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(c) Irene Zandel

Dirk Kaftan

Der Kosmos hinter den Tönen

Der Generalmusikdirektor will mit seinem Bonner Beethoven Orchester das Jubeljahr 2020 nutzen – für ein Bekenntnis der Stadt zu ihrem größten Sohn.

Wir treffen uns nach der Probe in der Stadthalle Bad Godesberg. Ein historischer Ort, wurde doch hier 1959 das Godesberger Programm der SPD erdacht und verabschiedet. Dirk Kaftan ist „durch“, er ist nachts von einem Münchener Konzert zurückgekommen, hat nun die Probe für das Konzert mit der türkischen Gruppe Kardes Türküler hinter sich und eine Vorstellung von Strauss’ „Rosenkavalier“ vor sich, die er eigentlich an einen Kapellmeister abtreten wollte, der aber erkrankt ist. Volles Programm.

RONDO: Ist der Probenort hier in Godesberg Teil des Bonner Dauer-Problems, nämlich die Heimatlosigkeit des Beethoven Orchesters?

Dirk Kaftan: Ja, wir sind immer unterwegs. Wir machen das Beste aus der Situation. Unser Konzept ist es, mit starken Inhalten die Hülle vergessen zu machen.

RONDO: Wie erklären Sie sich, dass Sie in so kurzer Zeit das Publikum verdoppeln konnten?

Kaftan: Fast verdoppeln. Wir haben das Angebot sehr ausgeweitet vom kleinen Stadtteilkonzert bis zur großen Open-Air-Gala. Das alles ist auch ein Puzzlespiel der Disposition, denn wir spielen ja parallel Oper. Das erweiterte Angebot bedeutet einen immensen Mehraufwand für jeden Einzelnen. Jeder muss mehr arbeiten, seit ich da bin. Aber die Stimmung ist extrem konstruktiv und positiv. Alle sehen, dass das etwas ist, das die Stadt mitreißen kann und entscheiden kann darüber, wie es in der Zukunft weiter geht.

RONDO: Welche Rolle spielen Sie mit Ihrem Orchester im Beethoven-Jahr?

Kaftan: Das Beethoven Orchester ist in Bonn der Akteur, der durch das ganze Jahr präsent ist und die größte Bandbreite an Programm anbietet. Wir spinnen eine Jahres-Dramaturgie und erzählen eine Sinfonie in vier Sätzen: Es geht los bei der Verortung, dann kommt das Revolutionäre, das die Welt Umkrempelnde Beethovens. Im dritten Satz thematisieren wir die Utopien, und der vierte Satz ist das Finale, ein Ausblick auf das, was kommt. Wir hoffen, dass viel von diesem Spirit in der Stadt bleibt.

RONDO: Und Beethoven ist das Zentrum der Programme?

Kaftan: Als Inspirationsquelle ja, rein musikalisch nicht. Wir lassen uns von Beethoven inspirieren, von seinen Idealen, Gedanken. Das Faszinierende an ihm ist ja, dass er sich mit so vielen Ideen verbinden lässt, die außermusikalisch sind. Die ganz aktuell etwas zu tun haben mit Menschenrechten, Völkerverständigung, interkulturellem Dialog. Wir wollen ihn anfassen und ihn nicht anbeten. Und immer wieder den Weg finden zu seinem Text, zur Aufführungspraxis und zum Repertoire der Zeit.

RONDO: Bedarf Beethoven einer Neudefinition, gibt es Klischees, die auf ihm lasten?

Kaftan: Eher Klischees, die die ganze klassische Musik betreffen. Unser Thema ist die Relevanz Beethovens in der heutigen Zeit, die ihn zu so einem idealen Botschafter dafür macht, die klassische Musik nicht als Selbstzweck einer kleinen Klasse zu sehen, oder als Medium der reinen Repräsentation.

RONDO: Welche Rolle spielt Beethoven in Ihrer persönlichen Musikerbiografie?

Kaftan: Beethoven ist ein Spiegel für uns Musiker, weil er so widersprüchlich ist: Einerseits haben wir diesen weltumarmenden Geist, der eine Art Universalsprache versucht. Andererseits haben wir aber auch dieses in die Tiefe gehen, in die Vereinsamung, auch zum Teil in die Transzendenz. Ich glaube, das ist ein Kosmos, der hinter seinen Tönen steckt, an dem man sich nur immer wieder reiben und messen kann. Und eine Motivation für den Anspruch, Inhalte und Ideen hinter Tönen zu sehen und sich als Musiker immer wieder zu hinterfragen: Senden wir das wirklich? Haben wir wirklich etwas zu sagen? Dafür ist Beethoven für mich der Gradmesser.

RONDO: Wenn man Bonn mit Salzburg vergleicht, dann gibt es hier noch viel Luft nach oben in puncto Identifikation. Woran liegt das?

Kaftan: Die Frage habe ich mir auch gestellt, als ich herkam. Aber erstmal: Beethoven ist nicht Mozart! Er ist viel widerspenstiger. Das ist aber eine große Chance, die sehr gut zu Bonn passen könnte. Ich sehe die Gründe auch in der Historie: Bonn war Bundeshauptstadt, das Thema von Bonn war Politik. Danach kochte ein unschöner Streit hoch, den man zuspitzen könnte auf die Formel Kultur gegen Sport. Im Moment sehe ich eine Chance auf Versöhnung. Wir brauchen ein echtes Bekenntnis. Das aber hängt ab von der Definition, was Beethoven für uns eigentlich ist. Ist er nur etwas für das Bildungsbürgertum? Dieser Verdacht hat viele aufgebracht. Oder ist er vielmehr ein Spirit, der auch für den Sport sehr viel Gutes bringen kann? Nämlich den Spirit des Zusammenhalts, der Identifikation, der Identität und des Lebensgefühls.

RONDO: Ist die Politik denn jetzt mit im Boot?

Kaftan: Ich sehe viel Unterstützung in der Stadtpolitik für eine Arbeit, die sich an die Bürger wendet und eben nicht Spaltung betreibt. Es gibt einen Gesinnungswandel hin zu einem Bekenntnis.

RONDO: Inwiefern hat sich Ihr Beethoven-Bild im Laufe der Zeit verändert oder vertieft?

Kaftan: Ich denke jeden Tag neu darüber nach. Es ist schön, dass das Orchester den Weg einer Entdeckungsreise mitgeht, wir graben zum Beispiel aus, was Beethoven hier an der Hofkapelle dirigiert hat, beschäftigen uns mit Spielweisen der Zeit, experimentieren mit historischem Instrumentarium.

RONDO: Hat denn 2020 der vor Pathos triefende, dick besetzte Beethoven endgültig ausgedient?

Kaftan: Es geht nicht um Abrüsten, eher um Hinterfragen. Viele erste Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis haben sich überholt. Die Themen Artikulation, Freiheit der Agogik, Rubato, selbst Vibrato sind keine dogmatischen Themen mehr, sondern werden differenziert betrachtet. Und natürlich ist Beethoven auch mal pathetisch, und mal schwer. Aber nicht nur, und wenn, dann an der richtigen Stelle.

RONDO: Wie stehen Sie zu der heiß diskutierten Frage der Beethoven’schen Tempi? War sein Metronom kaputt?

Kaftan: Nein, das Metronom war nicht kaputt. Ich denke, dass er sehr genau entschieden hat, was er uns Musikern aufbürdet. Allerdings, auch hier ist jedes dogmatische Denken falsch, denn Beethoven hat nachweislich mit flexiblen Tempi gearbeitet. Die Metronom- Angaben sind Anhaltspunkte, die uns Aufschluss geben über Charakter und Extreme, aber angepasst werden müssen an den Raum, das Ensemble und an Momente des Musizierens. Die Angaben muss man ernst nehmen, sie sind ein Parameter wie Dynamik und Noten auch.

RONDO: Freuen Sie sich auf das Beethovenjahr?

Kaftan: Ja, es ist eine Riesenherausforderung. Der Erfolg wird sich daran messen lassen müssen, ob die Bonner aus diesem Jahr herausgehen mit der Erkenntnis: Ja, ich verbinde jetzt mehr mit dem Kerl. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, den Spirit anzufachen; dass wir danach nicht mehr die Grundsatzdiskussionen führen müssen: Taugt das, oder kann das weg?

RONDO: Damit die Legitimationsfragen endgültig vom Tisch sind?

Kaftan: Endgültig werden sie das nie sein, ich finde es auch richtig, dass wir unter Beweis stellen müssen, dass man uns braucht.

www.beethoven-orchester.de


Zu Beginn ein Marathon

Die Eröffnungswoche des Beethoven-Jahres in Bonn endet mit einem Beethoven-Marathon am 21. Dezember, der alle Sinfonien an einem Tag erklingen lässt. Der Tag beginnt auf dem Petersberg mit der Originalbesetzung der 3. Sinfonie und einer Klavierbearbeitung der Siebten. In der Stadt folgen eine Bearbeitung der Achten als Dialog mit dem Orient, die Vierte in der Originalversion sowie die Zweite mit einem Orchester, das zur Hälfte aus Profis und zur Hälfte aus Laien besteht. Der Tag wandert in die Oper mit der Sechsten mit einer live Sandmalerei, mit der Neunten mit Bonner Chören und endet in einer E-Version der Fünften, die überleitet in eine Party.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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