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(c) Niemeyer

Ron Carter

Jazz statt Klassik

Mit 82 Jahren zählt der Kontrabassist zu den Veteranen des Jazz. Dabei wollte er eigentlich klassischer Orchestermusiker werden.

Kerzengerade steht er auf der Bühne, den Korpus des Kontrabasses locker an den eigenen Körper gelehnt, die linke Hand an dessen Hals. Gleich wird er sie hochziehen, mit den langen, geraden Fingern die Saiten drücken und sie mit Zeige- und Mittelfinger der rechten antippen, anreißen, zupfen, schlagen, streicheln, damit sie klingen und summen, manchmal auch schnarren.
Ron Carter ist kein typischer Begleiter. Er spielt seinen Kontrabass wie ein Solist. „Ein Bassist, der sein Handwerk versteht, kann die Band dazu bringen, alles zu machen, was er will“, sagt er und verweist auf die Möglichkeiten seiner eigenen Melodieführung, die Einflussnahme auf die Rhythmen und die harmonische Entwicklung. „Jede Phrase fängt irgendwo an und hört irgendwo auf. Du musst ihr Start und Stopp geben. Du brauchst Komma, Punkte. Dann hat die nächste Phrase mehr Gewicht und Charakter.“
Diese Stärke, sein Spiel zu gliedern, schätzte schon der Trompeter Miles Davis, als er im April 1963 den damals 26-jährigen Ron Carter neben dem Saxofonisten Wayne Shorter, dem Pianisten Herbie Hancock und dem Schlagzeuger Tony Williams in sein Quintett holte und bis ins Frühjahr 1968 beschäftigte – eine Periode, die Carters Image wesentlich stärker prägte, als ihm lieb ist. Denn er ist nicht nur der Ex-Sideman von Miles Davis. Laut Guinness Book of World Records hält er mit der Beteiligung an 2221 Alben den Weltrekord – die Scheiben mit Miles Davis gehen in dieser Masse unter. Andererseits zählen sie zu den zentralen Aufnahmen der Jazzgeschichte.
Dabei wollte er als Kind kein Jazzmusiker werden. Ihn faszinierten weder der Rock’n’Roll der 1950er Jahre noch die großen Entertainer und die amerikanischen Popgrößen. Viel lieber hörte er klassische Musik und übte Cello. Ins Sinfonieorchester seiner Schule wollte er – aber alle anderen Mitglieder hatten eine weiße Hautfarbe. Die Wende kam, als er hörte, dass der reguläre Bassist seinen Abschluss machen würde und kein anderer Junge Kontrabass spielte: „Ich verkaufte mein Cello, lieh mir Geld, kaufte einen Kontrabass, nahm Stunden und war der einzige Bassist in dem Orchester.“
Trotz dieser Finte hatte er im Amerika der 1950er Jahre keine Chance, den Beruf eines Orchestermusikers zu ergreifen. Als Aushilfe war er zwar im Rochester Symphony Orchestra willkommen, nicht aber als festes Orchestermitglied. Der Dirigent Leopold Stokowski raubte ihm die letzten Hoffnungen, indem er dem aufstrebenden Musiker sagte, er hätte ihn zwar gerne im Orchester, könne dies aber im Vorstand nicht durchsetzen. Erst nach dieser Ernüchterung wandte er sich ernsthaft dem Jazz zu: der Beginn einer fast 60 Jahre andauernden Karriere, die ihn zu einem der bedeutendsten Kontrabassisten des Jazz machte. „Klassikmusiker und Jazzmusiker verwenden dieselben Töne“, erklärt er lapidar. „Die Klassiker sagen dir, was du spielen sollst, und die Jazztypen sagen: Finde deine eigenen.“ Sein Kontrabassstudium an der Manhattan School of Music schloss er trotzdem mit einer Transkription von Mozarts Fagottkonzert ab.

Der Sideman im Spot

„Ich bin ein guter Sideman“, sagt er. „Ein guter Sideman muss die Fähigkeit haben, die Musik von jemand anderem so klingen zu lassen, als sei es seine eigene. Er muss zu dem Konzept etwas beitragen, ohne seine Persönlichkeit zu verlieren.“ Nicht nur Jazzmusiker, sondern auch unzählige Rock- und Popbands sowie Sänger, Entertainer und sogar HipHop-Formationen wie „A Tribe Called Quest“ engagierten ihn. Dabei lernte er, wie wichtig ein profunder Geschäftssinn ist: „Musiker, die häufiger Nein sagen, verdienen mehr Geld als diejenigen, die Angst vor dem Nein haben. Sie akzeptieren das niedrigste Angebot. Wem ich Nein gesagt habe, der weiß beim nächsten Mal, welche Summe ich für meine Dienste verlange.“
Was macht einen guten Musiker aus? Ron Carter deutet nach oben: „Was ich mache, ist ein von Gott gegebenes Talent“, sagt er. Geübt hat er außerdem – und zwar konsequent. „Wenn mich junge Musiker um einen Rat bitten, sage ich ihnen: Ihr müsst ernsthaft üben – also nicht vor dem Fernseher und auch nicht mit einer Tasse Kaffee. Üben hat mit Disziplin zu tun. Also nicht aufwärmen, zehn Minuten rumdödeln, zwanzig Minuten wirklich am Instrument arbeiten und dann noch ein bisschen rumalbern. Der Bass darf erst in seinen Koffer zurück, wenn du dir sagen kannst: Diesen Schritt habe ich heute geschafft.“
Konsequenz und Geradlinigkeit prägen sein Leben. „Sei immer eine halbe Stunde zu früh da“, zählt zu seinen Maximen und „Die Bassisten gehen nicht auf die Palme. Sie sind Klasdie Palme, das Licht, der Schatten, der Regen, alles.“ Oder, in anderen Worten: „Sei ein nice guy.“ Dazu gehört auch, Verpflichtungen einzuhalten – selbst wenn sie den nächsten Schritt in der Karriere behindern. So hatte er 1963 dem Trompeter Art Farmer für zwei Wochen zugesagt. Am dritten Tag dieses Engagements kam Miles Davis zum Konzert, um ihn für eine Tournee zu verpflichten. Ron Carter zögerte, denn er stand bei Farmer im Wort. Darauf bat Davis selbst bei Farmer um die Freigabe und nahm Carter unter Vertrag: der Beginn von dessen Weltkarriere.
„Musik ist kein Luxus“, betont Ron Carter. „Sie ist eine Notwendigkeit. Es gibt Untersuchungen, dass Kinder, die Musikunterricht hatten, viel bessere Bürger oder bessere Ärzte sind. Sie sind eher fähig, unterschiedliche Ansichten auszutauschen und ihre Standpunkte zu vertreten.“ Diese soziale Kompetenz ergänzt eine zweite: die Disziplin. „Die meisten Menschen haben lediglich eine sehr kurze Spanne der Aufmerksamkeit. Sie wollen alles im Handumdrehen erfassen. Bei der Musik geht das nicht. Hier muss man den langen Weg gehen: drei Stunden am Tag üben, Unterricht nehmen, auftreten, beim Spielen in der Band lernen.“ Das prägt auch für außermusikalische Bereiche den Charakter.
In einer Jazzband geht es nicht um die absolute Freiheit. Entscheidend sind die Dynamik der Gruppe und die Fähigkeit des Bandleaders, einerseits Vorgaben zu machen und andererseits die eigenen Kompositionen für die individuellen Beiträge der anderen freizugeben. Für Ron Carter zählt es zu den Legenden um den Jazz, es würden lediglich Anfang und Ende einer Nummer auf Lead Sheets notiert und alles andere dazwischen werde improvisiert. „Bei einem Konzert haben wir sechs ausgearbeitete Arrangements und vier Titel, bei denen nur die Themen feststehen“, sagt er. „Mein Job als Bandleader ist es, eine Story für die Nacht zu planen und sie den Leuten zu präsentieren: Das ist unsere Story. Die ist mit dem letzten Ton beendet.“ Schon deshalb ist er kein Freund von Zugaben.

Neu erschienen:

Foursight – Stockholm Vol. 1

Ron Carter

IN+OUT Records/Edel


Jungfernfahrten und Basslegenden

Ron Carter wurde am 4. Mai 1937 geboren. Mit zehn Jahren Cellounterricht, mit 24 (1961) Master als Kontrabassist. Er unterrichtete später unter anderem am City College of New York, der Eastman School of Music (Rochester) und Juilliard School (NYC). Zu seinen berühmtesten Plattenaufnahmen zählen „Out There“ (1960, Bandleader Eric Dolphy), die 1963 bis 1968 entstandenen Aufnahmen mit dem Miles Davis Quintet sowie „Maiden Voyage“ (1965, BL Herbie Hancock) und „Speak No Evil“ (1964, BL Wayne Shorter). Unter eigenem Namen präsentierte er auf „Uptown Conversation“ (1970) und „Piccolo“ den Bass als Soloinstrument. Später ragen „Ron Carter’s Great Big Band“ (2011), „The Golden Striker“ (2013) und „Foursight – Stockholm“ (2019) hervor.


Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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