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(c) Roland Schuller

Herbstgold

Haydn und mehr …

Bunt gefächert, so präsentiert sich die österreichische Festival- Landschaft. Denn auch jenseits des mit Sponsoren und medialer Aufmerksamkeit reich gesegneten Salzburg gilt es für Musikbegeisterte so manches zu entdecken. Zum Beispiel bei einem Abstecher ins Burgenland, wo sich neben dem Operetten-Mekka Mörbisch oder den Opernfestspielen im Steinbruch von Sankt Margarethen nun auch in der Landeshauptstadt Eisenstadt mit „Herbstgold“ ein weiteres Festival mit internationaler Ausstrahlung etabliert hat.
Dreh- und Angelpunkt ist hier das Schloss Esterházy. Majestätisch thronend über der malerischen Altstadt und natürlich vor allem mit einem Namen eng verknüpft: Joseph Haydn. Ab 1761 wirkte er fast drei Jahrzehnte im Dienst der berühmten Adelsfamilie und schuf u. a. hier einige seiner bekanntesten Werke. Ein musikalisches Erbe, auf das man in Eisenstadt mit Recht stolz ist. Und auch wenn die traditionsreichen Haydn-Tage nun nach rund drei Jahrzehnten abgewickelt wurden, bildet der Komponist selbstverständlich auch im „Herbstgold“- Programm einen wichtigen Fixpunkt. Das im Festivalkalender präsente „Haydnfest“ sieht der künstlerische Leiter Andreas Richter dabei weniger als einen Neuanfang, sondern als eine logische Weiterentwicklung der Haydn-Tage, deren langjährige Tradition man in Ehren hält.
Ein Garant für Kontinuität ist dabei unter anderem die von Nicolas Altstaedt geleitete Haydn-Philharmonie als Residenzorchester, die früher nur während der Haydn-Tage aktiv war, inzwischen aber übers ganze Jahr verteilt mit Konzerten auf Esterházy präsent ist. „Die Haydn-Philharmonie ist quasi das Fundament der Festspiele und jetzt noch enger an das Schloss gebunden,“ wie Richter erzählt. „Schließlich wollten wir das, was das Festival ausmacht, nämlich die Identifikation mit Haydn, immer beibehalten. Aber gleichzeitig haben wir das Spektrum eben deutlich erweitert.“ Der Bogen spannt sich mittlerweile vom Barock bis hin zur zeitgenössischen Musik. Und sogar der Jazz hat sich einen festen Platz in den fürstlichen Prunksälen erobert.
Wichtig ist Andreas Richter aber ebenso die Integration der „Balkan- & Roma-Sounds“. Schließlich war das östlichste Bundesland Österreichs schon immer eine Region für Grenzgänger und kulturellen Austausch. Und dies umfasst für Richter eben nicht nur das ehemalige K&KHoheitsgebiet, sondern ebenso einen Blick in die übrigen Nachbarländer. Gibt es doch bis heute neben mehrsprachigen Ortsschildern auch eine kroatisch sprechende Minderheit im Burgenland. Nicht ohne Stolz verweist der künstlerische Leiter dabei auf das ausverkaufte Balkan-Folk- Konzert 2019, mit dem man auch Publikumsschichten erreicht hat, die sonst vielleicht nicht den Weg nach Esterházy gefunden hätten. „Es ist eine Musik, die hier fest verwurzelt ist. Schon Haydn hat ja diese Einflüsse ‚alla ungarese‘ oder ‚alla zingarese‘ immer wieder in seinen Werken. Diese Wurzeln wollten wir deshalb von Anfang an bei unserem Festival miteinbeziehen und auch aktuellen Vertretern des Balkan-Folk eine Plattform geben. Wir werden sicher kein Weltmusik-Festival, aber hier in der Region werden wir uns auf jeden Fall weiter umsehen, um zu zeigen, was das Burgenland und seine Nachbarn zu bieten haben.“
Ähnlich wichtig ist Richter natürlich auch das Publikum von morgen, für das man unter anderem ein jährliches Schulkonzert veranstaltet. „Man merkt schon, dass es Programme gibt, wo wir auch verstärkt junges Publikum haben. Was sich ja jedes Festival wünscht. Aber wir haben hier gleichzeitig einen Spagat zu leisten, zwischen der musikalischen Grundversorgung der Region und den Haydn- Fans, die teilweise bis aus England anreisen. Das braucht natürlich seine Zeit, um sich zu etablieren. Aber ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind.“

Grenzen ausloten

Ein Schlüssel, um sein Festival auch im internationalen Vergleich auf Augenhöhe zu halten, ist für Richter dabei, jeder neuen Festivalsaison ein starkes übergeordnetes Thema zu geben – „mit aktuellen Bezügen, die uns erlauben, sowohl Haydn unter bestimmten Aspekten zu beleuchten, als auch andere Musikstile zu inkludieren.“ So etwa mit dem Motto „Grenzen! Grenzen?“, das im Wahljahr 2019 das Festival bestimmte. „Da wurde auch von den Politikern, die wir zu unseren Talkrunden geladen hatten, sehr leidenschaftlich diskutiert. In seiner bewegten Geschichte haben die Grenzen des Burgenlandes oft zwischen Österreich und Ungarn gewechselt. Und gerade durch seine Randlage ist das ein sehr präsentes Thema. Hier gibt es noch viele Menschen, die sich daran erinnern, wie vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang fiel und welche Veränderungen es danach gab.“
2020, im vierten Jahrgang von „Herbstgold“, wird man den Blick dann in Richtung Orient lenken. So etwa mit der halbszenischen Aufführung von Haydns „L’incontro improvviso“, das kurz vor Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ein ähnliches Sujet aufgriff. Aber ebenso mit Künstlern wie dem türkischen Pianisten Fazıl Say, der bei einem Duo-Abend mit Nicolas Altstaedt am Cello eigene Kompositionen vorstellen wird. Und natürlich wird man sich auch beim „Herbstgold“ vor dem Jubilar Ludwig van Beethoven verneigen, mit der C-Dur Messe, die der ehemalige Haydn-Schüler einst für den Fürsten Esterházy komponierte.
„Wir versuchen natürlich, hier im Schloss Grenzen auszuloten und mit Kontrasten zu spielen, aber man muss realistisch bleiben. Das Schloss hat drei Funktionen: Es ist ein gut besuchtes Museum, aber gleichzeitig Arbeitsplatz der Kulturverwaltung, die hier ihre Büros hat. Und dann nutzen wir es noch für Konzerte. Wenn man das unter einen Hut bringen muss, knirscht es schon ab und zu etwas. Aber wenn alle zusammenarbeiten, funktioniert das schon.“
Während die größeren Orchesterkonzerte und halbszenischen Opern meist im prunkvollen Haydn-Saal über die Bühne gehen, verfügt man im Schloss Esterházy mit dem intimeren Empire-Saal noch über ein zweites Schmuckstück, das sich als geradezu ideal für Kammermusik und Liederabende erweist. Hier begeisterte im Herbst 2019 unter anderem Marlis Petersen, die auch 2020 wieder mit von der Partie sein wird. Und auch für Haydns sakrale Kompositionen gibt es mit der Hofkapelle einen idealen Aufführungsort.
„Ich finde es schön, Musik in den Räumen zu zeigen, in die sie hineingehört. Im realen, wie auch im übertragenen Sinne. Ich glaube, gerade das macht auch den Reiz unseres Festivals aus.“ Spannend fürs Publikum dürfte hierbei gerade der „Haydn-Marathon“ sein, bei dem die Zuhörer gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern die verschiedenen Räume des Schlosses erforschen können. Ein familienfreundliches Format, das auch 2020 wieder auf dem Programm steht und einige Entdeckungen verspricht.

www.herbstgold.at


Der kopflose Haydn

1Joseph Haydn ruht heute in einem Mausoleum in der Eisenstädter Bergkirche. Zunächst war der Komponist jedoch 1809 auf einem Friedhof in Wien Meidling – dem heutigen „Haydnpark“ – beigesetzt worden. Oder besser gesagt, Teile von ihm. Haydns Schädel war nämlich nur wenige Tage später von einem ehemaligen Sekretär der Esterházys entwendet worden. Erst bei der geplanten Überführung des Leichnams im Jahre 1820 wurde der Diebstahl bemerkt. Nach einer langen Irrfahrt konnte der zuletzt im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde verwahrte Schädel Haydns 1954 endlich unter den Klängen der „Kaiserhymne“ mit seinen sterblichen Überresten in Eisenstadt wiedervereinigt werden.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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