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(c) Matthias Heyde

Justin Doyle

Erfrischendes Sorbet

Der Chefdirigent des RIAS Kammerchors in Berlin über seine Begeisterung für Haydn und völkerverbindende Lieder.

Schon als Kind bemerkte Justin Doyle, dass Musik nicht selbstverständlich alle Gräben überbrückt. Er war Chorknabe in der Londoner Westminster Cathedral, wo anders gesungen wurde als in der Westminster Abbey. „Man sagte uns immer, wir hätten einen ‚continental sound‘, ein helles, nasales Timbre wie der Thomanerchor in Leipzig“, erzählt er. „Englische Knabenchöre hören sich eher ein bisschen an wie Eulen, der Klang ist physisch präsenter.“
Doyle, der 1975 in eine Musikerfamilie in Lancaster im Norden Englands geboren wurde, mochte sich nie auf eine einzige Richtung festlegen. Neben dem Singen lernte er Klavier und Cello spielen. Als Choral Scholar am King’s College in Cambridge dirigierte er auch häufig Orchester. Stolz zeigt er einen Dirigentenstab, in dessen hölzernen Knauf die Initialen „JD“ eingebrannt sind. „Ein Geschenk meines Vaters, ich habe ihn während der gesamten Studienzeit benutzt.“
Nach internationalen Engagements, etwa bei der Opera North in Leeds, dem Finnish Baroque Orchestra und dem Manchester Chamber Choir, kam Doyle mit der Saison 2017/18 als Chefdirigent und künstlerischer Leiter zum RIAS Kammerchor. „Ein fantastischer Chor, mit dem ich ein breites Repertoire vom Barock bis zur Gegenwart aufführen kann“, schwärmt er. „Mit 35 Sängern kann man weiter in die Tiefe gehen als mit einem größeren Chor.“ Anfangs sei er oft gefragt worden, wie er den Klang verändern würde. „Warum sollte ich das tun? Ich sehe mich hier nur als Gast, als eine Art ‚caretaker‘, der den schönen Stil dieses Chores pflegt und weiterentwickelt.“ Auf einer neuen Aufnahme von Joseph Haydns „Missa Cellensis“ ist der RIAS Kammerchor unter Doyles Leitung mit Solisten und der Akademie für Alte Musik Berlin zu hören.
„Ich bin ein großer Haydn-Fan. Wenn ich je einen Komponisten im Himmel kennenlernen könnte, wäre er es“, gesteht er. „Jedes Orchester sollte mindestens einmal im Jahr ein Stück von ihm aufführen, als erfrischendes Sorbet.“ Haydns Chorwerken hat er sich über die Sinfonien und die Kammermusik genähert. „Er hat viel für das Baryton komponiert, eine Art Gambe. Dieses Instrument möchte ich unbedingt selbst spielen lernen.“ Und lacht: „Vielleicht schaffe ich das, wenn ich mal in Rente bin.“
Auch Zeitgenössisches wird beim RIAS Kammerchor großgeschrieben. „Musik ist eine lebendige Kunst, wir sind kein Museum“, betont Doyle. „Komponisten der Gegenwart brauchen Unterstützung. Wenn wir neue Werke in Auftrag geben, erwarte ich, dass sie eine Geschichte erzählen.“ Im März 2020 kommt „Die Vertreibung des Ismael“ von Jüri Reinvere, einem estnischen Komponisten, zur Uraufführung. Darin geht es um den Antagonismus zwischen Judentum und Islam, ein hochaktuelles Thema. „Ein Oratorium über den Brexit oder Donald Trump interessiert mich nicht“, erklärt er. „In einem unserer Konzerte singen wir dafür Volkslieder aus England, Deutschland, Finnland und Äthiopien.“ Ein Programm, das nicht nur Grenzen zwischen Ländern, sondern sogar zwischen Kontinenten überwindet.

Neu erschienen:

Joseph Haydn

Missa Cellensis

RIAS Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, Justin Doyle

hm

Corina Kolbe, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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