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(c) Dovile Sermokas

Julia Hülsmann Quartet

Jazz mal richtig

Frisch dank Saxofon: Wie sich die Band um die wichtigste deutsche Jazzpianistin wieder mal neu erfindet.

Im Jahr 2017 erhielt die Pianistin Julia Hülsmann eine besondere E-Mail aus den USA. Eigentlich hörten sie mittlerweile keine CD mehr ganz durch, schrieben die Absender, aber dieses Album sei schlichtweg großartig. Die Mail mit der großen Bewunderung für Hülsmanns Trio-Aufnahme „Sooner or Later“ kam nicht von irgendwem. Sondern von Carla Bley und Steve Swallow, dem großen alten Paar des amerikanischen Jazz.
Was läge da näher, als auch bei der Folgeeinspielung am derart gelobten und bewährten Format des Piano-Trios festzuhalten? Für Hülsmann keine Option. Denn es gehört zu den Spezialitäten der 1968 in Bonn geborenen Pianistin und Komponistin, sich und die vertrauten Mitmusiker – ihren Mann Marc Muellbauer am Kontrabass und den Schlagzeuger Heinrich Köbberling – immer wieder neu herauszufordern. So arbeitete der seit 17 Jahren existierende Dreierbund für seine Alben schon mit dem Gitarristen Marc Sinan, dem Sänger Theo Bleckmann oder dem Trompeter Tom Arthurs zusammen.
Nun, für seine siebte ECM-Einspielung „Not Far From Here“, hat das Trio einen neuen Anspielpartner gefunden: den Berliner Tenorsaxofonisten Uli Kempendorff. „Für mich war es so: Die Farbe sollte sich verändern“, erklärt die Pianistin am Telefon vor einem Auftritt in Freiburg. Weg vom Atmosphärischen, Horizontalen und hin zu den Kolorationsmöglichkeiten, die das Tenorsaxofon bietet.
Und von dieser Palette macht Kempendorff, mit dem Hülsmann, Muellbauer und Köbberling in anderen Projekten schon oft zusammen gespielt haben, reichlich Gebrauch. Auf „Not Far From Here“ moduliert er immer wieder seine Artikulation, mal hört man unterdrückte Schreie, mal so etwas wie einen asthmakranken Kanarienvogel. Gleichwohl rückt der Saxofonist das für seinen sensiblen Kammerjazz bekannte Trio nicht in Richtung Avantgarde, sondern lässt es stellenweise handfest hardboppig swingen wie in Köbberlings Komposition „Colibri 65“. „Ja, das ist schon richtig Jazz, was?“, lacht die Pianistin.
Es sind da eine Unbekümmertheit und Frische zu spüren, die sich verschiedener Quellen verdanken. Da wären die Entdeckungen, die Hülsmann als „Improviser in Residence“ vor fünf Jahren beim Festival in Moers machen konnte, und die nun in ihre Musik eingesickert sind. Dazu gehört der Mut zu Solokonzerten, den sie früher nie so richtig aufbringen konnte, sowie die Lust, sich auf ungewöhnliche und fordernde Duettpartner einzulassen, wie sie es mittlerweile öfter mit dem Vibrafonisten Christopher Dell tut.
Dementsprechend beginnt „Not Far From Here“ mit einem Dialog zwischen Hülsmann und Kempendorff und endet mit der Pianistin allein an ihrem Instrument – mit einer zerbrechlichen Version von David Bowies und Pat Methenys „This Is Not America“, das es auch in einer zwischen Trauer und Irritation schwankenden Quartettversion auf dem Album gibt. Man darf das durchaus als politischen Kommentar zu Trumps Amerika verstehen.
So oder so akzentuiert die Aufnahme die internationale Bedeutung von Hülsmann und ihren Mannen, die durch ihr Mitwirken bei den Festivals zu Ehren des 50. Geburtstags ihres Labels in Paris, London und Brüssel noch einmal bestätigt wird. Dass in Deutschland zum Jubiläum der enorm einflussreichen Plattenfirma aus München vergleichsweise wenig stattfindet, verwundert die Pianistin allerdings. „Das hätte man auf Bundesebene durchaus mal ehren können, wenn man sich überlegt, was für ein Fokus auf Bayreuth gelegt wird. Auf der ganzen Welt kennt man das Label. Das steht für etwas. Das schaffen nicht viele.”

Neu erschienen:

Not Far From Here

Julia Hülsmann Quartet

ECM/Universal

Josef Engels, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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