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Musik-Krimi

Folge 41: Ein Geheimnis in Weimar

Doktor Stradivari drückte den Klingelknopf an der Villa in der Nähe des Weimarer Ilmparks. Hier lebte Professor Antonius Siebenzahn, ausgewiesener Kenner der Musik und der Biografie Franz Liszts. Seit zwanzig Jahren verbarg er sich vor der Öffentlichkeit. Angeblich verließ er das Haus nie. Vor kurzem hatte er über gewisse Kanäle verbreitet, wertvolle Druckausgaben seines Idols veräußern zu wollen. Es passte zu seinen Geheimnissen, dass er auf Barzahlung bestand. Ein Freund hatte Stradivari gebeten, für ihn den Kauf abzuwickeln. So hatte der Doktor zehntausend Euro in der Innentasche seines Sakkos dabei. Eine Stimme aus der Sprechanlage wies ihn an, dem Flur ins Wohnzimmer zu folgen. Die Person, die in dem dämmrigen Raum in einem Sessel saß, wirkte alt und eingefallen. Die Augen waren trotz der Lichtverhältnisse hinter einer dunklen Brille verborgen. Auf dem Kopf trug Siebenzahn eine Wollmütze, obwohl es nicht kalt war. „Willkommen“, sagte der alte Mann krächzend. „Leider kann ich Sie wegen meiner Krankheit nicht bewirten.“ „Bitte keine Umstände“, sagte Stradivari und stellte sich vor. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Nur eine Frage, wenn Sie gestatten. Wann wird Ihre Forschungsarbeit über Franz Liszt und seine Weimarer Zeit erscheinen? Es heißt, Sie arbeiten schon lange daran.“ Ein Lächeln umspielte Siebenzahns Lippen. „Ich hoffe, es bleibt mir noch Zeit, meine neuen Erkenntnisse über Liszt und seine geistliche Musik zu formulieren. 1865 hat er ja die niederen Priesterweihen empfangen. Doch die spirituelle Kraft der Musik hat ihn schon früher fasziniert. Denken Sie an seine Bearbeitung von Palestrinas ‚Miserere‘ aus dem Zyklus ‚Harmonies poétiques et religieuses‘. Und nicht zu vergessen die Verbindung zu Richard Wagner.“ „Das Motiv des heiligen Grals“, warf Stradivari ein. „Ganz recht. Wagner hat dem Gral einen Klang gegeben. Im ‚Lohengrin‘-Vorspiel zum Beispiel. Im August 1850 dirigierte Liszt ja hier in Weimar die ‚Lohengrin‘-Uraufführung. Er und Wagner haben in diesen Tagen Gespräche über den Zusammenhang von Musik und Religion geführt. Bei einigen davon war ein Musiker aus dem Orchester anwesend, der sie in bisher unbekannten Briefen an seine Schwester zusammenfasste. Ich habe sie entdeckt.“ Siebenzahn atmete schwer. „Könnten wir jetzt bitte zum Geschäftlichen kommen? Haben Sie die Summe bei sich?“ Stradivari ertastete mit einem Griff den Umschlag in seinem Sakko und zögerte. „Ach, entschuldigen Sie, ich habe das Geld im Wagen gelassen“, behauptete er. „Ich bin sofort zurück.“ Er verließ das Haus. Auf der Straße zog er sein Handy hervor und rief die Polizei an. Er war einem Verbrechen auf die Spur gekommen, das war klar. Beklommen fragte er sich, was aus dem echten Professor Siebenzahn geworden war. Was hat Doktor Stradivari misstrauisch werden lassen?

Doktor Stradivari ermittelt – und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin – bitte auch Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit dem Label Profil Edition Günter Hänssler fünf Exemplare des neuen Albums „Light & Darkness“ der jungen kroatisch-italienischen Pianistin und Busoni-Preisträgerin Martina Filjak. Darauf widmet sie sich anspruchsvollen Klavierwerken aus den späten Jahren von Franz Liszt, darunter die 2. Ballade, die beiden Franziskus-Legenden und die „Bénédiction de Dieu dans la solitude“ aus dem Zyklus „Harmonies poétiques et religieuses“. Einsendeschluss ist der 9. März 2020. Viel Glück!


Auflösung aus Magazin 6/2019:

1Drei anonyme Bieter konkurrierten im Darknet um die gestohlene Brille von Heinz Rühmann. Besonders bekannt wurde aus dem Film „Die drei von der Tankstelle“, in dem Rühmann die Brille trug, nur der Schlager „Ein Freund, ein guter Freund“, der wie die ganze Filmmusik aus der Feder von Werner Richard Heymann stammte – auf Texte von Robert Gilbert. Für Stradivari Hinweis genug, den dritten Bieter „Gilbertfan“ für den entschlossensten – und meistbietenden Käufer zu halten.


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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