es ihr dabei darum, mit alt eingefahrenen Vorurteilen aufzuräumen, die dem vielseitigen Komponisten nur selten gerecht werden. „Natürlich gab es in seinem Leben viele Affären, aber er war auch ein sehr mitfühlender Mensch, der vielen Leuten geholfen hat. Und genauso ist es mit seiner Musik. Liszt ist nicht nur Zirkusakrobatik, die man an das Ende eines Programms stellt, um Applaus zu bekommen. Es gibt auch diesen anderen, nachdenklichen Liszt. Und den wollte ich auf meinem Album ebenfalls zeigen.“
Ein zentrales Werk ist für Mariam Batsashvili hierbei vor allem die „Bénédiction de Dieu dans la solitude“, die bewusst an den Anfang des Albums gestellt wurde, um die Basis für das ausgeklügelte Programm zu bilden. Kein kleinteiliges Virtuosen-Feuerwerk, das einen überrumpelt, sondern eine ruhige, fast viertelstündige Meditation, bei der Batsashvili der Komposition und den Zuhörern Zeit zum Atmen geben will. „Wenn man es nicht kennt, fragt man sich im ersten Moment fast, ob es wirklich von Liszt ist, weil es eben nicht die Klischees bedient, die man fälschlicherweise oft mit ihm in Verbindung bringt. Für mich ist es eine Musik, die vom Himmel kommt. Ein Werk, das heilt und mich tief berührt. Vielleicht empfinden das andere Menschen nicht so. Aber wenn es mir schlecht geht, ist die ‚Bénédiction‘ das Stück, das mich immer wieder aufrichtet.“
Eine große Rolle spielen hierbei auch die Gedichte, die Liszt als Inspiration dienten. Ähnlich wie schon bei seiner „Dante-Sonate“, die man nach Meinung der Pianistin erst dann wirklich versteht, wenn man zuvor einen Blick in die „Divina Comedia“ geworfen hat. „Natürlich sind diese Texte wichtig, aber danach muss man dann in die Noten schauen und erforschen, was er daraus gemacht hat. Er ist da sehr genau in seinen Vorstellungen, und wenn man es exakt umzusetzen versucht, ist das alles andere als leicht. Mir ist es beim Einstudieren oft passiert, dass mein persönlicher Instinkt einfach falsch war, weil Liszt immer wieder mit dem bricht, was wir vielleicht erwarten würden.“

Revolutionäre Widmungen

Von diesem etwas anderen Liszt aus schlägt sich dann aber umso leichter der Bogen zu Frédéric Chopin, dessen Kompositionen auf Mariam Batsashvilis neuem Album das logische Gegenstück bilden. Handelt es sich für die Pianistin doch nur auf den ersten Blick um zwei konträre Temperamente, die hier aufeinandertreffen. „Sie drücken sich beide sehr unterschiedlich aus. So wie sich ein Schubert anders ausdrückt als Schumann. Aber sowohl Liszt als auch Chopin haben eine sehr große Sensibilität in ihrer Musik.“ Und natürlich eine hohe Achtung für das Talent des jeweiligen Kollegen. So finden sich auf dem Album unter anderem Ausschnitte aus Chopins Opus 10, das er dem von ihm bewunderten Kollegen widmete. Liszt wiederum revanchierte sich mit den „Sechs Polnischen Liedern nach Chopin“, die ganz in der Tradition seiner berühmten Transkriptionen stehen. „Chopin hat Liszt vor allem als Klavierspieler bewundert. Aber hier sieht man noch einmal sehr gut, wieviel Respekt auch Liszt vor Chopin hatte. Es ist vor allem interessant, dass er bei den ersten fünf Liedern kaum etwas verändert, sondern bei der Klavierbearbeitung ganz nah am Original bleibt. Nur im sechsten Lied bringt er etwas Neues mit hinein, was dann allerdings auch wieder sehr an Chopins ‚Revolutionsetüde‘ erinnert.“
Selbst wenn er kaum in den Notentext eingriff, fand Liszt dabei natürlich dennoch einen Weg, eigene Akzente zu setzen. „Es gibt noch mehr Lieder als diese sechs, die Liszt ausgewählt hat. Und es ist interessant zu sehen, wie er das teilweise kombiniert. Da gibt es erst ‚Das Ringlein‘, das von einem Mann erzählt, der von seiner Braut verlassen wurde. Darauf lässt er ohne Pause ein Trinklied folgen, was ich sehr lustig finde. Vielleicht meinte Liszt ja, dass Alkohol in solchen Fällen nicht schaden kann. Auch wenn es dann wieder sehr traurig ausklingt. Da gelingt ihm ein Bogen, den es so bei Chopin vorher nicht gab.“

Neu erschienen:

Chopin & Liszt

Mariam Batsashvili

Warner


Segensreich

Die „Bénédiction de Dieu dans la solitude“ entstammt Liszts Zyklus „Harmonies poétiques et religieuses“ und ist neben „Funérailles“ eines der Stücke, die sich auch losgelöst einen Platz im Repertoire erkämpft haben. Angeregt durch die religiös-philosophischen Gedichte des französischen Romantikers Alphonse de Lamartine gelang Liszt hier eine Komposition, die weniger für den Konzertsaal gedacht scheint, sondern vielmehr an eine ruhige Meditation erinnert. Auch wenn der ganze Zyklus bis heute nur selten komplett zur Aufführung kommt, war gerade die „Bénédiction“ lange eines der persönlichen Lieblingswerke des Komponisten, das er oft in privatem Rahmen für Gäste anstimmte.


RONDO Ausgabe 4 / 2019



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