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(c) Marco Borggreve

Beethoven 2020–2027

Familienfeier für Beethoven

Der Jubiläums-Schwerpunkt des Labels harmonia mundi setzt auf Klasse und nicht auf Masse – alles im Sinne des Super-Komponisten.

Alles von Beethoven? Das muss selbst im Jubiläumsjahr nicht sein, findet das Independent-Label harmonia mundi und plündert nicht lediglich wie andere Plattenfirmen seinen Katalog, um eine üppig-aufgeplusterte Gesamt-Edition auf den Markt zu bringen. Mit Neuaufnahmen und ausgewählten Wiederveröffentlichungen möchte man dem Geburtstagskind seinen Respekt erweisen – und zwar nicht nur im Jahr seines 250. Wiegenfestes. „Beethoven 2020–2027“ heißt die Edition, die die Spanne zwischen zwei Beethoven-Jubiläen im Namen trägt (in sieben Jahren begeht die musikalische Welt seinen 200. Todestag) und bereits im November letzten Jahres mit einer von René Jacobs geleiteten „Leonore“ (in der Urfassung von 1805) fulminant und hochgelobt eröffnet wurde. Schon hier weht sie einem entgegen, die „neue Vision“, mit der das Label den Geist des Komponisten auferstehen lassen will. Neben einem erlesenen Sängerensemble arbeitet der Alte-Musik-Spezialist Jacobs mit den ebenfalls historisch informierten Experten vom Freiburger Barockorchester zusammen. Doch erschöpft sich die Idee der Edition „Beethoven 2020–2027“ keineswegs im bloßen Originalklang.

Gemeinsamer Götterfunken

„Wir sind ja nicht die einzigen, die Beethoven auf historischen Instrumenten spielen“, sagt der Label-Chef Christian Girardin. „Was wir aber deutlicher hervorheben wollen als andere, ist das Umfeld, die Welt, in der Beethoven tätig war. So wie er auf seine Zeitgenossen wirkte, hat er sich von ihnen anregen lassen.“ Insbesondere die Musik der Französischen Revolution hinterließ Spuren in seinem Werk. In der Edition wird dieser Einfluss in der Gesamtaufnahme der Sinfonien deutlich, die im Februar begonnen wurde. Ergänzt wird der Zyklus nämlich um Werke anderer Tonschöpfer, etwa von französischen Komponisten aus dem Umfeld Napoleons. Die „Pastorale“ wiederum findet ihr Gegenstück in einem „Portrait musical de la Nature“ von Justin Heinrich Knecht (1752–1817), eine erstaunliche Wiederausgrabung, die Parallelen zu der Jahrzehnte nach ihr entstandenen sinfonischen Naturschilderung Beethovens aufweist. Gleich drei Klangkörper sind an dem Großprojekt beteiligt: die Akademie für Alte Musik Berlin mit den ersten beiden Sinfonien sowie den Sinfonien 4, 6 und 8, François-Xavier Roth und sein Orchester Les Siècles mit der Dritten und Fünften und das Freiburger Barockorchester unter Gottfried von der Goltz mit der Siebten und Pablo Heras-Casado mit der Neunten. „Wir mussten am Anfang etwas Überzeugungsarbeit leisten“, verrät Christian Girardin, „denn natürlich hätte jedes einzelne dieser Ensembles auch eine eigene Gesamtaufnahme vorlegen können. Am Ende hat sich aber doch der Familiengedanke durchgesetzt, der bei unseren Künstlern ausgeprägter ist als bei anderen Labels.“ So präsentiert sich die Edition denn auch nicht nur als Geburtstags-, sondern auch als Familienfeier, bei der sich harmonia-mundi-Interpreten in unterschiedlichen Konstellationen ein Stelldichein geben. Der Pianist Kristian Bezuidenhout zum Beispiel, der nicht nur in seiner Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte auf das vielbeschäftigte Freiburger Barockorchester und Pablo Heras-Casado trifft, sondern auch in der zusammen mit der 9. Sinfonie veröffentlichten „Chorfantasie“. Der gleichen Orchesterund Dirigentenbesetzung begegnen wir wiederum auch in der Tripelkonzert-Aufnahme, an der sich Isabelle Faust, Alexander Melnikov und Jean-Guihen Queyras als Solisten beteiligen. Bekannt ist dieser Dreier-Trupp nicht zuletzt aus der vielgepriesenen Gesamteinspielung der Klaviertrios, die – ebenfalls wie die der Violinsonaten mit Faust und Melnikov – zu den Wiederveröffentlichungen im Rahmen von „Beethoven 2020–2027“ gehören. Noch mehr Kammermusik gefällig? Hier sind die dritte und letzte Folge von Beethovens Streichquartetten mit dem Cuarteto Casals als Höhepunkt zu nennen, aber auch die Cello-Sonaten, die die beiden Teams Raphaël Pidoux/Tanguy de Williencourt und Roel Dieltiens/Andreas Staier unter sich aufgeteilt haben. Andreas Staier ist es auch, der den Aufnahme-Reigen von bedeutenden Klavierwerken eröffnet. Ihm schließen sich die Pianisten-Kollegen Paul Lewis, Nikolai Luganski und vor allem Kristian Bezuidenhout an, der auch mit einer geplanten Komplett-Einspielung der Sonaten für sein Label im Einsatz ist. Den Auftakt im Jubiläumsjahr machen so ganze 23 Veröffentlichungen, zu denen sich im Herbst 2020 auch René Jacobs’ Version der „Missa solemnis“ gesellen wird. Trotz dieser wichtigen Eckpfeiler ist die Edition damit aber keinesfalls abgeschlossen. Allerdings ist es bis 2027 ja auch noch ein bisschen hin. Christian Girardin: „Es werden weitere Aufnahmen folgen. Allerdings sind unsere Planungen noch offen. Vieles entwickelt sich im Gespräch mit unseren Künstlern.“ Auf weitere gute Ideen können wir gespannt sein.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

„Der neue Weg“ (Klaviersonaten Nr. 16–18)

Andreas Staier

harmonia mundi

Ludwig van Beethoven, Justin Heinrich Knecht

Sinfonie Nr. 6 F-Dur „Pastorale“ / Grande Simphonie „Le Portrait musical de la Nature“

Bernhard Forck, Akademie für Alte Musik

harmonia mundi


Klassiker mit Reifegrad

1Bereits im November 2019 hat harmonia mundi seine Beethoven-Edition mit René Jacobs’ „Leonore“-Einspielung eingeleitet. Von den Neuaufnahmen ebenfalls schon im Handel erhältlich sind die „Pastorale“ mit der Akademie für Alte Musik Berlin, die Klavierkonzerte Nr. 2 und 5 mit Kristian Bezuidenhout und dem Freiburger Barockorchester, das Klavier-Album „Ein neuer Weg“ mit Andreas Staier und ab April die dritte Folge der Streichquartette mit dem Cuarteto Casals. Im Mai und Juni folgen die ersten beiden Sinfonien sowie die Sinfonie Nr. 5. Wer auf die Neunte warten möchte, muss bis November Geduld haben. Abgeschlossen ist der Sinfonien-Zyklus erst im Jahr 2021.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 2 / 2020



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