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(c) Monika Rittershaus

Geölter Marionetten-Mechanismus

Salzburg (A), Festspiele: Offenbachs „Orphée aux enfers“

Jacques Offenbach ist bei den Salzburger Festspielen ein seltener Gast. Obwohl dieses so seriöse Festival immer auch ein Ort der etwas anrüchig verklatschten, naja, halt leichten Musen war. Zum 200. Offenbach-Geburtstag darf es aber dessen erste, bekannteste, aber auch schwerste Operette sein: „Orphée aux enfers“. Das Haus für Mozart ist vom Berliner Amüsement- Guru Barrie Kosky in ein ranzig abgeschrabbeltes Revuetheater verwandelt worden. Vor faltigen Stoffkulissen in Grau wird ein offenbar in der Endlosschleife eierndes Sexboulevardstück heruntergenudelt, quietschend, leicht asynchron.
Dafür ist der geniale Schauspieler Max Hopp zuständig. Der spielt nicht nur in Theo- Lingen-Nachfolge den Hans Styx, der sich mit Lethe besäuft, der macht in diesem kreischigkrawallschachtelig- klamottösen „Orpheus“- Radau auch noch den Universalsprecher und die Geräusche: Oink-oink, trapp-trapp! Und am Ende, da schlackern die Phalli und Vulven als Glitzersteinfeuerwerk unterm teuflischen Cancan- Rock.
Lustig ist das, ordinär, und Tempo hat es. Alt-Mezzo Anne Sofie von Otter gibt die öffentliche Meinung als schwedische Pastorengattin, doch die dauergeile Götterwelt macht ihr einen Strich durch die Tugendrechnung. Dauernd ist da wieder ein fetter Jupiter-Fliegenbrummer auf dem demutsvoll stillhaltenden Honigbienchen- Revuehintern. Hier gibt es keine Interpretation und keine tagespolitischen Anspielungen, hier geht es nur um das Eine. Und leider läuft das trotz des gut geölten Marionetten- Mechanismus schnell leer: Immer wieder machen dicke Frauen in engen Korsetten in diversen Separées die Beine breit und lassen Lustkoloraturen aufsteigen. Das ist freilich nur eine Offenbach-Seite. Der Kenner bemerkt in Koskys siebter (!) Inszenierung der Saison (fünf folgen in der nächsten) die Abnutzungserscheinungen.
Doch für das allzu seriöse Salzburg ist der verjuxte Knallfrosch die dringend nötige Humor- Bombe zum Ablachen. Und Enrique Mazzola lässt die Wiener so richtig derb-krachig, ja dreckig aufspielen. Chapeau!

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2019



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