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(c) Aldo Allessie

Ton Koopman

Kein Tag ohne Bach

Der niederländische Dirigent, Cembalist, Organist und überhaupt Alte-Musik-Star Ton Koopman hat gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert.

RONDO: Der Pianist András Schiff hat einmal gestanden, dass er jeden Tag mit einer Stunde Bach beginnt. Haben Sie heute auch schon Bach gespielt?

Ton Koopman: Nein, das nicht. Ich musste zunächst die Post erledigen. Aber auch für mich gibt es keinen Tag ohne ihn. Das kann dann etwa eine Probe mit Kantaten sein oder die Vorbereitung eines Orgel-Recitals. Bach ist immer da.

RONDO: Wie für Schiff ist auch für Sie Bach einfach der Größte. Was hebt ihn etwa von Mozart oder Beethoven ab?

Koopman: Bach steht für diese einzigartige Balance aus Können, Wissen und Gefühl. Man kann Bach auf verschiedenen Ebenen genießen. Man kann sagen: Das ist eine schöne Melodie. Und natürlich hat man damit vollkommen recht. Man kann aber auch in die Tiefe gehen. Und dann können wir nur darüber staunen, wie es ein Mensch geschafft hat, so viele tiefe Gedanken aufs Notenpapier zu schreiben. Wobei es zugleich eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten gibt. Wenn man Bach auf einem Flügel oder auf einem Cembalo spielt – es ist immer ein anderer Bach. Ich als Cembalist sage natürlich, dass es Cembalo-Musik ist. Aber ich sage auch: Wenn Bach toll auf einem Flügel klingt und dagegen langweilig auf einem Cembalo gespielt wird, dann wähle ich selbstverständlich das Klavier.

RONDO: Diese entspannte Einstellung besaßen Sie aber nicht immer. Schließlich lehnten Sie das zu Beginn Ihrer Karriere noch als verpönt ab. Weshalb Sie sich selber mal rückblickend und augenzwinkernd als „Zeuge Jehovas“ der Alten Musik bezeichnet haben …

Koopman: Ich habe damals den Flügel sogar als „Schwarzes Monster“ bezeichnet. Auf dem Klavier lassen sich eigentlich nur Werke von Bach zufriedenstellend spielen, die nicht kontrapunktisch sind. Das Cembalo dagegen ist für das kontrapunktische Spiel wie geschaffen. „Die Kunst der Fuge“ etwa spiele ich fünf-, sechsmal im Jahr. Und ich mache das immer mit meiner Frau Tini Mathot zusammen, auf zwei Cembali. Die Polyphonie wird noch deutlicher, wenn man das Stück auf zwei verschiedenen Cembali spielt. Von Jordi Savall und seinem Ensemble Hespèrion XXI gibt es übrigens eine tolle Fassung für Renaissance- Instrumente, bei der man den Reichtum dieser Musik genießen kann.

RONDO: Wie sind Sie eigentlich auf Bach gestoßen?

Koopman: Das Urerlebnis hatte ich als Junge in einem Knabenchor. Ich war fast sieben Jahre. Und wir haben zu Weihnachten und zu Ostern immer wieder Chöre und Choräle etwa aus der Matthäuspassion und aus Kantaten gesungen, nur begleitet von der Orgel. Für mich war das direkt die wunderschönste Musik. Und der Organist, der da mit Händen und Füßen spielte, war ein genialer Typ. Ich stand ständig neben ihm und hoffte einfach, dass er mir irgendwann erlaubt, auch einmal auf der Orgel zu spielen.

RONDO: Heute sind Sie ja nicht nur Organist, Cembalist und Dirigent, sondern mittlerweile auch Präsident des Leipziger Bach-Archivs. Wo steht die Bach-Forschung? Gibt es noch solche heftigen Debatten, wie sie etwa einst Joshua Rifkin ausgelöst hat?

Koopman: Diese Diskussionen, ob man die Chorwerke nur in der solistischen Sparfassung aufführen soll, sind mittlerweile verebbt. Zumal sie auf falschen Ideen basierten. Es ist natürlich billiger, wenn man auf Konzerttournee geht und man Hotelzimmer nur für vier Solisten statt für einen ganzen Chor bezahlen muss.

RONDO: Was den Bach-Forscher Koopman angeht, da kann er auch Zuhause aus dem Vollen schöpfen – dank einer riesigen und wertvollen Musikbibliothek. Was lieben Sie mehr: das Studieren, die Quellenforschung oder das Konzert, das Live-Erlebnis?

Koopman: Da kann ich mich nicht entscheiden – genauso wenig, wie ich mich zwischen Cembalo, Orgel und Dirigieren entscheiden könnte. Ich genieße alles. Ich habe hingegen leider nicht mehr die Zeit, um Artikel zu schreiben. Ich weiß, wie lange es dauert, allein die Quellen richtig zu verwenden. Ich habe andererseits aber eben das große Glück, die Musik aufführen zu können, über die andere schreiben.

RONDO: Auch bei Ihren kommenden Konzerten, die Sie in den USA und nach Japan führen, steht neben Bach immer wieder eine Haydn- Sinfonie auf dem Programm. Gibt es die Überlegung einer Gesamteinspielung?

Koopman: Tatsächlich wurde mal darüber nachgedacht, mit dem Chicago Symphony Orchestra sämtliche Sinfonien aufzunehmen. Doch der CD-Markt ist halt immer schwieriger geworden. Ein Projekt wie die Gesamtaufnahme aller Bach-Kantaten, bei denen mein lieber Freund Klaus Mertens ja alle Bass-Arien gesungen hat, wäre heute nicht mehr möglich. Stattdessen habe ich gerade in Schloss Versailles ein Orgel-Recital aufgenommen sowie mit dem Berner Sinfonieorchester Haydns „Sieben letzten Worte“.

Neu erschienen:

Ton Koopman, A Baroque Master (10 CDs)

Erato/Warner

Zuletzt erschienen:

„Willst du dein Herz mir schenken“ (Vokalstücke von Buxtehude, Bach, Mozart u.a.)

Ton Koopman, Tini Mathot, Klaus Mertens

Challenge/New Arts International


Jubiläen

Am 2. Oktober hat Ton Koopman, der im niederländischen Zwolle geboren wurde, seinen 75. Geburtstag gefeiert. Darüber hinaus jährt sich nicht nur der 40. Geburtstag seines Amsterdam Baroque Orchestra. Vor 40 Jahren haben auch Koopman und Bassist Klaus Mertens erstmals zusammengearbeitet und vor genau 25 Jahren auch mit der legendären Einspielung aller Bach-Kantaten begonnen. Vor fünf Jahren schließlich legte Koopman den letzten Teil der Gesamtaufnahme der Werke Dieterich Buxtehudes auf dem eigenen Label „Antoine Marchand“ vor. Aus dem Französischen übersetzt hieße „Antoine Marchand“ übrigens „Anton Kaufmann“, und auf Niederländisch – „Ton Koopman“.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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