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(c) Tommaso Tuzj

Noten-App „Beatik“

Das Blatt hat sich gewendet

Diese neue Noten-App aus Spanien verspricht Reaktionen in Echt-Zeit auf individuelles Spiel – und Blättern ohne Pedal.

Das Musiker-Problem ist so alt wie auf Papier geschriebene oder gedruckte Noten: Wie löst man möglichst elegant das Umblättern? Immer wieder wurden Ideen dazu entwickelt, 2003 etwa präsentierte man mit „volta:bene“ einen automatischen Notenwender, der die mit hauchdünnen Metallplättchen beklebten Noten mit einem Magneten an einem Metallbügel blättern konnte. Betätigt wurde das Maschinchen mittels Fußpedal, durchgesetzt hat es sich nicht. In den letzten Jahren sind viele Profis von gedruckten Noten auf Tablets umgestiegen, bei denen das „Blättern“ via Bluetooth-Pedal geregelt wird. Einen weiteren Quantensprung verspricht nun das in Andalusien ansässige Projekt „Beatik“, das eine Software entwickelt hat, die sozusagen proaktiv zuhört. Botschafterin des Projekts ist die spanische Geigerin Leticia Moreno, die wir im Flughafen-Bus auf dem Weg zum Flieger erreichen.

RONDO: Wie kamen Sie in Kontakt mit dem Projekt „Beatik“?

Leticia Moreno: Ich habe Freunde im Entwickler-Team und ich hörte von dem Projekt. Dann gaben sie mir die Möglichkeit, diese Software auszuprobieren, die ja einzigartig ist in der Welt. Denn die Software, besser gesagt: der Algorithmus, sorgt dafür, dass die Partitur Dir tatsächlich zuhört. Sie folgt den Tempi, den Rubati, sie folgt Dir beim Üben, wenn Du stoppst und macht mir Dir weiter. Es ist wirklich unglaublich. Also, ich wollte mehr darüber wissen und an der Weiterentwicklung beteiligt sein.

RONDO: Dazu braucht es auch eine Affinität zur Technologie ...

Moreno: Das liegt bei mir in der Familie, ich habe ein angeborenes Verständnis von Technologie, denn mein Vater ist Telekommunikationsingenieur, inzwischen ist er im Ruhestand. Er hat das erste Mobiltelefon entwickelt, das noch aussah wie ein Koffer. Wir hatten das in unserem Auto! Von daher ist es für mich normal, mich mit technologischer Innovation zu beschäftigen, ein Teil dieser Entwicklung zu sein und einzubringen, was für mich als Musikerin besonders innovativ ist.

RONDO: Und jetzt nutzen Sie „Beatik“ auch schon beim Üben und in Konzerten?

Moreno: Ja, ich arbeite mehr und mehr mit dieser Software. Es ist auch deshalb interessant für mich, weil ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Sie wird weiterentwickelt über Feedback, nicht nur von mir, sondern auch vielen anderen Musikerinnen und Musikern auf jedem Entwicklungsstand. Profi-Solisten, Schüler, Studenten, Orchestermusiker, es ist alles dabei. Es ist eine von den Kunden mitentwickelte Software sozusagen.

RONDO: Sie stehen also auch weiterhin im persönlichen Kontakt mit den Entwicklern?

Moreno: Ja, das ist etwas Besonderes, ich kenne das Team und die Ingenieure, die dahinterstecken. Das sind absolut wunderbare Menschen, die unglaublich engagiert sind. Ich finde es auch toll, dass neueste Technologie einmal nicht in Video-Spiele oder so etwas investiert wird, sondern in Kultur. Ich habe nichts gegen Video- Spiele und Spaß, aber wir sollten Technologie auch nutzen, um Kultur zu verbessern. Ich bin sehr glücklich, dass Technologie hier einmal der Musik nutzt. Das passiert nicht so oft!

RONDO: Man braucht für Beatik ein iPad oder Android-Tablet und lädt sich dann die App runter?

Moreno: Ich nutze ein iPad. Aber es gibt beide Versionen.

RONDO: Und wie kommt man dann an die Noten?

Moreno: Es gibt zwei Möglichkeiten: Man kann sie aus der Bibliothek runterladen, die „Beatik“ anbietet. Oder man kann eigene Noten mit allen Notizen und Anmerkungen einfach einscannen und dann uploaden. Das funktioniert.

RONDO: Und was ist mit dem Copyright?

Moreno: Bei den Partituren, die „Beatik“ zur Verfügung stellt, ist das rechtlich geregelt. Fragen Sie mich nicht wie, aber das ist alles legal und seriös. Bei den Partituren, die man aus dem eigenen persönlichen Besitz einscannt, ist das genauso legal, wie Fotokopien der eigenen Noten zu machen, um sie etwa für eine Aufführung aneinanderzukleben.

RONDO: Und konkret funktioniert es dann so, dass das Tablet oder iPad sozusagen „hört“, was gespielt wird, und die Software dann darauf reagiert?

Moreno: Genau. Die Software folgt, was immer man macht, ob man schneller, langsamer spielt, Rubati einbaut. Und es gibt verschiedene Funktionen, die man einstellen kann. Man kann zum Beispiel einzelne Passagen auswählen, also von a bis b, oder von Takt 12 bis 25, um diese Stellen zu üben. Man kann festlegen, dass die Software dann stehen bleibt. Es gibt also auch spezielle Werkzeuge zum Üben.

RONDO: Ich verstehe, dass die Software in der Lage ist, eine Violine oder ein Klavier mitzuhören und perfekt darauf zu reagieren. Aber wie geht das im Orchester, wo so viele parallel ganz unterschiedliche Stimmen spielen?

Moreno: Das kann ich nicht erklären, aber es soll auch da funktionieren, sie haben es schon ausprobiert. Im März wird es ein Konzert geben, in dem ein Orchester mit dieser App arbeitet.

Downloadlinks und weitere Infos unter: www.beatik.com


Hände hoch!

Die App „Beatik“ wird in Spanien entwickelt, außer einem Tablet sind keinerlei zusätzliche Hard- oder Software nötig, um die App zu nutzen. Die Software „hört“, was der Nutzer spielt, und gleicht das Gehörte mit der eingescannten Partitur ab. So kann „Beatik“ in Echtzeit reagieren und blättert rechtzeitig weiter. Die „Beatik“-Bibliothek bietet tausende von Partituren und Arrangements. Alle diese Partituren sind als „Smart Scores“ mit dem exklusiven automatisierten tracking-System ausgestattet. Eigene im PDF hochgeladene Partituren werden automatisch konvertiert in das Smart-Score-Format. Noch bis zum 5. Dezember kann die App kostenlos heruntergeladen werden.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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