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(c) Peter Adamik

Lisa Batiashvili

Dichter der Großstadt

Gelungener Saitensprung: Die Geigerin Lisa Batiashvili begibt sich auf eine Klangreise durch elf Städte – angestoßen von der Musik Charlie Chaplins.

Es begann in Georgien. Bei der Geigerin Lisa Batiashvili nicht verwunderlich, sie kommt schließlich aus dem kleinen, aber altehrwürdigen Land an der Grenze zu Asien, auch wenn sie schon lange nicht mehr dort lebt. Aber sie pflegt weiterhin die Kontakte, ihr Vater, der einst die Auswanderung der Familie mit der begabten Tochter vorantrieb, lebt wieder dort, spielt im ersten Streichquartett des Landes. Und auch sie knüpft weiterhin an ihrem lokalen Kontaktnetz, bewahrt Freundschaften.
Beispielsweise zu dem Komponisten, Arrangeur und Dirigenten Nikoloz Rachveli. Mit dem nun saß die Künstlerin bei einem nachdenklichen Gespräch über neue Projekte in einem Restaurant in Tblisi – und plötzlich schwärmte man sich gegenseitig von den Musiken vor, die Charlie Chaplin höchstselbst für einige seiner Filme komponiert hat. Und am Ende war nicht nur dessen berühmte Melodie „Smile“ im Kopf und als Mimik auf den Lippen beider Beteiligten. Die Idee für ein neues Album war geboren und nahm in Windeseile Gestalt an.
Wer Lisa Batiashvili kennt, der erlebt eine ernsthafte, ganz auf die Musik konzentrierte Künstlerin – wenn nicht ihr Mann, der französische Oboist François Leleux und die gemeinsamen Kinder ihren Tribut an Qualitätszeit fordern. Da ist jemand wirklich auf die Geige konzentriert, fordert ihr alles ab und verlangt auch viel von sich selbst. Bevorzugte Dirigentenpartner wie Daniel Barenboim oder Yannick Nézet-Séguin wissen genau diesen Batiashvili-Zug zu schätzen, neben ihrer – von der makellosen Technik ganz zu schweigen – stupenden, so spontanen wie tief empfundenen, schnell reagierenden Musikalität.
Lisa Batiashvili ist eine Violinvirtuosa, die sich anzupassen versteht, die sich aber nie kleinmacht. Crossover-Projekte, das war bisher nicht ihr Ding. Sie mag die hübschen, mitunter gar nicht so leichten Stücke, die gern auch Geiger als Saitenspringer immer wieder einen gekrümmten Repertoirepfad nehmen lassen, wollte sich aber bisher auf die großen, die schweren, auch die neumodischen Brocken der Literatur kaprizieren.

Wien, Paris, New York

Doch Chaplin erleichterte ihr den Übergang. Nicht nur weil mit „City Lights“ schnell ein Titel für die neue Scheibe bereitstand, sondern eigentlich auch ein nur noch genauer festzuziehendes, mit Inhalten zu füllendes Konzept: Die Geigerin besucht mit ihrer Musik elf Orte ihres Lebens und lädt so zu einer musikalischen Weltreise ein: „Nun kam Nikoloz ins Spiel, denn ich wusste, wie wunderbar er arrangiert, ja neukomponiert. Er sollte also für die Farben, den Grundsound des Albums sorgen, denn jedes Stück ist eigens arrangiert, für die Geige und die Gastinstrumente, wie auch in seiner Abfolge. Er hat sich einer Fülle von Materialien bedient, etwas Neues geschaffen, das als Ganzes so harmonisch wie auch abwechslungsreich klingt. Ich bin sehr zufrieden damit.“ Man könnte diese Neuveröffentlichung auch „Lisa & Friends“ nennen. Den viele musikalische wie menschliche Partner sind auf dieser ganz und gar emissionsfreien Tonreise um den Globus mit dabei.
Auch klanglich geht das Album von der Musik Charlie Chaplins aus, der im vergangenen Jahr 130 Jahre alt geworden wäre, es eröffnet mit einer vielgestaltigen „City Lights Suite“. Das musikalische Spektrum reicht von Johann Sebastian Bach, der für eine München-Reminiszenz steht, über einen Johann-Strauß-Titel á la Liszt-Ungarese, der natürlich Wien beschwört. Michel Legrand ist genauso prototypisch für ein elegant jazzüberhauchtes Paris-Bild wie Astor Piazzolla für das mal Tango-feurige, mal -melancholische Buenos Aires.
Die Südamerika-Atmosphäre betont auf eigene, nüchterne Art der Gitarrist Miloš Karadaglić. Die Exil-Georgierin Katie Melua hat einen atmosphärischen Song über London gespielt – und singt ihn auch. Till Brönner trompetet natürlich über sein Berlin und hat mit Marlene Dietrich noch einen Koffer dort. Mit dem Cellisten Maximilian Hornung begibt sich Lisa Batiashvili in das melodienverliebte Rom von Ennio Morricone. Papa Batiashvili hat das Englischhorn-Solo des zweiten Satzes von Dvořáks 9. Sinfonie für Geige arrangiert, und die „Neue Welt“ steht natürlich für New York.
Ein Wiegenlied aus Helsinki rundet die globale Hommage ab, die natürlich in Tblisi endet: mit einer Verbeugung vor dem gerade verstorbenen, aber noch involvierten Giya Kancheli samt seiner eigenwilligen Mischung aus Tonalität und Avantgarde; auch Stimmen spuken durch diesen gelungenen Alben-Trip, der so vielgestaltig wie harmonisch wurde. Kein Zweifel: Lisa Batiashvili kann auch Crossover.

„City Lights“

Katie Melua, Till Brönner, Milos Karadaglić, Maximilian Hornung, RSO Berlin, Georgia Philharmonic, Nikoloz Rachveli

DG/Universal


Weltenbürgerin

1„City Lights“ geht aus von den Städten, die in Lisa Batiashvilis Leben besondere persönliche, musikalische oder violinistische Bedeutung haben: In Tiflis wurde sie geboren. In München studierte sie und beschäftigte sich erstmals ernsthaft mit Bach. Aus Paris stammt ihr Mann. Helsinki markiert mit dem Sibelius-Wettbewerb den Beginn ihrer Karriere. Aus Buenos Aires kommt ihre Lehrerin. Berlin ist ihr geistige Heimat, in Rom sitzt Antonio Pappano, mit dem sie ebenfalls viel arbeitet. London und New York sind wichtige Musikmetropolen. „Egal, wohin du gehst oder wie weit entfernt du schließlich bist, du behältst immer eine besondere Beziehung zu Orten, die einmal ein Teil von dir waren“, sagt die Geigerin.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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