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Murray Perahia (c) Harald Hoffmann/DG

Die neue Beethoven-Gesamtedition

Alles im Kasten

Mit einem editorischen Großprojekt wird das Beethoven- Jahr 2020 eingeläutet: einer Box, die auf 123 Tonträgern das Gesamtwerk präsentiert.

So weihevoll ist die Stimmung selten bei Pressekonferenzen wie an diesem Dienstagmorgen Anfang September. Feierlich, gelöst, schlicht wehen die Klänge eines Streichquintetts durch den Konferenzraum des Bonner Beethovenhauses. Hier, wo die bis heute andauernde Weltkarriere des Komponisten ihren Anfang nahm, treibt der „letzte musikalische Gedanke“ Beethovens selbst abgebrühten Medienvertretern die Tränen in die Augen. Das etwa dreieinhalb Minuten lange Stück im reinsten C-Dur, herausgelöst aus Beethovens schriftlichen Hinterlassenschaften von einem findigen Verleger, ist Teil einer Kompilation von Raritäten und Weltersteinspielungen – die wiederum Teil eines weit größeren Projekts ist: einer Box mit 123 Tonträgern (118 CDs, drei Blu-ray Audios und zwei DVDs), nebst weiteren Neuveröffentlichungen von den Universal-Labels Deutsche Grammophon und Decca zur Feier des 250. Beethovengeburtstags im kommenden Jahr auf den Markt gebracht. Beethoven- Fans mit Sitzfleisch bieten rund 175 Stunden Musik Gelegenheit für den einen oder anderen Hörmarathon. Mehr als 250 Künstler und Ensembles sorgen für Abwechslungsreichtum und einen spannenden Überblick über unterschiedliche Sichtund Herangehensweisen an das Phänomen Beethoven.
Einer dieser Künstler, die die Box mit dem Titel „The New Complete Edition“ präsentiert, ist der Geiger und Allround-Künstler Daniel Hope, der hier nicht nur in der Streichquintett- Formation im „letzten musikalischen Gedanken“ zu hören ist, sondern auch an anderer Stelle, etwa in einer Fragment gebliebenen A-Dur- Violinsonate oder dem herzerfrischenden Duo für Violine und Violoncello in Es-Dur. Beides Werke, die ebenfalls nie zuvor auf CD erschienen sind. „Es ist eine Ehre, wiederentdeckte Werke Beethovens zum ersten Mal aufzunehmen, und das in Zusammenarbeit mit der sorgfältigen wissenschaftlichen Arbeit des Beethoven- Hauses“, lässt der gebürtige Südafrikaner mit sichtlichem Stolz wissen. Zum Beethoven-Haus hat Daniel Hope eine besondere Beziehung, wurde er doch erst vor wenigen Monaten zum Präsidenten dieser Institution gewählt, deren Geschäftsführender Direktor Malte Boecker nun an seiner Seite sitzt. Im „Nebenberuf“ ist er als Künstlerischer Direktor zuständig für die Kampagne BTHVN2020, die eine Vielzahl an Projekten rund ums Jubiläum im kommenden Jahr auf die Beine stellt, gleichzeitig aber auch die Präsenz der Beethoven-Stadt Bonn im internationalen Kulturleben stärken möchte. Die Zusammenarbeit mit dem Beethoven-Haus zeichnet die Anfang November offiziell erschienene Box aus und stellt das gesamte Projekt auf ein solides wissenschaftliches Fundament. Davon zeugen nicht nur die sorgfältig ausgearbeiteten Begleitpublikationen, die eigens für die Edition entstanden sind und einen umfassenden Überblick über Umfeld und Werk des Komponisten bieten.

Wühlen in der Schatzkammer

Die letzte Gesamteinspielung der Musik Ludwig van Beethovens hatte Universal 1997 herausgebracht, zum etwas künstlich heraufbeschworenen Gedenken an des Meisters 170. Todestag. Die „Complete Beethoven Edition“ von einst umfasste mit 87 CDs weit weniger Tonträger als ihre Nachfolge- Veröffentlichung von 2019. Die Aufnahmen – allesamt aus dem Katalog der Deutschen Grammophon – waren zwar zumeist noch nicht vollständig vom Staub der Archive bedeckt, stammten zum Großteil aber doch aus längst vergangenen Jahrzehnten und boten bei aller Honorigkeit längst nicht so viel Abwechslung und Vergleichsmöglichkeiten wie die der „New Complete Edition“: ein interessanter, gut ausgewogener Mix aus klassischen Referenzeinspielungen von Karajan bis Abbado, dazu diskografischen Marksteinen der letzten Jahre, etwa Riccardo Chaillys Decca- Aufnahme der Sinfonien mit dem Gewandhausorchester Leipzig von 2011.
Da die Universal-Labels so viele Beethoven-Aufnahmen veröffentlicht haben wie niemand sonst, beneidet man die Verantwortlichen nicht gerade um ihre Aufgabe, eine Auswahl aus dem Fundus zu treffen. Ein Wühlen in der Schatzkammer. Gerade wenn es um die zentralen Werke oder Werkgruppen wie die Sinfonien oder Konzerte geht, steht eine Vielzahl an Zyklen zur Debatte, von denen einer bedeutender ist als der andere. 1997 hatte man sich für die einheitliche Methode entschieden und exemplarisch eine Gesamteinspielung herausgesucht, wie etwa die 1963er-Aufnahme mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern bei den Sinfonien oder das Doppel Pollini/Abbado mit dem gleichen Orchester bei den Klavierkonzerten. Der Reiz der neuen Version lebt überwiegend vom Kontrast. Daher stehen beispielsweise bei den Sinfonien verschiedene Interpretationen auf modernen Instrumenten (u. a. mit dem Gewandhausorchester unter Chailly, dem LA Philharmonic unter Carlo Maria Giulini und Karajans Neunter von 1977) einem eher historischen „Wiener Zyklus“ gegenüber, auf dem ausschließlich die Wiener Philharmoniker mit Dirigentengrößen wie Bernstein, Szell und Kleiber zu hören sind – als aktuelles Einsprengsel aber auch mit Andris Nelsons, dessen Gesamteinspielung mit dem Star-Orchester erst vor wenigen Monaten bei der Deutschen Grammophon erschienen ist. Als einziger einheitlicher Sinfonien- Zyklus ergänzt Gardiners Einspielung mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique von 1994 das Programm – eine Besetzung, die neben der „Missa solemnis“ auch maßgeblich an der „Leonore“ dieser Edition beteiligt ist. Deren spätere, heute unter dem Titel „Fidelio“ besser bekannte Fassung ist wiederum in einer Decca-Aufnahme unter Claudio Abbado vom Lucerne Festival 2010 vertreten. Darauf zu hören: das mehr als prominente Hauptdarsteller-Paar Jonas Kaufmann und Nina Stemme.
Solistenmäßig bunt und abwechslungsreich geht es auch bei den Klavierkonzerten – und besonders bei den Klaviersonaten zu. Hier treffen historische Größen wie Alfred Brendel, Emil Gilels oder Claudio Arrau auf Querdenker wie Friedrich Gulda oder Maurizio Pollini, aber auch auf ebenso längst zum Kanon gehörige Vertreter der jüngeren Generation wie Hélène Grimaud oder Jewgenij Kissin. Einen ganz besonderen Platz hat nach wie vor die in den 1960er Jahren entstandene Einspielung der Sonaten mit Wilhelm Kempff, die auch in der Edition von 1997 an zentraler Stelle enthalten war. In der „New Complete Edition“ ist ihr eine eigene Blu-ray Audio Disc gewidmet. Die beiden anderen Blu-rays stehen im Zeichen des Karajan-Sinfonien- Zyklus von 1963 und der legendären Gesamteinspielung der Streichquartette mit dem Amadeus- Quartett. Auf CD teilen sich diese Mammutaufgabe das Emerson String Quartet sowie das Tákacs- und das Hagen-Quartett. Eine endlose Reihe weiterer großer Namen der Klassik könnte an dieser Stelle folgen – das Stöbern lohnt sich.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Die neue Gesamtedition – 123 CDs + Blu-ray Audio + DVD Video

DG/Universal


650 Werke

Dass Opus-Zahlen manchmal täuschen können, sieht man am Beispiel Beethovens besonders gut. 138 Kompositionen hat der Komponist offiziell in sein Werkverzeichnis aufgenommen. Die tatsächliche Anzahl ist aber deutlich höher: 650 Werke kennen wir heute von ihm. Neben den neun Sinfonien gehören die 32 Klaviersonaten und 16 Streichquartette zu den wichtigsten Werkgruppen, daneben eine große Anzahl weiterer Chor-, Orchester- und Kammermusikwerke, Lieder und Gelegenheitskompositionen. Mit der Bühne tat sich Beethoven zeitlebens schwer. Nur eine Oper hat er hinterlassen, „Fidelio“, die 1805 noch unter dem Titel „Leonore“ uraufgeführt wurde und in insgesamt drei Fassungen vorliegt.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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