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(c) Philippe Matsas

René Jacobs

Klingendes Drama

Zum Jubiläumsjahr hat sich der belgische Dirigent und Musikforscher Beethovens „Leonore“ zugewandt, der Urfassung des „Fidelio“.

Alles Staatstragende … ist fort und wie weggeblasen. Theaterdampf, Budenzauber liegt über der Vorfassung des „Fidelio“. Ganz so, als knüpfe Beethoven direkt an Mozarts „Zauberflöte“ an. Erstaunlich. Das sind Effekte, wie man sie – so oder ähnlich – bei René Jacobs oft findet. Auf dass man sich ungläubig die Frage stellt: Warum ist eigentlich vorher niemand auf diese Idee gekommen?!
Liegt es etwa daran, dass Jacobs von früheren „Fidelio“-Deutungen überhaupt nichts mitbekam? „Ich gestehe, dass ich noch nie eine ‚Fidelio‘-Aufnahme gehört habe“, so Jacobs zuhause im Pariser Viertel Marais. Live-Aufführungen des Werkes sagten ihm nie zu. „Ich mochte zunächst nicht einmal das Stück“ – was sich auf dem Umweg über die Frühfassung mit dem Titel „Leonore“ änderte. Vielleicht wurde so, durch Scheuklappen, der Weg in die übliche „Fidelio“-Katastrophe vermieden.
Früher nämlich waren zwar gute Protagonisten für dieses Schlüsselwerk der deutschen Operngeschichte an jedem Stadttheater aufzutreiben. So fehlt es zahlreichen alten Aufnahmen nicht an überragenden Sängerinnen der Titelpartie, von Christel Goltz über Sena Jurinac bis Christa Ludwig. Aber heute? Unbesetzbar. Was ist bloß mit „Fidelio“ passiert?! Wir können dieses Rätsel nicht lösen. Wohl aber umschiffen. Dank „Leonore“.
Die Urfassung von 1805 sei „die gewagtere, modernere“, so René Jacobs. Sie verfüge auch über die beste der vier bestehenden Leonoren-Ouvertüren. „Fast eine sinfonische Dichtung, denn Beethoven bricht hier mit der Struktur der Sonatensatz- Form.“ Beethoven habe, als er an diese erste Fassung ging, bereits die „Eroica“ und die „Appassionata“ hinter sich gehabt. „Er war kein Wunderkind, das sich an eine Oper wagt.“ Der Unterschied zur nur knapp ein Jahr später entstandenen zweiten Fassung bestehe darin, dass sich Beethoven „von sogenannten Freunden“ dazu „überreden“ ließ, „die unmöglichsten Striche anzubringen“. Das Tempo zieht er oft an.
Die Krux vieler Aufführungen besteht ja darin, dass zu schwere, wagnerianische Sänger gewählt werden. Wenn man die Titelrolle „mit zu dramatischen Stimmen besetzt, leiden sowohl die Beweglichkeit als auch die Textverständlichkeit. Und vor allem die Glaubwürdigkeit“, meint Jacobs. Schließlich handele es sich bei Leonore, die ihren politisch inhaftierten Gatten aus dem Kerker befreit, „um eine junge Frau, fast eine Art von Cherubino-Figur. Das lässt sich nie und nimmer in Einklang bringen mit einer hochdramatischen Sängerin, die zu viel Vibrato hat“.
Marlis Petersen, als „Ausnahmesängerin“ für die Titelrolle zuständig, „kann das alles nicht nur singen, sondern auch spielen. Wenn man so eine Protagonistin hat, sagt man nicht mehr, dass Beethoven nicht für Stimmen komponieren konnte“, schwärmt er. Und „Maximilian Schmitt, der Florestan in unserer Aufnahme, kommt von Mozart her. Und von Schubert.“

Keine Lust auf Prestige

Oft hingen Jacobs-Triumphe auf Schallplatte von Deutungsansätzen ab, die echt neu waren. So wertete er bei Mozarts da Ponte-Opern die Rezitative so sehr auf, dass sie als dramatischer Motor eine völlig neue Energie freisetzten. Den „Singspiel-Ursprung“ der Frühfassung von Beethovens Oper nun, so Jacobs, könne man „nur dann glaubhaft machen“, wenn man „die Geschichte durch die Dialoge verfolgen kann“. Tatsächlich ist die Textverständlichkeit der hörspielhaft aufbereiteten Sprechszenen sehr gut. „Die Geschichte muss verstanden werden!“ Ähnlich war er auch schon bei Mozarts „Entführung“ und „Zauberflöte“ verfahren.
Nach der aktuellen „Leonore“ erscheint demnächst auch Beethovens „Missa solemnis“ unter Jacobs’ Stabführung. Er will auf dieser Strecke weitermachen (ebenso mit Schubert), behauptet aber, zum Beethoven-Jubiläum noch nicht komplett werden zu können. „So schnell bin ich nicht! Mit ‚Leonore‘ habe ich mich zwei Jahre beschäftigt, bevor ich mich an eine Aufführung gewagt habe.“ Später im Jahr folgen Brahms’ „Deutsches Requiem“ und Webers „Freischütz“ (auch auf CD).
Die aktuelle „Leonore“ mag prominent besetzt sein, mit dem regulären Opern-Betrieb indes scheint Jacobs immer inkompatibler zu werden. „Viele Starsänger reisen erst zwei Tage vor der Premiere an. Das halte ich für unerträglich.“ Er „bereue nicht, relativ wenig in Salzburg präsent zu sein. Festivals dieser Art bieten pures Prestige“, klagt er.
Mit dem Spott über seinen Dirigierstil hat er sich hingegen ausgesöhnt. „Erstens bin ich nicht der einzige Dirigent mit einem seltsamen Dirigierstil“, meint er. „Ich bin kein Dirigent, der seine Stücke im Spiegel probt. Ich will das Drama zum Klingen bringen. Und kein Ballett aufführen.“

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

„Leonore“ (1805)

Marlis Petersen, Dmitry Ivashchenko, Maximilian Schmitt, Robin Johannsen, Johannes Weisser, Zürcher Sing-Akademie, Freiburger Barockorchester, René Jacobs

hm


Besser alt als neu

Es gibt gute „Fidelio“-Aufnahmen. Aus alter Zeit. Vor allem Otto Klemperer (1962, sensationell mit Christa Ludwig) und, noch älter, Wilhelm Furtwängler (wahlweise mit Wolfgang Windgassen oder Julius Patzak als Florestan). Ansonsten: je neuer, desto problematischer, mit absoluten Tiefpunkten bei Georg Solti, Christoph von Dohnányi, Simon Rattle und Colin Davis! Man neigte dazu, das Werk protowagnerianisch, d. h. zu schwer zu besetzen. Für die Frühfassung der „Leonore“ fand noch John Eliot Gardiner keine plausible Besetzung. Etwas besser: Herbert Blomstedt in der einzigen Aufnahme, die auch René Jacobs kennt. Mit Edda Moser als – sehr wehrhafter – Leonore.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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