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(c) SNFCC/Yiorgis Yerolymbos

Musikstadt

Athen

Langsam erholt sich die griechische Hauptstadt von der Wirtschaftskrise. Kulturmotor ist dabei das neue Gebäude der Nationaloper.

Gut, Jericho mit seinen durch Posaunenschall gefallenen Mauern ist als Musikstadt viel, viel älter, heute ist es aber doch nur noch ein Kleinstädtchen. Ganz anders ist es im aktuell noch als Großstadt nicht nur beindruckenden Athen. Obwohl in der lauten, auch dreckigen Metropole viel getan wurde in den letzten Jahren. Schon bei den alten Griechen kam der Musik eine zentrale Stellung im gesellschaftlichen Leben zu.
Bei den kultischen Festspielen spielten die musischen Wettkämpfe eine hervorragende Rolle. Speziell bei den Pythischen Spielen zu Ehren des Apollo in Delphi. Obwohl es im auch so folklorereichen wie -erfüllten Griechenland wirtschaftlich nach wie vor noch nicht zum Besten bestellt ist, ist es erstaunlich, wie viel Musik hier möglich ist.
Als Ergebnis der Krise gibt es sogar einen neuen Klangkörper, das 2014 von dem Komponisten, Pianisten und Dirigenten Vassilis Tsabropoulos gegründete, sich selbst verwaltende Metropolitan Symphony Orchestra of Athens. Es spielt im in den Neunzigern eröffneten Konzertsaal Megaro Mousikis, der von einer privaten Initiative begonnen wurde und hervorragende Akustik bietet. Dann gibt`s das 1996 gegründete City of Athens Symphony Orchestra, das sehr viel griechische Musik anbietet und meist im Städtischen Theater Agios Sostis zu hören ist. Das beim Rundfunk angesiedelte Griechische Nationalorchester musste hingegen in Folge der Krise 2013 seinen Betrieb einstellen.
Jährlich findet seit 1955 zwischen Mai und Oktober das Athens Festival statt, wichtigste Bühnen sind zwei antike Theater, das Iródion oder Herodes-Atticus-Theater unterhalb der Akropolis und das Theater in Epidauros. Doch für den jüngsten Athener Musikanziehungspunkt muss man ein wenig fahren – zum Beispiel mit dem Shuttlebus vom Syntagma-Platz, wo das königliche Schloss steht, das seit 1932 als Parlament dient.
Sonntagnachmittag, die Bucht von Faliro liegt Blaugrau im Sonnendunst. Doch die Menschen wuseln durch die Bibliothek, sitzen am Computer, stehen bei den fliegenden Verkäufern um einen Neskaffeefrappé an, das heimliche Lieblingsgetränk der Griechen, kaufen im Shop oder sie steigen gleich dem Opernhaus aufs Dach.
Und das mit Vorliebe. Im achten Stock geht es aus dem Panoramaaufzug hin zum Panoramablick mit Glasboden auf Akropolis und Hymettos oder zum Lighthouse, dem durchsichtigen Bar-Kubus unter dem Sonnenkollektorendachsegel, hinter dem der Sardonische Golf und die Inseln locken. Zur Stadtseite aber fallen die Dächer, darunter sind auch die Parkhäuser und Funktionsgebäude, als abwechslungsreiche, Olivenbaum durchsetzte Parklandschaft ab, mediterran, formal, als Spielecke, mit Brunnen, Labyrinth, Laufstrecke. Links zirkelt sich Großein 400 Meter langer Kanal als symbolische Verbindung zum Meer.
An den Rändern dieses Blicks glitzern die sich die Hügel hochfressenden Häuser trügerisch im griechischen Licht. Und kein Geräusch ist hier oben mehr von der sechsspurigen Poseidonos- Avenue zu hören. Keine Frage, zwei Jahre nach der offiziellen Eröffnung des neuen Domizils der 1940 gegründeten Griechischen Nationaloper als Teil des Kulturzentrums der Stavros Niarchos Stiftung brummt es dort. Jetzt ist auf dem ehemaligen Rennbahn- und Sportgelände wirklich die „Kallithea“, die „schöne Aussicht“ vorhanden, nach der die gesichtslose Vorstadt zwischen Piräus und der Bucht benannt ist.

Tankermilliarden für das Opernhaus

Die Menschen füllen den Kunst- und Wissenskoloss namens Stavros Niarchos Foundation Cultural Center (SNFCC) mit Leben. Nicht nur drinnen, in der Beton- und Glas-, sondern eben auch draußen in der Baum- und Graslandschaft, die Renzo Piano entworfen hat. Und auch die anschließende Vorstellung ist voll, obwohl ungewohnte Kost geboten wird: Dmitri Schostakowitschs wildwütiges Jugendwerk „Lady Macbeth von Mzensk“, inszeniert von einem Weltstar, den man eher nicht in der Oper vermutet, der aber gute Regiearbeit geleistet hat: Fanny Ardant. Der in Deutschland lebende Vassilis Christopoulos und sein williges Opernorchester schärfen Ecken und Kanten dieser buntscheckigen Partitur.
In warmem, typischem Renzo-Piano-Rot gehalten sind die Sitze und die Holzverkleidung aus amerikanischem Kirschbaum im intimen, aber auch großzügigen Zuschauerraum mit seinen 1400 Sitzen, der nüchtern und doch festlich wirkt. „Als die Leute den Beginn der Bauarbeiten sahen, wurde es ein Leuchtturm der Hoffnung“, sagte man über dieses symbolhafte Kulturzentrum. Es ging voran, ganz nach Plan. Es war für sie. Dem Staat geschenkt, beschlossen schon 2009, von der wohl reichsten privaten Wohltätigkeitsorganisation im Land, die der 1996 gestorbene Reeder Niarchos, Buddy und Konkurrent von Aristoteles Onassis, gegründet hat. Gespeist aus einem Teil seiner – weitgehend steuerfrei – angehäuften Milliarden. Griechische Gegensätze. 670 Millionen Euro hat das SNFCC am Ende gekostet, und natürlich war und ist ein neuer öffentlicher Platz zum Lesen und Musikhören gerade in Griechenland ein unglaublicher Luxus. Aber ein lebenswerter.
In der zweiten Spielzeit lief alles nach Plan. Hier gibt es drei Hinterbühnen, die auch für Proben herhalten müssen, großzügige Ballett-, Chor- und Orchesterräume. Auch ein Großteil der Verwaltung und die Kostümabteilung arbeiten im Haus. Die „Lady“ war die 17. Produktion der Saison im großen Auditorium, 38 waren es bereits im Studio. Man findet im Spielplan natürlich viel Italienisches, aber eben auch Zeitgenössisches – und griechische Operetten, von denen es eine ganze Menge gibt.
Im alten Opernhaus, dem Olympia- Theater aus den Fünfzigerjahren, unweit dem von Theophil Hansen erbauten Stammsitz der Nationalbibliothek, lässt jetzt die Stadt studentische Musiktheaterproduktionen spielen. Auch das Megaron-Konzerthaus produziert ab und an Oper in seinem eigenen Theater. So scheint die Musiktheatersituation in Athen reicher als gedacht. Auch nach der Übergabe an den Staat, der etwa 12 Millionen Euro pro Jahr zuschießt, wird die Niarchos-Stiftung das Kulturzentrum für zunächst fünf Jahre subventionieren. Zehn Millionen Euro jährlich sind eingeplant, die Hälfte für die laufenden Kosten von Park und Kulturzentrum, die andere Hälfte für Veranstaltungen.
Wie sagt doch Operndirektor Giorgos Koumendakis? „Die neue griechische Nationaloper ist das Symbol eines Neuanfangs. Sie steht für eine Freiheit, die leider nicht vielen Menschen in unserem Land vergönnt ist. Für künstlerische Arbeit unter bestmöglichen Bedingungen.“ Und ja, Athen hat nicht nur ein herrliches Akropolis-Museum, es hat nun, in beziehungsreicher Sichtweite, auch so etwas wie eine neue Kunst-Akropolis.

www.greekfestival.gr
www.snfcc.org


Reich beschenkt

Die griechische Nationaloper bietet auch 2019/20 eine Vielfalt von Premieren. Sechs der ambitioniertesten Produktionen mit internationaler Ausstrahlung werden dabei aus dem Topf einer neuen, 20 Millionen Euro umfassenden Spende der Stavros Niarchos Stiftung finanziert. Diese beinhalten Bellinis „La sonnambula“ von der Wiener Staatsoper, Verdis „Don Carlo“, den Graham Vick inszeniert. Zudem gibt es Bergs „Wozzeck“ in der Regie von Olivier Py, Massenets „Werther“ von der Pariser Oper. Schließlich kommt als internationale Koproduktion mit München, Berlin, Florenz und Paris das Performance-Projekt „Seven Deaths Of Maria Callas“ von Marina Abramović und Yorgos Lanthimos.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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