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(c) Marco Borggreve

Christina Pluhar

In Monteverdis Schatten

Mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata und einer herausragenden Sängerbesetzung hat die gefragte Lautenistin nun Luigi Rossis Kammerkantaten eingespielt.

RONDO: Bereits 2004 haben Sie mit Véronique Gens unter dem Titel „La lyra d’Orfeo“ Musik von Luigi Rossi eingespielt, warum erst jetzt das Tripel-Album?

Christina Pluhar: Das Projekt lag auf Eis, es gab rechtliche Probleme. Man kann als Künstler auf so etwas nur mit Kunst reagieren. Ich habe mich nicht entmutigen lassen und weitergemacht mit der Erforschung von Rossi, weil es so wahnsinnig viel schöne Musik von diesem Komponisten gibt, die noch nie jemand angesehen und gespielt hat.

RONDO: Diese Kantaten sind eigentlich veritable Mini-Opern, oder trügt der Eindruck?

Pluhar: Tatsächlich sind sie sowohl von den Texten als auch von der Form wirklich extrem spannend. Rossi war in seiner Zeit ein absoluter Superstar! Er ist heute zu Unrecht nicht so bekannt wie Monteverdi, seine Kantaten sind damals durch ganz Europa gereist.

RONDO: Rossi kam aus Italien, war dann später aber auch in Frankreich erfolgreich. Wie kam es dazu?

Pluhar: Der Hintergrund ist ein Korruptions-Skandal des 17. Jahrhunderts. Rossi hat in Rom jahrelang für die Familie Barberini gearbeitet. Und einer der Barberinis war Papst Urban VIII. Die Familie hat sich ein Privattheater gebaut und eine sehr pompöse Musikkultur betrieben. Dann aber starb Papst Urban, und nach seinem Tod stellte sich heraus, dass dieses Kulturleben größtenteils vom Vatikan finanziert worden war. Daraufhin wurde die Barberini- Familie ins Exil verbannt. Sie gingen dann mitsamt ihren Hofkomponisten und Kastraten nach Paris. Und Rossi ist da sofort richtig eingeschlagen.

RONDO: Was für ein Material haben Sie vorgefunden?

Pluhar: Rossis Kompositionen sind nur handschriftlich überliefert und unvollständig hinsichtlich der Instrumentalstimmen. In den Opern findet man immerhin spärlich ausgesetzte Sinfonien, sonst nur Basslinien. Man hat also wenig Anhaltspunkte und muss viel rekonstruieren. Das setzt voraus, dass man sich mit der Musik des 17. Jahrhunderts intensiv beschäftigt hat.

RONDO: Das lässt Ihnen große Freiheiten?

Pluhar: Natürlich, das ist einer der Gründe, warum ich die Musik des 17. Jahrhunderts so liebe, denn damals blieb sehr viel den Interpreten überlassen. Das war übliche Aufführungspraxis, die Werke wurden der Stimme und dem Raum angepasst, und die Instrumentierung lag im Ermessen der Ausführenden.

RONDO: Abgesehen von Véronique Gens haben Sie für die neuen Einspielungen mit Céline Scheen, Giuseppina Bridelli und den Countertenören Philippe Jaroussky, Jakub Józef Orliński und Valer Sabadus eine echte Luxusbesetzung zusammenbekommen!

Pluhar: Ja, das sind aus meiner Sicht die schönsten Counterstimmen, die man heute hören kann. Rossi selbst hat seine Oper „Il palazzo d’Atlante incantato“ nur mit Kastraten besetzt. Und die kamen dann mit nach Paris, was sofort einen Boom ausgelöst hat, man kannte dort vorher keine Kastraten, das war eine römische Spezialität.

RONDO: Was sagen die heutigen Sänger zur Musik Rossis?

Pluhar: Sie lieben diese Musik, aber sie ist sehr anspruchsvoll.

RONDO: Weil Rossi so nahe am Wort komponiert?

Pluhar: Ja, bei den meisten Kantaten wechseln Rezitative laufend mit Recitar cantando und Ariosi ab. Das ist eine der Schwierigkeiten, die Recitar-cantando-Strecken so lebendig zu gestalten wie ein Geschichtenerzähler.

Neu erschienen:

Luigi Rossi

La lyra d’Orfeo/Arpa Davidica (3 CDs)

Jakub Józef Orliński, Philippe Jaroussky, Valer Sabadus, Veronique Gens, Celine Scheen, Giuseppina Bridelli, L`Arpeggiata, Christina Pluhar

Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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