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(c) Peter Adamik

Musikstadt

Computer

Corona hat das Klassikleben zum Erliegen gebracht, statt attraktiver Klangorte sind vorerst digitale Medien – das Internet, der Computer – unsere Musikmetropole.

Die Musikstadt der Welt – die ist plötzlich der häusliche Laptop, Computer, vielleicht sogar der damit verbundene TV-Screen geworden. Denn live ist alles seit Mitte März runtergefahren, die letzten Länder, wo die Opern- und Konzertsaallichter ausgingen waren am 16. und 17. des Monats England und Russland. Und selbst manche Festivals im Mai sind schon abgesagt oder verschoben. So sind jetzt natürlich diejenigen Kulturveranstalter und Klangkörper im Vorteil, die bereits über Jahre Streaming-Inhalte angesammelt oder mit Videofirmen kooperiert haben, denn die können jetzt – auch als nicht zu verkennende Werbemaßnahme – ihre Bibliotheken ausschlachten und für eine begrenzte Zeit sogar kostenlos auf ihren Webseiten anbieten. Denn auch wenn anfangs noch versucht wurde, in Geistervorstellungen Livestimmung zu erzeugen, damit war es allzu schnell vorbei. Während der Betrieb sich langsam runterruckelte konnte etwa die Berliner Lindenoper mit rbb-Hilfe noch eine an dem Tag sowieso angesetzte „Carmen“ unter Daniel Barenboim in Topbesetzung für immerhin 170.000 Zuschauer zur Verfügung stellen. In Dortmund, Regensburg und Krefeld fanden noch allerletzte Geisterpremieren für Kritiker und Stream-Zuschauer statt. In Stockholm wurde eine „Walküre“ im Kostüm, aber sonst konzertant vor leerem Opernhaus gegeben. Und in Köln führte das Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki vor leerem Philharmoniesaal eine vorerst letzte Johannes-Passion auf. Natürlich haben sich viele Künstler spontan vor ihre Handys gesetzt und per Twitter, Facebook und Instagram kleine Konzerte gegeben. Der erste war natürlich der sowieso in den sozialen Medien surfende Pianist Igor Levit, der nun täglich um 19 Uhr zum Hauskonzert aufspielt, dabei Beethoven-Sonaten, Bach/Brahms, aber auch Frederic Rzewski zum Besten gibt – vor bisweilen über 200.000 Zuhörern. Ähnlich wie die Italiener lud man zu Balkon und Fensterkonzerten, in Wien wurde allerdings auch gleich harscht durch die Straße geschrieen: „Aufhören, so schee is‘ des or net!“ Pianistin Tamara Stevanovich lud zum #Coronaconcert. Vor allem die Cellisten produzieren sich, Yo-Yo Ma vor dem Bücherregal, Gautier Capuçon zu Hause oder Johannes Moser in Puschen vor dem Kaminofen. Aber auch Joyce DiDonato und Piotr Beczała, deren „Werther“-Serie durch die Schließung der New Yorker Met ausgebremst wurde, traten im Wohnzimmer mit den Highlights aus dem Goethedrama vor die Telefonkamera, und der eigentlich vorgesehen Dirigent Yannick Nézet- Séguin grüßte erblondet und mit Katze vom heimischen Sofa in Montréal. Die Followerwelt: immer dabei. Die Bayerische Staatsoper musste zwar ihr als Stream angekündigtes 5. Akademiekonzert absagen, man hatte für die Kameras aber schnell Ersatz zusammengetrommelt. Christian Gerharer und Christina Landshamer sangen Schumanns „Liederalbum für die Jugend“, in Hemd und Bluse als casual chamber concert. Igor Levit spielte aufgezeichnet die Diabelli- Variationen, das hauseigene Schumann Quartett ließ sich mit Mozart vernehmen, die Schlagzeuggruppe Operacussion machte mit Bach und Chick Corea musikalisch Krach. Zum Schluss aber standen immer alle im geisterhaft gedimmten leeren Staatsopernsaal und schlichen stumm von der Bühne.

Kulturkonserven

Jetzt ist sowieso fast alles auf Konserven umgestellt. Wo ist es am schmackhaftesten, wo das Büffet am besten aufgestellt? Wir liefern hier einen Leitfaden durch die reichhaltigsten Gratis-Portale, die jetzt die Musikmetropolen wenigstens virtuell in Haus holen. Universellste Plattform ist arte Concert (arte.tv/de/arte-concert). Beat oder Beethoven, Oper oder Olàlà, alles ist da, für jeden Geschmack, immer und gleichzeitig. Endlich kann man in die Untiefen des Archivs hinabsteigen und sein schlechtes Gewissen beschwichtigen, weil man bisher nie Zeit dafür hatte. Es lassen sich sicherlich erstaunliche Entdeckungen machen – dank unserer Rundfunkgebühren. Auch die Berliner Philharmoniker haben ihre Hausaufgaben gemacht und inzwischen in über zehn Jahren in ihrer Digital Concert Hall (digitalconcerthall.com) ein Archiv aus 600 Konzerten angesammelt. Dazu ältere Dokumente und aufgekaufter Inhalt, Stunden von Interviews und einige Dokumentationen. Die Wiener Staatsoper ist zwar geschlossen, spielt aber täglich online umsonst und meist sogar dass, was regulär angesetzt gewesen wäre, in diversen Besetzungen (staatsoperlive.com). Denn seit einer Dekade ist auch diese altmodische Institution Streaming-Vorreiter mit Opern- und Ballettaufzeichnungen. Bei den Konserven sind sowohl faule Eier dabei als auch grandiose Vokalsträuße, so wie im echten Opernleben. Einfache Anmeldung, Untertitel in acht Sprachen. Die Metropolitan Opera (metopera.org) als größtes Theater Amerikas hat ebenfalls ihr Archiv aus TV-Aufzeichnungen und Kinoübertragungen weit aufgemacht, und sendet – wie bei den Oscars – jede Nacht für lau eine Musiktheaterpreziose. Manche kitschig, andere atemraubend, mit allen Big Names des Business. Man kann freilich ausschlafen, alles steht 20 Stunden zur Verfügung. Die Staatsoper Unter den Linden (staatsoper-berlin.de) streamt jeweils um 12 Uhr mittags wechselnd – Oper, Sinfoniekonzert, Ballett. Die Opéra de Paris (operadeparis.fr) hat manches immer, anderes wöchentlich im Insta-Angebot. Und es gibt weiterhin die Videoplattform 3e Scène mit schrägen und experimentellen, eigenproduzierten Videoclips um Oper und Tanz.


Operavision

1Auf der von der EU geförderten Videoplattform operavison.eu sind 29 Partnerhäuser und -Festivals aus 17 Ländern vereint. Und die bieten – mit dreisprachigen Untertiteln – gegenwärtig 21 Opern an. Da findet der Gourmet seine Spezereien und auch der Raritätenschnüffler Trüffel wie Moniuszkus polnische Nationaloper „Halka“ aus Warschau, Erich Wolfgang Korngolds rarer Venedig-Einakter „Violanta“ aus Turin, eine grandiose Dvorak-„Rusalka“ aus Antwerpen oder die Barry-Kosky-Inszenierungen von Henzes „Bassariden“ und Weinbergs „Frühlingsstürme“ aus der Komischen Oper Berlin. Und sogar absolut Schräges wie Ivan Zajcs patriotische Kroatenoper „Nikola Šubić Zrinjski“ aus Zagreb wird offeriert.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2020



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