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(c) Christian Husar

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

In „Fatinitza“ verkleidet sich eine Sängerin, die einen Mann spielt, als Frau. Das Werk, eines der besten von Franz von Suppé, gilt als Vorläufer von Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ und gehörte zu den von ‚Operetten-Papst‘ Volker Klotz am stärksten propagierten Beispielen der verkannten, aufsässigen Operette. Nach Baden bei Wien holt es der neue Intendant Michael Lakner – der es schon früher in Bad Ischl zum Erfolg brachte. Mit der (andernorts als Brünnhilde zu hörenden) Bea Robein ist es eher noch besser besetzt als damals, die Texte klingt kabarettistischer (Regie: Leonard Prinsloo). Problem nur: die fürs Stadttheater typisch hässlichen Rüschen-Kleider, Horror-Perücken und Kunstglatzen. Stattdessen bleibt das Stadttheater Baden immer noch der schönste Helmer & Fellner- Bau dieser Welt. Wer noch nicht da war, ist selbst Schuld. Im Café Imperial, wo schon Wagner trank, denken wir heute über Beethoven nach. Was gibt’s da nachzudenken?! Bis zum Sterbejubiläum 2027 (= 200. Todestag) haben wir sieben fette Beethoven-Jahre vor uns. Furchtbar. Der Alte selbst wird diese Teufelsaustreibung locker überstehen. Er war uns nie fremder als heute. Welcher Pianist trifft die Grantigkeit Beethovens noch?! (So wie früher Backhaus oder Schnabel.) Wer hätte den Mut, die bußfertigen Texte, die Beethoven gern vertonte, einem Publikum vorzusetzen? Und wo bleibt die Selbstverständlichkeit, mit der man früher „Fidelio“ an jedem Stadttheater gut besetzte. Wir heute neigen zu Ausweichmanövern. Im Theater an der Wien hat erstmal Christian Jost „Egmont“ neu vertont (ab 17.2.). Gleich danach steht die Neudeutung des „Fidelio“ im Schatten des berühmten Regie-Quereinsteigers Christoph Waltz (mit Nicole Chevalier, ab 15.3.). Nikolaj Szeps-Znaider und Rudolf Buchbinder holen im Musikverein sämtliche Beethoven-Violinsonaten ans Licht (15. bis 17.2.); und Buchbinder allein die Diabelli- Variationen samt Diabelli-Originalwerken (3.3.). Malcolm Bilson traktiert den Jubeljubilar interessanterweise auf dem Hammerflügel (5.3.). Leonidas Kavakos spielt das Violinkonzert (21./23.2.) und Anne-Sophie Mutter das Tripelkonzert (17.3., beides Musikverein). Im Konzerthaus gehört Matthias Goerne zu den mutigen Letzten, die einen ganzen Abend lang Beethoven-Lieder wagen (mit Jan Lisiecki als Begleiter, 20.3.). Und das Quatuor Mosaïques, Lokalmatador und Darmsaiten-Pionier, spielt Beethovens op. 18, Nr. 6 (Mozart-Saal, 16.3.). Die anderen meiden den alten Sack. Der neue „Zigeunerbaron“ an der Volksoper ist geradezu Gegengift (mit Kurt Rydl ‚auf Schweinespeck‘, Regie: Peter Lund, ab 29.2.). Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert im Musikverein Bartók und Bruckner (13.3.) sowie Brahms’ „Deutsches Requiem“ (15./16.3.). Sogar das Artemis Quartet bevorzugt im Mozart-Saal Haydn und Schubert (28.2.). Pianist Kit Armstrong tut was ganz Ungewöhnliches und spielt im Konzerthaus Orgel (18.2., mit Widor, Elgar und Sweelinck). Martha Argerich steht ewiglich auf das 3. Klavierkonzert von Prokofjew (2./3.3.). Leif Ove Andsnes wählt Schumann und Dvořák (12.3.), Gil Shaham das Brahms-Violinkonzert (13./15.3.). Und Lang Lang muss nun auch noch seine Meinung zu den „Goldberg-Variationen“ sagen (17.3.). – Dann naht schon Ostern und Philippe Herreweghe bringt eine mit Julian Prégardien und Peter Kooij vorzüglich besetzte Johannes-Passion (18.3.). Alles im Konzerthaus. Trotzdem schön: Renée Fleming kehrt für einen Liederabend, begleitet von Evgeny Kissin, in den Musikverein zurück (12.3.). Und wird doch wohl hier, im Café Imperial, einkehren. Ober, zahlen.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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