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(c) Marco Borggreve

Arcadi Volodos

Von Wissen durchtränkt

Das Wunder Franz Schubert begreifen, seine gefasste Todesgewissheit. Das möchte der Meisterpianist mit seiner neuen CD.

Fragen Sie mich nach einem absoluten Lieblingskomponisten, so würde ich ohne lange zu zögern Franz Schubert sagen.“ Ein deutliches Bekenntnis von einem, von dem man das wohl nicht unbedingt erwartet hätte. Gilt doch der russische Meisterpianist Arcadi Volodos gemeinhin immer noch als einer, der furchtlos die Finger wirbeln lässt, der einen dämonischen Sog der Virtuosität zu entfesseln vermag, der mit Liszt und Prokofjew, Skrjabin und Rachmaninow auf Du und Du ist. Stimmt auch, der heute 47-Jährige kann natürlich auch diesem Klischee des russischen Pianisten alter Schule entsprechen. Mühelos ist sein Anschlag, fast transzendent muten seine Fähigkeiten an, wenn er etwa die sowieso schon schweren „Carmen“-Variationen von Vladimir Horowitz nach dem Gehör rekonstruierte und noch um einige Spezialitäten ergänzte. Aber das ist nur die eine Seite dieses universellen Künstlers. „Zirzensik macht mir Spaß, das ist pure Energie, für mich, aber auch für das Publikum. Doch alles hat seine Zeit.“ Ja, es stimmt, am Anfang seiner Karriere hat der im damaligen Leningrad Geborene, der als Kind eines Sängerpaares zunächst Gesangs- und erst mit acht Jahren Klavierunterricht erhielt, gern diese Karte ausgespielt. „Aber immer schon interessierte mich die menschliche Stimme, und die höre ich instrumentalisiert in ihrer reinsten Form immer auch bei Franz Schubert.“ Als Jugendlicher widmete sich Arcadi Volodos zunächst dem Dirigieren und leitete das Orchester des Petersburger Konservatoriums. Erst 1987, also mit 15 Jahren, entschloss er sich, Pianist zu werden und begann sein Studium am Moskauer Konservatorium bei Galina Jegiasarowa und Dmitri Bashkirov. 1991 trat er zum ersten Mal in New York auf. Nach seinem Moskauer Examen ging er 1993 jedoch zunächst für ein Jahr ans Pariser Konservatorium zu Jacques Rouvier; anschließend zu Dmitri Bashkirov an die elitäre Madrider Musikhochschule Reina Sofía. In Spanien lebt er, der neben Russisch am liebsten diese Sprache und Französisch spricht, auch heute noch.

Mehr als Geschicklichkeit

Nachdem Volodos einige Jahre erfolgreich konzertiert hatte, gelang ihm 1996 mit dem Debüt in der Wigmore Hall und 1997 mit einer ersten CD mit besagten virtuosen Klaviertranskriptionen der internationale Durchbruch. Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Mühelosigkeit – das ist die eine Seite der Volodos-Medaille, gepaart mit Lockerheit, entspanntem, unangestrengt zartem Spiel.
Doch da ist auch seine offene, klanglich-lyrische Haltung gegenüber der Musik, die er eben ganz besonders bei Franz Schubert ausleben kann. Ihm hat Arcardi Volodos schon im Jahr 2002 seine vierte CD mit kleineren Stücken gewidmet. Und da findet man bereits diesen tastenden, sensiblen und sensitiven Umgang, ein erstaunlich leises, kostbares Hineinhorchen in das Notenmaterial, und trotzdem auch den eigenwilligen, deutlichen, technisch determinierten Volodos-Zugriff. Da nimmt sich jemand zurück, macht sich zum Medium, versucht ohne Manier, sich ganz dem Inhalt dieser Musik zu verschreiben.
Wichtig ist für Volodos hier gerade die Dynamik. „Schubert ist nicht automatisch ein leiser Komponist, der kennt auch die große Geste, das Trotzige, aber das tritt immer nur kurz auf, muss gut vorbereitet werden. Mich faszinieren an diesem Komponisten immer die Traurigkeit, die Gefasstheit und diese bescheidene Ungeheuerlichkeit. Was er in seinen letzten Lebensmonaten komponiert hat – und ich bin mir sicher, er wusste, dass er sterben muss –, das ist völlig einzigartig, ohne Beispiel. Allein diese Abfolge der drei finalen Klaviersonaten, das fasziniert mich jedes Mal wieder aufs Neue, wenn ich sie spiele.“
Und nein, er hat bis heute in Wien die diversen Schubert-Stätten noch nicht aufgesucht. „Das muss ich mal machen. Es ist wichtig, auch über die äußeren Lebensumstände eines Komponisten Bescheid zu wissen. Aber alles Essentielle muss ich trotzdem vornehmlich in den Noten, in der langewährenden Auseinandersetzung finden. Deshalb spiele ich auch für mich sehr viel mehr Schubert, als ich das in der Öffentlichkeit mache. Schubert ist für mich immer sehr nahbar und offen. Deswegen wird er gern so unterschätzt. Ich finde es erstaunlich, dass sich erst in der jüngeren Zeit manifestiert hat, was für eine Bedeutung die Schubert-Sonaten für die Musikgeschichte haben.“

Verschattete Romantik

Gerade in den letzten Jahren nahm die deutsche Romantik für Arcadi Volodos eine wachsende Rolle in seinem Repertoire ein. In den Sonaten E-Dur D.157 und G-Dur D.894 von Schubert beispielsweise demonstriert Volodos seine Sicherheit, den eigenwillig richtigen Ton und den romantischintimen Charakter dieser Musik zu treffen. „Irgendwie war meine Mompou-CD so etwas wie eine Wende“, sinniert er. „Danach erst hat man entdeckt, dass ich auch die leisen Töne, das Verschattete mag.“
Anfang April 2017 erschien eine weitere CD mit Spätwerken von Johannes Brahms. „Der ist für mich neben Schumann die natürliche Fortsetzung dessen, was Franz Schubert begonnen hat. Aber ich möchte da keineswegs sentimental werden. Hanslick nannte die späten Klavierstücke von Brahms ‚Selbstgespräche am Klavier‘, von Brahms weiß man, dass er sie als ‚persönliches Tagebuch‘ und ‚Wiegenlieder meiner Schmerzen‘ bezeichnete. Man muss vorsichtig sein, diese Zeit kannte den brieflichen Überschwang. In der Musik aber sind die Komponisten sehr gefasst. Freude, Liebe, Leidenschaft oder eben auch Melancholie – all das findet sich auch im Leben der großen Tonschöpfer. Aber in der Musik erreichen diese Zustände einen höheren, verfeinerten, sublimierten Zustand. Deshalb ist mir auch der herbe, knappe Liszt der späten Jahre so wichtig.“
Und ein wenig versucht Arcadi Volodos den auch in seinem Schubert-Zugang zu spiegeln. „Da ist so ein reifes gefasstes Wissen in Schuberts Musik. Deswegen wollte ich der großen, meisterlichen A-Dur-Sonate D.959 unbedingt diese drei Menuette beigesellen. So wird deutlich, wie sehr Schubert diesen Tonfall auch in diesen scheinbaren Kleinigkeiten beibehält. Ich habe die als einen Zyklus konzipiert, der sie gar nicht sind. Der aber meine Schubert- Sicht im Lichtschein der großen Sonate noch einmal neu bricht.“
Noch etwas zum verwendeten Flügel. „Ein Steinway, das ist für mich am bequemsten, die sind inzwischen so dominant, dass man zumindest stets als reisender Pianist ein adäquates Instrument parat hat. Natürlich ist das ein generalisierender Klang, aber ein guter Interpret muss damit umgehen, die für ihn notwendigen Nuancen herausholen können.“ Schubert und Steinway, auch hier also ist eine Schlichtheit und Wärme möglich, die vom Herzen kommt, von Wissen durchtränkt ist.

Neu erschienen:

Franz Schubert

Klaviersonate D.959 u. Menuette D.334, D.335, D.600

Arcadi Volodos

Sony


Volodos virtuos

Man sollte sich durch die dunklere, intimere Seite im Spiel von Arcadi Volodos nicht daran hindern lassen, den virtuosen Tastentiger gleichen Namens zu genießen. Irrwitzige Transkriptionen von Werken Mozarts, Bizets, Liszts, Rachmaninows stellen auch eine wichtige Seite seines Künstlertums dar. Diese gustiösen Zirkusstücke, zu denen auch Feinbergs Bearbeitung des Scherzos aus der „Pathétique“ und György Cziffras Arrangement des „Hummelfluges“ von Rimski-Korsakow gehören, zeigen einmalige Geschicklichkeit, Schnelligkeit und mühelose Virtuosität. Seine Paraphrase über Mozarts „Rondo alla turca“ ist sogar vom Organisten Cameron Carpenter weiterbearbeitet worden.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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