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Otto Klemperer

Beethoven ohne Zucker

1970 dirigierte der Altmeister in London Beethovens Sinfonien vor der Kamera. Nun ist dieses audiovisuelle Dokument auf Blu- ray erschienen.

Die Musik ist nicht dazu da, dass sie wie eine Eiscrème geschluckt wird. Nichts gegen Eiscrème, und nichts gegen ein Steak, aber das sind ganz andere Dinge. Schon das scheußliche Wort ‚Kunstgenuss‘ ist wohl Klemperer auch ein Abscheu gewesen.“ Mit diesen Worten hat der marxistisch geeichte Philosoph Ernst Bloch einmal aus konsumkritischer Perspektive den Musizierstil seines lebenslang engen Freundes Otto Klemperer beschrieben. Und tatsächlich: Immer wenn dieser Riese von einem Mann vor seinem New Philharmonia Orchestra Platz nahm, wurde man Ohren-, aber auch Augenzeuge einer schonungslos von allen Klang- und Showeffekten befreiten Aufführung.
Da thronte Klemperer, der nach einem Sturz nur noch im Sitzen dirigieren konnte, 1970 im Rahmen einer Beethoven-Konzertreihe vor seinem Londoner Orchester – und leitete es, ohne dabei nur einmal seine grimmige Miene zu verziehen, nahezu unbeweglich, mit sparsamsten Zeichen. Wer Stardirigenten bei ihren ausladenden Gesten bestaunen wollte, der musste zu den Leonard Bernsteins & Co. gehen. Bei dem aus Breslau stammenden Klemperer, der neben Bruno Walter, Arturo Toscanini, Fritz Busch und Wilhelm Furtwängler einer legendären Dirigentengeneration angehört hatte, war er dagegen völlig falsch. Und auch seine Interpretationen allein des großen klassisch- romantischen Repertoires boten das genaue Gegenteil von oberflächlicher, leichtverdaulicher Kulinarik. Widmete sich Klemperer Beethoven, dann entfachte er selbst im konventionellen Wohlklang des Finalsatzes der 8. Sinfonie eine ungemein expressive Glut und nach vorne drängende, damit packende Wucht. Den Anfang der Fünften lud er mit einem dunkel- ernsten Ton auf, als würde es sich hier um ein Zwischenspiel aus Mozarts „Don Giovanni“ handeln (den Klemperer übrigens 1966 mit u.a. Nicolai Ghiaurov in einer bis heute unerreichten Einspielung vorlegte).
Klemperer und Beethoven – das war eine lebenslange Beziehung, die ihm gar, wie er einmal spöttisch anmerkte, das „Hundehalsband ‚Beethoven-Spezialist‘“ einbrachte. Nachdem er schon 1934 als Chefdirigent der Los Angeles Philharmonic seinen ersten großen Beethoven- Zyklus geleitet hatte, dirigierte der 85-Jährige 1970 nun seinen letzten. Anlass war der 200. Geburtstag des Komponisten, den man im Mai und Juni in der Londoner Royal Festival Hall mit insgesamt fünf Konzerten feierte. Natürlich dirigierte Klemperer sein New Philharmonia Orchestra, das unter ihm zum Weltklasse- Klangkörper gereift war. Darüber hinaus willigte der kamerascheue Altmeister gleich noch in eine TV-Aufnahme ein.
Diese Live-Mitschnitte, die bislang von der Bild- und Ton-Qualität her nur etwas für ultimative Klemperer-Fans waren, sind nun endlich nach allen Regeln der Kunst technisch restauriert, remastert und gerade auf fünf Blu-rays veröffentlicht worden. Über die Transparenz und Tiefenstaffelung des Klangbildes kann man da nur Staunen. Maßlos beeindruckt ist man dagegen davon, wie Klemperer mit seiner bisweilen unerbittlich nüchternen Gangart hier Beethovens zeitlose, das Herz und den Verstand ansprechende Größe betonte. Dass dabei kein Raum für reinen „Kunstgenuss“ blieb, lässt sich verschmerzen.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonien 1 - 9 (5 Blu-ray)

Otto Klemperer, New Philharmonia Orchestra

Otto-Klemperer-Film-Foundation/Zweitausendeins

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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