Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Markenfotografie

Marek Janowski

80 – und kein bisschen leise!

Mit Beginn der neuen Konzertsaison übernimmt Marek Janowski zum zweiten Mal in seiner einzigartigen Karriere die Leitung der Dresdner Philharmonie.

Ich bin Marek Janowski. Ich wurde im Februar 1939 in Warschau geboren und bin mein ganzes Leben lang Orchesterchef.“ Mit diesem Kurzsteckbrief stellte sich im vergangenen Januar einer der bedeutendsten Musiker der Gegenwart den Hörern des Radiosenders „France Musique“ vor. Auf fünf Folgen angelegt war dieses Porträt eines Dirigenten, der viel zu erzählen und zu berichten hatte. Von seinen Anfängen als junger Kapellmeisterstudent bei Wolfgang Sawallisch und all den vielen Stationen vor allem als Chefdirigent, von seiner kritischen Haltung gegenüber dem Regietheater und nicht zuletzt von seinem Verständnis der Dirigentenzunft. Dass Janowski vom französischen Radio zu dieser langen Interview-Strecke eingeladen worden war, hatte gleich zwei Gründe. Vorab gratulierte man ihm damit zum 80. Geburtstag, den er am 18. Februar feierte. Zudem genießt Janowski im französischsprachigen Musikraum einen großartigen Ruf. Immerhin sollte er zwischen 1984 und 2000 das ursprünglich zahme Orchestre Philharmonique de Radio France in einen Top-Klangkörper verwandeln, hinter dem das örtliche Orchestre de Paris verblasste. Danach führte Janowski in Monaco das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo ebenfalls in die Beletage.
Im Grunde hat der in Wuppertal aufgewachsene Orchestererzieher überall, ob als Gast- oder Chefdirigent, stets das Wesen und den Klang des hundertköpfigen Musikerapparats maßgeblich geprägt. So auch in Deutschland, als man ihn für viele Jahre an das Gürzenich-Orchester Köln sowie das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin binden konnte. Und eigentlich sollte es Anfang des 3. Jahrtausends auch in Dresden zu einer glücklichen Verbindung zwischen der traditionsreichen Philharmonie und Janowski kommen. Doch bereits zwei Jahre, nachdem er 2001 seinen Posten angetreten hatte, verließ er verärgert die Stadt, da die vertragliche Zusage nicht eingehalten wurde, dem Orchester den überfälligen neuen Konzertsaal zu schenken.

Großes Haus für großartige Musik

Doch jetzt stehen die Aktien anders: Seit 2017 gibt es ihn endlich, den in den alten Kulturpalast integrierten Konzertsaal, der akustisch und optisch für die Dresdner Philharmonie und das Konzertpublikum eine wahre Wonne ist. Auch Janowski ist mächtig von dem neuen Zuhause des Orchesters begeistert. Und da die kleinen Eintrübungen die langen, immerhin bis in die 1970er Jahre zurückreichenden Verbindungen mit Dresden nie gefährden konnten, sagte Janowski zu, als die Dresdner Philharmonie ihm die Nachfolge von Michael Sanderling anbot.
Ab der nun startenden Konzertsaison 2019/20 steht er also wieder als Chefdirigent am Pult des Orchesters. Der Vertrag ist auf zunächst drei Jahre Laufzeit begrenzt. Was möglicherweise auch aus Rücksicht auf Janowskis stolzes Alter geschehen sein mag. Mit aktuell 80 Jahren darf man schließlich alles etwas dosierter angehen. Sieht man sich andererseits Janowskis Arbeitspensum der letzten Jahre an, kann man nur schlussfolgern, dass Dirigieren fit und jung hält. So hat er nicht nur zahllose Konzerte im In-und Ausland gegeben. 2016 und 2017 absolvierte der begnadete Wagner- Interpret bei seinen Bayreuth-Debüts einen wahren Marathon und leitete jeweils den gesamten „Ring“. Mit seiner ganzen Erfahrung, die auch auf seine legendäre Dresdner Gesamteinspielung des „Rings“ zurückgeht, präsentiert er sich direkt zu Beginn seines zweiten Engagements bei der Philharmonie erneut als Wagner-Autorität. So dirigiert Janowski in einer konzertanten Aufführung den 1. Aufzug der „Walküre“ in einer Allstar-Besetzung – mit Sopranistin Camilla Nylund, Tenor Christopher Ventris und Bass Franz-Josef Selig.
Überhaupt spiegelt bereits das für die erste Saison zusammengestellte Programm Janowskis unermüdlichen Tatendrang und seine unstillbare Neugier wider. Im 1. Chorkonzert stehen sich etwa Verdis „Quattro pezzi sacri“ und Luigi Dallapiccolas „Canti di prigionia“ gegenüber. Auf Bruckners Achte, mit der Janowski gerade erst seine neue Amtszeit eingeläutet hat, lässt er im Januar 2020 die Siebte des österreichischen Romantikers folgen (zuvor spielt Frank Peter Zimmermann Bergs Violinkonzert). Und auf das Requiem von Brahms folgen gleich zwei Abende, mit denen man auch in Dresden mit einem umfangreichen Programm den 250. Geburtstag von Beethoven feiern will. So stellt man gemeinsam mit dem exquisiten Quatuor Ébène den Sinfoniker dem Kammermusiker Beethoven gegenüber – mit zwei Streichquartetten sowie der 4. Sinfonie. Und im April steht dann konzertant der „Fidelio“ an, für den Katharina Wagner neue Dialogtexte geschrieben hat. Zu diesem Zeitpunkt wird Marek Janowski dann 81 Jahre alt sein – aber bei solchen Künstlern spielt Alter eben keine Rolle.

Infos & Tickets

www.dresdnerphilharmonie.de


Dresdner Philharmonie

Neben der von Christian Thielemann geleiteten Staatskapelle ist die Philharmonie das orchestrale Aushängeschild Dresdens. Das Orchester wurde 1870 von der Stadt als „Gewerbehaus- Kapelle“ gegründet. 1909 war sie eines der ersten deutschen Orchester, das in den USA auf Tournee ging. 1915 wurde der Name in „Dresdner Philharmonisches Orchester“, 1923 in „Dresdner Philharmonie“ geändert. Zu den Chefdirigenten des Orchesters gehörten u. a. Kurt Masur, Carl Schuricht, Rafael Frühbeck de Burgos sowie Michael Sanderling (2011-2019). Zu den besonderen Highlights in der Saison 2019/20 zählen neben den Dirigaten von Marek Janowski die Konzerte mit Pianistin Anna Vinnitskaya (Artist in Residence), Brett Dean (Composer in Residence) sowie mit Iveta Apkalna als „Palastorganistin“.


RONDO Ausgabe 4 / 2019



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Wo ist das Vögelchen?

Nun hat es sogar Daniel Barenboim getan. In trauter Viersamkeit grinst er mit Gattin Elena […]
zum Artikel »

Pasticcio

Der Mann mit dem goldenen Atem

Obwohl Blockflötistin Dorothee Oberlinger nie bei ihm selber, sondern bei einem seiner unzähligen […]
zum Artikel »




Top