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Sitzt, passt - und hat vor allen Dingen Luft: Der neue Orchesterfrack der Bamberger (c) Woolwind

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Knitterfrei & atmungsaktiv

Kürzlich ging ein Reporter Christian Thielemann zwar nicht an die Wäsche. Dafür hatte er in Sachen „Unterwäsche“ eine intime Frage an den Star-Dirigenten: Ob er in Bayreuth auch in Seidenunterhosen dirigieren würde? Statt nun vielleicht empört das Interview abzubrechen, gab Thielemann entspannt zu Protokoll: „Ich würde es gern tun, aber Seidenunterhosen sind so pflegeunleicht.“ Hintergrund der Frage war Richard Wagners dokumentierte Gewohnheit, etwas luftig Leichtes in der Genitalregion zu tragen, wenn er in den Brutkessel des Bayreuther Festspielhauses hinab stieg, um seine nicht gerade kurz geratenen Opern zu leiten. In diesem Kontext gab Thielemann in seiner Funktion als Wagner-Jünger und Musikdirektor der Bayreuther Festspiele nun immerhin Auskunft über die zwangsläufigen Auswirkungen der klimatischen Ausnahmezustände, die bis heute im Graben herrschen: „Im Orchester gilt als alleroberstes Gebot, dass körperhygienisch alles einwandfrei zu sein hat. Solo-Cello und Solo-Bratsche haben bei jedem Akt ein frisches Hemd an. Das ist kollegial, weil Gestank nicht geht. Ich glaube, im Sommer gibt es keinen Ort in Deutschland, wo so viele Waschmaschinen Tag und Nacht laufen wie in Bayreuth.“
Damit ist ein Problem angesprochen, mit dem sich seit Einführung des wenigstens farblich aufeinander abgestimmten Dress-Codes auch die männlichen Orchestermusiker seit jeher herumschlagen müssen: Aus welchem Material muss ein Frack oder schwarzer Anzug beschaffen sein, bei dem man nicht ab der ersten Sekunde derartige Schwitzanfälle bekommt, dass man schon beim ersten Takt etwa von Händels „Wassermusik“ klatschnass ist? Und dann soll ja alles auch noch einen gewissen Tragekomfort besitzen und – je nach Orchestergruppe – die entsprechende Arm- und/oder Beinfreiheit garantieren. 100-prozentige Polyester-Ware aus Fernost dürfte dafür wohl kaum die 1. Wahl sein. So schwören die Bamberger Symphoniker etwa seit Neuestem lieber auf lokale Qualitätsausstatter. So hat man mit einem fränkischen Start-up eine Kollektion von Fräcken entwickelt, die optisch was her machen und zudem den Live-Bedingungen eines Konzertabends gerecht werden. Dabei können die Musiker doch tatsächlich auch im Kurzarmhemd spielen, da die Manschette direkt in die Jackenärmel eingeknöpft wird. Wichtiger war jedoch die Frage nach den Stoffen, die elastisch und atmungsaktiv sein sollten. Daher wurden Fräcke aus speziellen Fasern hergestellt, die man ansonsten in der Kleidung von Spitzensportlern findet. Wenn also im kommenden Bayreuther Wagner-Sommer wieder auch einige Musiker der Bamberger Symphoniker im Festspielorchester sitzen, diesmal aber in ihrem neuen Frack, werden garantiert manch ölende Kollegen neidisch fragen: „Wieso schwitzt Du eigentlich nicht?“

Guido Fischer



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