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Tosca an der Staatsoper Hannover (c) Karl und Monika Forster

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

An der Staatsoper Hannover hat der Regisseur Vasily Barkhatov das „Tosca“-Libretto umgemodelt. Seine Lesart: In einem heutigen Schurkenstaat ist Scarpia ein machtvoller Prälat, der mit der Polizei paktiert. Seine Probleme: Er wurde als Kind von einem Priester missbraucht. Und dann liebt er Tosca als seinen Fetisch. Die aber ihn nicht. Also benutzt er wiederum sie, Cavaradossi und Angelotti, um sich von ihr bei einer versuchten Vergewaltigung abstechen zu lassen. Tosca wird zum Mörderwerkzeug. Handwerklich bekommt Barkhatov das in den Griff. Der Einheitsraum zeigt ein verfahrbares Arbeitszimmer und einen Kreuzgang, wo Herrgottsschnitzer Cavaradossi an einer Krippe werkelt, während auf einer Tribüne die Vorbereitungen zum Weihnachtssingen laufen. Am Ende des zweiten Aktes, Cavaradossis Verhör und die Schreie sind nur gespielt, zieht Scarpia Tosca seine Soutane an – er nimmt also eigentlich seinen ehemaligen Peiniger von hinten. In seinen Schulranzen hat der Böse für Tosca eine DVD mit seiner Beichte gepackt. Der dritte Akt sind nur noch schwer unterscheidbare Rückblenden. Vor allem der hier vielfach geforderte Scarpia von Seth Carico überzeugt – auch wenn man von dem zur blonden Bestie aufgehellten Bassbariton im Muskelshirt mehr Volumen und dunklere Farben erwartet hätte.
Wir wechseln nach Paris, ins Théâtre des Champs-Élysées zu einer Gala mit Witz und raren Musikalien. Denn die venezianische Stiftung Palazzetto Bru Zane fördert seit zehn Jahren die französische Musik des 19. Jahrhunderts und feiert das. Am Schluss, nach charmanten, flamboyanten zwei Stunden leuchtet hinten das an eine venezianische Palastfassade erinnernde dicke B golden auf, und alle huldigen ihr: „Evoé, Madame Bru!“ Die sinkt bescheiden in ihren Balkonsessel, während das Auditorium sich zur Standing Ovation erhebt. Schließlich hat diese so zurückhaltend-elegante Dame das alles möglich gemacht.
Es gab zwei, sich freundlich mischende Programmschienen, manifestiert durch die düster-tragische Sofagruppe links, während die lustigen Leute im bunten Arrangement rechts Platz nahmen. Einige der treuesten Sängermitwirkenden dieses Unternehmens waren da, prosteten sich zu und verspeisten Geburtstagstorte; dazu gesellte sich der gern seinen Klamauk-Senf dazugebende Hervé Niquet. Rück- und Vorschau hielten sich programmatisch die Waage. Manches wurde auch nur mal ausprobiert. Und dazwischen giggelte und parlierte das von der leichten Muse geküsste Singspielpersonal, ganz besonders Olivier Py, dem gern in Damenkleidern auftretenden Regisseur und Chef des Avignon Festivals. Am Ende hatten alle, bevor man sich zum Gruppenbild fügte, mit dem Offenbach-Finale aus „La vie Parisienne“ eine gute, schunkelnde Zeit.
Weiter Abstecher nach Boston. Da machten das Leipziger Gewandhaus und das Boston Symphony Orchestra aus der Not eine Tugend. Schließlich teilt man sich gemeinsam den gleichen Chefdirigenten Andris Nelsons. Deshalb werden Alumni und Profimusiker ausgetauscht, man vergibt transatlantische Kompositionsaufträge, veranstaltet Symposien über die jeweils andere und auch gemeinsame Orchestergeschichte: Die für ihre warme Akustik berühmte Boston Symphony Hall wurde dem zweiten, im letzten Weltkrieg untergegangenen Leipziger Gewandhaus nachempfunden; und nicht nur der erste Bostoner Chefdirigent Georg Henschel hatte Leipziger Wurzeln. Doch jetzt gab es „Wunderbar Together“ – so hieß ein hier von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beendetes US-deutsches Kulturjahr, auch um eine wunderbare Orchesterfreundschaft in einem gemeinsamen Konzert zu feiern, mit Strauss und Haydn, Schönberg und Skrjabin. 130 Musiker waren im bilateralen Ansatz. Und es klang großartig!

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2019



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