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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Zurzeit veröffentlichen alle Labels wieder Überflüssigkeiten. Allein IHM zu Ehren, den sie freilich auch in Nichtjubiläumsjahren nie wirklich vernachlässigt hatten: Ludwig van Beethoven. Auch die Gesamtaufnahme der fünf Klavierkonzerte mit der Pianistin Mari Kodama und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Kent Nagano ist weder neu, noch wäre sie nötig. Da haben nur alte Studioaufnahmen aus dem Backkatalog einen neuen Karton bekommen (edel/Berlin Classics). Nagano kultiviert, trotz relativ zügiger Tempi, einen behäbigen Mischklang. Die Dynamik ist vornehm reduziert, jedes einsame Rubato wirkt wie durchbuchstabiert. Einzig Kodama, in ihren fein perlenden Soli, bringt etwas Leben hinein. Ergänzt wird das 4-CD-Paket von einer ebenfalls recycelten Aufnahme des Tripelkonzerts mit Kolja Blacher und Johannes Moser sowie zwei neu aufgenommenen, nicht minder brav präsentierten Raritäten: dem Rondo B-Dur WoO 6 (Entwurf des Finales zum zweiten Klavierkonzert) sowie dem Klavierkonzert WoO 4, auch genannt: Beethovens „Nulltes“.

Beethoven hat es vierzehnjährig komponiert, noch in Bonn. Es gibt bereits etliche interessante Aufnahmen von diesem „nullten“ Klavierkonzert, u.a. mit Ronald Brautigam und Howard Shelley. Und jetzt eine weitere, nagelneu und die interessanteste von allen. Sophie-Mayuko Vetter spielt auf einem Broadwood-Hammerflügel, mit scharfer Artikulation, farbreichem Anschlag, in rasendem Tempo und einer subjektiv alle Formprobleme aus den Angeln hebenden Agogik (Oehms/Naxos). Für ein Virtuosen- Showpiece, an dem deutlich noch die Eierschalen der freien Improvisation kleben, weil ein sehr junger Tastenlöwe die eignen Grenzen auslotet und zugleich die des Instrumentes sprengt, ist dies genau das Richtige. Wie Vetter blitzschnelle Saltos aus Arabesken schlägt, in die wilde es-Moll-Episode des finalen Rondos hinein, das ist atemraubend! Die Hamburger Symphoniker und Peter Ruzicka akkompagnieren transparent und klar, mit fast barockem Spaltklang. Vetter ist die Eigenwillige unter den Pianisten, eine Hochfliegende, Tiefsinnende. Mit Mozart hatte sie es zuerst ausprobiert, wie man Fragmente und Vergessenes zum Klingen bringt, um neues Licht auf bekannte Werke zu werfen. Hier steht nun das Klavierkonzert B-Dur op. 19 von Ludwig van Beethoven im Fokus, glanzvoll. Das „Nullte“ geht ihm voraus. Folgt Beethovens sechstes Klavierkonzert: rekonstruiert aus den Skizzen von 1815, als Ersteinspielung. Vetter nennt es: das „Was-wäre-wenn“- Konzert.

Es gibt aber auch echte Beethoven-Alben zum Sich-Verlieben! Florian Benfer und der Deutsche Jugendkammerchor widerlegen mit neunzehn Argumenten a cappella ein vielzitiertes Klischee aus der Beethovenkitsch-Kiste, das da lautet: Dieser Komponist habe nichts Kantables für Stimme komponieren können. Teils sind es originale Chorsätze von Ludwig van Beethoven selbst, wie der Elegische Gesang op. 118; teils kongeniale Arrangements, unter anderem geschrieben von Clytus Gottwald (Carus/ Note 1). Betörend schön: Beethovens Erlkönig- Chor, mit verteilten Rollen.

Der Ballade widmet der junge Bariton Konstantin Krimmel sein Debüt-Album. Trägt noch einmal, begleitet von Doriana Tchakarova, lauter alte Lieblingsballaden vor: von Carl Loewe „Erlkönig“ und „Tom der Reimer“, von Robert Schumann „Belsatzar“, von Adolf Jensen das „Waldesgespräch“, von Franz Schubert „Der Zwerg“ (Alpha/Note 1). Und wenn wir uns nicht verhört haben, ist dies zugleich der Startschuss zu einer großen Karriere. Dieser Samtbariton mit dem großem Ambitus, dem reichen Volumen, beseelt von einer natürlichen Ausdruckkraft, wie man sie selten erlebt, hat erst vor einem halben Jahr den Deutschen Musikwettbewerb gewonnen, haushoch. Auch sonst räumte Krimmel 2018/2019 alle Preise ab, wo auch immer ein Gesangswettbewerb stattfand, wie ein Phönix aus der Asche.

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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