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(c) Wien Museum

Beethoven-Bilder

Interpretation liegt die Kraft

Beethoven geht immer. Gerade weil er von jeher ein Komponist der Interpreten war. Die haben sich ihren jeweils sehr eigenen Reim gemacht.

Zu Beethoven? Ist alles gesagt. Komisch nur, dass das Idiom des Bonners recht schwierig zu treffen ist. Immer komplizierter sogar. Fürs Freiheitspathos Beethovens fehlt uns heute die Erfahrung echter politischer Zwänge. Auch seinen kantigen Kontrapunkt findet man nur höchst selten umgesetzt. Beethoven-Sonaten klingen heute meist, als wär’s Haydn oder Schubert. Ein Gefühl von Negativität – und der Versuch, diese zu überwinden – ist einzigartig für und bei ihm. Genau dafür reicht es bei uns, auch zum Beethoven-Jubiläum, oft nicht aus. Gut, dass das runde Datum um die Ecke kommt, um hieran etwas zu ändern.
Wer war dieser Mann überhaupt? Die typischen Eigenschaften Beethovens sind biografisch kaum je besser und pittoresker auf den Punkt gebracht worden als in der vor einigen Jahren erschienenen Monografie von Jan Cayers. Beethoven sei ein Mann vieler Damenverhältnisse gewesen, lernt man da. Und er habe oft an Verstopfung gelitten. – Beides merkt man, oder?! Nichts Leichtes, nichts mozartisch Dahinfließendes ist ihm eigen. Alles scheint stockend. Die lieblichen Einschlüsse und Goldadern dagegen, die bei ihm durchs Gestein laufen, mögen Ausdruck lyrischer Stimmungen sein. Die wären mit Liebesverhältnissen wohl vereinbar.
Beethoven, nicht zuletzt, war Wahl-Wiener. Die gefühlt 150 Adressen, an denen er dort überall gewohnt hat, sind Ausdruck einer fast unüberbietbaren Rastlosigkeit. Der Mann blieb sich treu darin. Noch wichtiger: Beethovens Werke erscheinen uns heute wie in Erz gegraben. Wie ewig gültige Verlautbarungen eines Genies, das mit einem Fuß in der Unendlichkeit stand. Beethoven selber aber war seinen Wiener Zeitgenossen hauptsächlich als virtuoser Improvisator bekannt, der im Konzert staunenswert gut fantasierte und variierte. Das genaue Gegenteil also von dem, was wir heute mit ihm assoziieren. Schon diese wenigen Merkwürdigkeiten zeigen, wie schief unser Beethoven-Bild möglicherweise ist. Und wie viel Lust wir darauf haben dürfen, Neues an ihm zu entdecken.
Die Frage, was dieses Neue sein könnte, haben sich in letzter Zeit alle möglichen Plattenlabels, Konzertveranstalter und Theater vorgelegt. Ihr Ächzen meint man hören zu können, wenn man sieht, welche Mäuse dieser Berg kreißend aus sich entlassen hat. Es ist aber auch schwer! Alle großen Pianisten (und noch ein paar mehr) haben längst ihre Sonaten-Zyklen abgeschlossen (etliche mehrfach, z.B. Alfred Brendel und Rudolf Buchbinder). Bei den Sinfonien mag man vielleicht auf Teodor Currentzis gespannt sein. Bei harmonia mundi, weil René Jacobs so fix nicht ist, glaubt man an einen gemischten Zyklus. Jacobs Neueinspielung der „Leonore“ immerhin führt vor, wie man mit viel Theaterdonner Staub wegbläst. Ansonsten: die übliche Kehraus-Politik. Also Jubiläums-Boxen und Sammel-Endlagerstätten in Kastenform. Dagegen wollen wir hier nichts sagen. Die Boxen sind die ultimativen Collector’s Items von morgen.

Nazi-Braut und Filzlocke

Unser Beethoven-Bild wurde durch Interpreten geprägt. Jede Aufnahme hat ihr eigenes Verfallsdatum. Das konnte man in den letzten Jahren erfahren, wenn man in ehemals epochale Neuanfänge hineinhörte – wie etwa John Eliot Gardiners Sinfonienzyklus, der nicht sehr gut gealtert ist. Komisch, dass die wirklich alten Sachen trotzdem unvermindert leuchten. Furtwänglers Beethoven etwa, aber ebenso Otto Klemperer, Carl Schuricht oder bei den Klaviersonaten die greisen Tasten-Titanen wie Artur Schnabel und Wilhelm Kempff. Wahnsinn!, wie da schwerblütig gewuchtet wird und Berge leichthändig versetzt scheinen. Man kann es nicht wiederholen. Es mag nicht ewig gültig sein, beeindruckt aber aufgrund großen Ernstes immer noch.
Extremer sogar sieht es beim „Fidelio“ aus. Heute ein Problemkind des Opern-Repertoires, braucht man nur einmal die alte Garde von Martha Mödl, Christa Ludwig oder Birgit Nilsson zu hören (in der Hosenrolle der Leonore), um deutlich zu erkennen, wo der Beethoven-Hammer hängt. Kaum jemand kann diesen Damen das Wasser reichen. Das liegt nicht an gesangstechnischen Fragen. Sondern an Persönlichkeit und historischer Nähe. Für diese Leute war Beethovens einzige Oper noch kein Blockbuster und kein Relikt einer sakrosankten Vergangenheit. Sondern lebendiges Stück der Aufklärung – um es einmal feierlich auszudrücken.
Stöbern wir weiter! Seltsam, dass im Bereich des Streichquartetts der Einfluss der historischen Aufführungspraxis heute sehr folgenreich zwar gewesen sein müsste. Man verwendet mittlerweise gern alte Bögen, wenn nicht gar Darmsaiten (letzteres allerdings selten). Die Standard-Zyklen etwa des Juilliard Quartet, des Amadeus Quartetts oder des Quartetto Italiano, die unser Verständnis der Sache geprägt haben, sind technisch längst überrundet. Im Geist der Sache aber sind sie immer noch: state of the art. Ist wenig genug passiert.
Hängt das vielleicht damit zusammen, dass der Kreis der Hauptwerke seit Jahrzehnten bei Beethoven nicht mehr erweitert worden ist? Die großartigen Streichtrios, ebenso die Lieder sind heute noch genau so wenig bekannt wie vor 40 Jahren. Weil sie nichts taugen? Ach was. Wann, lieber Leser, haben Sie zuletzt die Gelegenheit erhalten, Beethovens „An die ferne Geliebte“ im Konzertsaal zu hören? Diese ferne Geliebte ist uns heute weiter entrückt denn je.
Der Beethoven-Kult von vor 80 Jahren, der unser Verständnis dieses Komponisten bestimmte, ist freilich doch vorbei. Damals gab es noch Interpreten, die sogar äußerlich dem Meister nacheiferten. Die alte Elly Ney etwa, mit großer Karriere im Nationalsozialismus, erschien als weibliche, lebendige Ausgabe einer Beethoven-Büste. Der junge Wilhelm Backhaus, mit filziger Tolle, glich Beethoven gleich selbst.

Kein Melodiker

Dass alle Verehrung und Verdinglichung mit dem Komponisten selber wenig zu tun hat, sieht man nirgendwo deutlicher als am grotesken Sachverhalt seiner Umbettung. Jahre, nachdem der Komponist 1827 auf dem Währinger Gottesacker bestattet worden war (neben ihm ein Jahr später Schubert), entschied man, dass der beschauliche Bezirksfriedhof doch wohl eine Nummer zu klein sei. Die Komponisten- Runde, in die man ihn auf dem Wiener Zentralfriedhof umbettete, vermittelt heute (in Gesellschaft von Brahms, Johann Strauß u. a.) eine Art Walt Disney-Stammtisch im Dienste der Ewigkeit. Begehbare Kanonik.
Man sollte auch nicht vorschnell davon ausgehen, dass zum Mythos Beethovens die ersten ‚Beethovenianer’ beigetragen hätten, so etwa der Geiger Ignaz Schuppanzigh. Zwar führte das Schuppanzigh-Quartett etliche der großartigen Streichquartette erstmals auf. Doch niemand weiß, wie. Außerdem: selbst wenn! Wie Aufnahmen historischer Geiger, etwa von Joseph Joachim, lehren, nahm sich die Nachwelt noch nie ein Beispiel daran. (Joachim vibrierte weniger als alle nach ihm.) Nein, für die Beethoven-Wahrheit ist jede Generation selber zuständig.
So viele Stärken man dem großen Mann nachsagen mag, eine Schwäche hatte er: Melodiker war er kaum – bzw. nur ausnahmsweise. Der berühmte Anfang der Fünften („Ta-ta-tataa“) ist eher ein Motiv als eine Melodie. Wo Beethoven ausnahmsweise mal einen richtigen Melodien-Einfall hatte – etwa im Finalsatz des letzten Streichquartettes op. 135 –, da ließ er nicht wieder locker. Und kostet den Einfall aus bis zum Geht-nicht-mehr. Sein Genie bestand – in melodischer Hinsicht – darin, Ideen und Bausteine so ingeniös aufzunehmen, abzuwandeln und zu verarbeiten, dass er fast unabhängig wurde von der Melodie.
Wenn es nicht Schuppanzigh war, wenn es nicht die Melodien waren, die Beethoven zu dem gemacht haben, was er heute ist ... Wer dann? Zu den frühesten Schallplatten-Aufnahmen des sinfonischen Repertoires, die es überhaupt gibt, gehört Beethovens Fünfte mit den Berliner Philharmonikern unter Arthur Nikisch. Die Aufnahme klingt wie ein alWieter Staubsauger, dem die Luft ausgegangen ist. Auch die eine Violinsonate, 1928 genial eingespielt von Fritz Kreisler und Sergei Rachmaninow, sagt mehr über das Stilempfinden ihrer Interpreten aus als darüber, wie Beethoven klingen sollte. Das Paradox: Beethoven wurde ganz entschieden durch die Sichtweisen geprägt, mit denen er uns bekannt gemacht wurde. Doch die Karajans, Toscaninis und Furtwänglers verfügen über so wenige interpretatorische Gemeinsamkeiten, dass man nicht davon ausgehen sollte, wir folgten dem Beethoven-Bild der großen Alten.

Komponist im Kunstlicht

Trotzdem ist dessen Sockel gut sichtbar. Ein Beethoven-Bild existiert. Das muss damit zusammenhängen, dass dieser Komponist der erste war, dessen Werke nie wieder aus der Mode kamen, nachdem sie einmal das Kunstlicht der Welt erblickt hatten. Das war neu damals. Auf Haydn mag es zwar ähnlich zutreffen – doch in weit kleinerem Maßstab. Mozarts Hauptwerke, wie man an „Così fan tutte“ ablesen kann, wurden nicht gleich in ihrer Größe anerkannt. Bach schließlich musste total vergessen werden, bevor er uns als die Leuchte erschien, die er ist. Beethoven dagegen? Seit 250 Jahren ununterbrochen in den Charts.
Sein Rang verdankt sich gerade der Tatsache, dass große Interpreten sich ihren eigenen Reim machten. Friedrich Gulda modernisierte ihn, indem er kein Rubato spielen konnte. Yehudi Menuhin verwandelte das Violinkonzert in klingenden Humanismus. Für Furtwängler war er ein Proto-Wagner. Für Fischer-Dieskau ein Zeitgenosse Schuberts. Harnoncourt und die seinen entdeckten den Klang-Revolutionär in ihm.
So sehr all diese Bilder divergieren und auseinander driften, so konsistent hielt Beethoven stand. Darin ist er womöglich der goldschnittigste Komponist von allen. Nicht so robust und unruinierbar wie Bach – aber dafür mit mehr Chancen, interpretatorischen Eindruck zu machen. Nicht so schwierig zu treffen wie Mozart – weil er nicht so unfassbar schlicht ist. Aber weniger wechselhaft als Schubert, Schumann oder die Romantiker.
Ein gut begehbarer Steinbruch, mit anderen Worten. Wenn man jetzt auch noch ein paar schöne Ecken dieses Geröllreservoirs besser kennenlernt, die bislang verschlossen schienen – zum Beispiel die herrlichen Klavier- Trios, die im Konzert kaum eine Rolle spielen –, dann ist uns um dieses Jubiläum nicht bange. Ein Blick in die Wechselfälle seiner Interpretation lehrt: Da hat Beethoven schon ganz anderes überlebt.


Die Nr. 9 in Silber

1Dass Ludwig van Beethoven glücklich wäre, Aushängeschild der Schallplattenindustrie zu sein, kann man sich kaum vorstellen. Die Mehrzahl seiner Werke ist kleinformatig, also kommerziell weniger interessant. Beethoven war ein Grübler, Einzelgänger und Querkopf. Ein Selfmade-Mann ohne heißen Draht zum Establishment. Dennoch erfuhr er – durch die Portionierung in Silberscheiben – eine stärkere Fetischisierung als jeder andere Komponist. Er hat sogar das Format der CD indirekt mitbestimmt. Die Lauf-Länge der CD von knapp 80 Minuten liegt daran, dass Beethovens Sinfonie Nr. 9, die so lang ist, auf eine Scheibe passen sollte. So lautete der Vorschlag Karajans.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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