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Wanderer zwischen den Welten: Hans Zender † © Astrid Ackermann

Pasticcio

Im Hier und Gestern

„Die Typen, die sich mit dem Walkman auf den Ohren von der lebendigen Wirklichkeit der Klänge unserer Welt abschotten, gleichen jenen Abonnenten, die in die Oper gehen, um sich immer die altvertrauten Stücke anzuhören: Beide wollen im Bekannten schwelgen und die lebendige Zeit in ihrer wilden Unvorhersehbarkeit eliminieren.“ Mit diesen Zeilen aus seinem Aufsatz „Über das Hören“ machte Hans Zender 1991 seiner grundsätzlichen Abscheu vor jeglicher Form von Engstirnigkeit und Bequemlichkeit, musikideologischer Borniertheit und akustischer Scheuklappen Luft. Und natürlich hatte Zender mit diesem Klagegesang nur eines im Sinn: Er wollte all diejenigen einladen, sich vielleicht doch einmal auf das Abenteuer „Neue Musik“ einzulassen. „Neue Musik“, so Zender weiter, „reißt die Menschen aus aller falschen Sicherung heraus und versetzt sie wieder in die Offenheit des Hörens.“
Im Laufe seines langen Musikerlebens hat er immer wieder zur Feder gegriffen, um sich in Essays Gedanken über die verschiedensten Facetten des Musikbetriebs zu machen. Über die deutsche Orchesterlandschaft und die ständig vorangetriebene Kommerzialisierung. Und immer wieder hielt er lesenswerte und leichtverständliche Plädoyers für Komponisten, etwa für John Cage, Helmut Lachenmann und Olivier Messiaen. Unterschiedlicher konnten sie nicht sein. Aber mit ihren Klangsprachen standen sie für Zender genau für eine zeitgenössische Musik, die Wagnisse eingeht und den Erfahrungsradius beim Zuhörer immens erweitert.
Allein diese Offenheit gegenüber der Komponistenkollegenschaft spiegelte von jeher eine Position in der Neuen Musik-Szene wider, die zumindest in Zenders Generation nicht an der Tagesordnung war. Der 1936 in Wiesbaden geborene Komponist, Dirigent und Hochschul-Professor brach zwar bereits schon im Alter von 14 Jahren nach Darmstadt auf, wo sich bei den Ferienkursen die Nachkriegsavantgarde traf. Und nicht zuletzt von Messiaen und Stockhausen war er beeindruckt. Doch ihr Jünger wurde er nicht. Überhaupt war Zender bei aller Neugier für die bisweilen radikale Entwicklung der Gegenwartsmusik nie ein Dogmatiker, der einer bestimmten Mode nachlief. Vielmehr hielt er es mit jenem musikalischen Pluralismus eines Bernd Alois Zimmermann, der für ihn ebenfalls zum wichtigen geistigen Leitstern wurde. Asiatische Einflüsse, lodernde Mikrotonalität und melodramatische Italianità finden sich denn auch in Zenders umfangreichem Schaffen, das Opern, Orchester- und Kammermusik umfasst. Und nicht zuletzt seine nachschöpferischen Neubelichtungen großer Meisterwerke haben mittlerweile eine erstaunliche Resonanz auch bei einem Publikum erfahren, das nicht gerade auf neue Töne abonniert ist. Schon fast ein Klassiker der jüngsten Moderne ist da Zenders komponierte Interpretation von „Schuberts Winterreise“ geworden. Die 24 Schubert-Lieder hat er dabei eben nicht einfach für Tenor und Kammerorchester eingerichtet, sondern auch über die Instrumentation neue Klangräume für all das Seelen-Weh und -Ach, das Sehnen und Hoffen des einsamen Wanderers gefunden.
Hans Zender war darüber hinaus auch ein wirkungsmächtiger Dirigent, der leitende Positionen an den Opernhäusern in Bonn und Hamburg sowie beim Rundfunksinfonieorchester Saarbrücken bekleidete. 1999 ernannte ihn das mittlerweile aufgelöste SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zum ständigen Gastdirigenten. Jetzt ist Hans Zender 82-Jährig verstorben.

Guido Fischer



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