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Porporas Orfeo beim Festival della Valle d'Itria (c) Clarissa Lapolla

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Erstaunlich, wie entschleunigend 90 Schiffsminuten sein können. Durch einen engen Kanal und unter einer Brücke hindurch geht es von Bergen in den 180 Kilometer tiefen Hardangerfjord nach Rosendal. Fast jeder in Norwegen hat schöne Ausflugserinnerungen an dieses Schlösschen in einem grünen Tal zwischen zwei Hügeln, vor zwei Wasserfällen. Als Hochzeitsgeschenk für die damals reichste Erbin mit einem Dänen wurde es 1665 fertiggestellt, 13 Jahre später adelte König Christian V. die Besitzer zu Norwegens einzigen Baronen.
Immer schon war hier die Kultur zu Hause, Edvard Grieg und Henrik Ibsen produzierten sich in den Salons des Schlösschen, und auch Leif Ove Andsnes, seit 30 Jahren international berühmter Pianist aus Norwegen, hat da als Jugendlicher gespielt. Er wohnt seit langem in Bergen. Jetzt war er, zum vierten Mal und mit Freunden wie Tabea Zimmermann, Clemens Hagen oder Marc-André Hamelin, sein eigener Klangherr über Rosendal, vier Kammermusikfesttage lang. Das Thema: Schostakowitsch, seine Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger.
„Jeder, der herkommt, wird berührt durch Eleganz und Schönheit“, erzählt der 49-Jährige, während er sich an einen Baum lehnt. „Jeder ist hier mit der Natur im Einklang, die an einem Sommertag harmonisch und sanftmütig scheint.“ Stimmt. Und am Ende eines großartig kuratierten langen Kammermusikwochenendes gibt es ein Festessen im kerzenbeschienen Blauen Schlosssalon. Wie bei Bergmans „Fanny und Alexander“. Unvergesslich!
Kontrastsprung in den Süden. In Martina Franca, wo das raritätensüchtige Festival della Valle d’Itria in die 45. Runde ging, gab es Theater außerhalb der Oper. Dirigent Sesto Quatrini wurde Opfer einer japanischen Stalkerin. Die war selbst in Apulien hinter ihm her. So bewegte er sich nur noch mit Leibwächtern.
Doch auch die Opern hatten Dramatik. Etwa Nicola Porporas „Orfeo“, ein Pasticcio aus Originalarien und älteren Nummern von Hasse, Vinci und anderen. So wurde das Stück 1736 in London zum Vehikel für die Kastratensuperstars Farinelli und Senesino sowie Primadonna Francesca Cuzzoni, das den Opernkrieg mit Händel anstachelte. Beim Stillstand jeglicher Handlung ist der effektvolle Arienmix ein virtuoses Konzert im edlen Barockkostüm.
Erfreulich sind zwei Herren der Schöpfung, beides Countertenöre als perfekter Kastratenersatz. Rodrigo Sosa dal Pozzo schummelt in den Koloraturen, ist aber ein flamboyanter Aristeus. Als Orfeo kann der in der Höhe kurze Raffaele Pe seine weiche, Legatotechnik ausspielen. Souverän gliedert der barocke Dirigier- Krösus George Petrou. Mit seinem aufrauschenden Armonia Atenea-Ensemble liefert er den instrumentalen Mehrwert, den dieser Catwalk der Arien braucht.
Wechsel nach Oberfranken. Mit Feridun Zaimoglu haben die Bayreuther Festspiele erstmals ein Auftragstheaterstück über Siegfried Wagner inszeniert. Sanftmütig, aber vom Rassismus und Antisemitismus seines Muttermonsters Cosima geprägt, Nachfolger und Festspielleiter wider Willen, Verfertiger schräger Märchenopern. Schwul, aber doch durch Gebärmaschine Winifred Williams als Fortpflanzer der Dynastie vierfach gesegnet. Durchaus avantgardistischen Ideen aufgeschlossen, zum Konservatismus verdammt.
Philipp Preuss führt Regie bei diesem siamesischen Zwillingsmonolog als einem Wetterleuchten von der Berliner Volksbühne. Aber nicht ohne Raffinesse. Felix Römer, mehr auf der Winnie-Seite mit Wienerischem Unterton, und Felix Axel Preißler, eher Siegfried, jünger, schnauzbärtig, direkter, wuppen diese teutsche Teilung mit lässig persönlichkeitsgespaltener Schizophrenie. Das hat uns gefallen. Sehr!

RONDO Ausgabe 4 / 2019



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