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(c) Felipe Restrepo Acosta/CC BY-SA 3.0

Musikstadt

Bogotá

Seit 2012 ist Bogotá von der UNESCO als City of Music ausgewiesen. Klassik hören die 9 Millionen Einwohner zum Beispiel beim „Festival internacional de música clásica de Bogotá“.

Kolumbien? Kultur? Klassik? Da fällt den meisten außer Präkolumbianischem nicht viel ein. Und dann doch. Der Dirigent Andrés Orozco- Estrada kommt aus Medellín. Und waren nicht die Wiener Philharmoniker kürzlich in Bogotá? Und dann ist da das „Festival internacional de música clásica de Bogotá“, immer in der Karwoche. Zum vierten Mal fand es diese Ostern statt. Dreieinhalb vollgepackte Tage, der deutschen romantischen Musik gewidmet. „Bogotá es Brahms, Schubert, Schumann“. Beide sogar, auch Clara.
Co-Direktorin Yalilé Cardona lebt in Wien und erklärt: Es ist ein wenig wie die Folle Journée in Nantes, viele Konzerte zu einem Thema an einem Tag.“ Viel Begeisterung also, Musik als Masse, aber wer möchte, bekommt auch ungeahnt viel geboten. Bogotá war schon Beethoven, Mozart und russische Romantik. Jetzt waren wieder die Deutschen dran.
In Bogotá leben ein Sechstel der 49 Millionen Kolumbianer im zweitbevölkerungsreichsten südamerikanischen Staat nach Brasilien. Aber die zahlreichen Bewohner haben sich gerade in den letzten Jahrzehnten sehr unordentlich über dieses 2600 Meter zählende Andenhochtal ergossen. Das sieht man vom Kloster Montserrate aus, zu dem eine bequeme Zahnradbahn fährt. Ein unendlicher Häuserteppich, mit Grün dazwischen, denn sehr oft regnet es. Die Jahreszeiten machen kaum einen Unterschied.
2012 wurde Bogotá von der UNESCO zur „City of Music“ erklärt. Sieht die Stadt doch Musik als Motor für soziale, kulturelle und auch wirtschaftliche Entwicklung. Die 9 Millionen Einwohner, zu denen auch 68 indigene Gruppen gehören, sind vereint in der Musik, vor allem in den populären „Festivales Al Parque“, die es für Rock, Pop, Salsa, Folklore und Oper gibt. Das Programm startete 1995, mehr als 600.000 Besucher verzeichnen die inzwischen mehr als 60 Festivals an 400 Spielstätten. Nur ein großes Klassikfestival, das fehlte noch. Deshalb entstand das „Festival internacional música clásica de Bogotá“.
Viele Hochhäuser beherrschen das Stadtbild. In deren Mitte liegt das fantastische Goldmuseum und das von ihm mit einer Sammlung als Schenkung ausgestattete Botero-Museum, reinlich hergerichtet, in einem prächtigen Kolonialpalast mit modernen Anbauten. Gegenüber rostet lethargisch die Nationalbibliothek in DDRCharme. Es gibt quirlige Lokale mit üppig-rustikaler Kost in alten Villen. An der Plaza Bolívar stehen sich das geballte Katholikentum in Barock, als bruitistisches Bollwerk der erst in den Achtzigern bei einer Revolte zerstörte Justizpalast, das leicht mit Jugendstil überhauchte Rathaus und das Parlament im neoklassizistischen Kapitol gegenüber. Es gibt goldüberladene Kirchen und eine öde Kathedrale.
Hauptspielort und Veranstalter des Musikfestes ist das bedeutende Teatro Mayor, das im Norden liegt, wo die Reichen wohnen. Die wollten nicht immer so weit zu den im alten Zentrum platzierten Vergnügungsstätten, also kam man ihnen entgegen. Vor neun Jahren. Viel Beton und Klinker, ein praktischer, nüchterner Zweckbau. Aber mit Möglichkeiten. Es gibt eine Kinderabteilung, behinderte Jugendliche sind in eine eigene Veranstaltungsreihe eingebunden. Das von einer Frau gemanagte Orquesta Filarmónica de Bogotá spielt einmal die Woche, fast das ganze Jahr. Und dann ist da die Fusión Filarmónica Juvenil, OFB, ein „best of“ der vier Jugendklangkörper, die das philharmonische Orchester mitbetreibt und so bis zu 20.000 Schüler mit seiner dezentralen Jugendarbeit erreicht.
Der große Saal ist ein 1300-Plätze-Auditorium mit zwei rohen Betonrängen und atmosphärisch leuchtenden Holzkästen im Konzertzimmer auf der Bühne. Die Akustik ist etwas trocken. In den Fluren hinter dem Bühneneingang hängen die unterschriebenen Plakate von denen, die da waren: Gergiev, Nagano, Mehta, Fleming, Barenboim, Mattila, das Leipziger Ballett, das aus Monte Carlo, die Hamburger Oper – und bald kommt Simon Rattle mit seinem London Symphony Orchestra. Das Südamerika-Geschäft mit der Klassik läuft also wieder ganz ordentlich nach der Wirtschaftsdelle in Argentinien. Kolumbien ist im Kommen.

Klassik boomt

Festivalplakate sieht man an vielen Bushaltestellen, in den Kinos und im Fernsehen wird mit Romantikspots geworben. In Pastelltönen präsentieren sich die Silhouetten der „Fab Romantic Four“, die dieses Jahr das Festivalprogramm dominieren, gemeinsam und auch einzeln. 50 Konzerte, 12 davon gratis, an 12 Standorten vom Konzertsaal über Museum, Kirche, Stadtteilcenter, Bibliothek in ganz Bogotá verteilt, wurden in die drei Tage geschaufelt. Drei Orchester, eines auf historischen Instrumenten spielend, kommen aus Europa und treffen auf vier lokale Klangkörper. Dazu kommen fünf Chöre, einer aus Wien. Sieben Dirigenten, 33 Solisten, vier Quartette, ein Trio und ein Ensemble haben sich, die meisten zum ersten Mal, aus 15 Ländern nach Kolumbien aufgemacht.
Die Entfernungen zwischen den 15 Spielorten sind lang. Witzige Viertel mit einer eklektischen Häusermischung zwischen orientalisch, spanisch und Tudor ziehen vorbei, schrille Kirchen, auch eine Moschee, viele Backsteinbauten, betonverschlungene Autobahnkreuze. Alles bröckelt, es herrscht würdevolle Tristesse, aber ein paar feine Viertel sind auch darunter. Das Nationalmuseum war früher ein Gefängnis, interessant, wie die relativ neue Dauerausstellung in die kreuzförmig angeordneten Zellen und Gänge geschachtelt wurde. Der Konzertsaal hat rustikalen Charme.
Mitten in einer belebten Gasse, Straßenhändler verkaufen lautstark Fruchtsaft, irgendwelche Kokosgelees, frittierte Kochbananen und Kartoffelchips, liegt das historische Teatro Colón. Golden und samtrot glänzt es. 2010 wurde es renoviert, Blumensträuße stehen im neoklassizistischen Foyer. Der Italiener Pietro Cantini hat es entworfen, 1892 wurde es anlässlich des 400. Jahrestages der Entdeckung Amerikas mit Verdis „Ernani“ eingeweiht. Die 700 Plätze sind selbst am Karfreitagmorgen gut gefüllt, wenn hier ein österreichisches Trio Schubert spielt.
Und dann ist da noch Suba, ein ehemaliges Dorf auf einem Hügel, das längst von der gefräßig urbanen Fülle Bogotás umspült wurde. Vor der Iglesia de Inmaculada Conceptión drängeln sich die Menschen, Kinder, Alte, Behinderte, alles dabei, nur freudestrahlende Gesichter. Gleich singt der WebernKammerchor der Wiener Musikuniversität gratis Chorsätze aller Festival-Komponisten. Die Tür bleibt offen, damit auch die noch draußen Drängelnden zuhören können, viele stehen, Hunde bellen, Autos hupen, Babies glucksen, Handys klingeln. Stört alles nicht, die Leute lauschen, atmen mit, klatschen sich nach jedem Block immer mehr in Ekstase.
Der wachsende Ruf des „Festival internacional música clásica de Bogotá“ scheint sich in der ziemlich kleinen Musikerwelt herumzusprechen. 2021 lautet das Thema übrigens: Bogotá es barroco!

https://festivalmusicaclasicadebogota. org/


Bogotá und die Deutschen

Bogotá wurde im April 1539 gegründet – unter anderem vom Ulmer Hauptmann und Handelsagent Nikolaus Federmann, der im Dienst der Welser stand. Im Nationalmuseum liegt in einem Gang die Grabplatte des Arnsbergers Justus Wolfram Schuttelius (1892-1941), der als Pionier der kolumbianischen Archäologie verehrt wird. Unübersehbar die kolumbianische Vorliebe für deutsches Essen: Es gibt Buden mit deutscher Wurst, auch ein Oktoberfest findet statt. Die Speisekarten führen Sopa Germana und Chorizo Aleman. Die Familie Santo Domingo, die über eine Stiftung das Teatro Mayor betreibt und das Festival sponsert, wurde durch die von einem Offenbacher übernommene Brauerei „Bavaria“ reich.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2019



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