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(c) Klaus Rudolph/DG

Grigory Sokolov

Der Schwierige wird weich

Grigory Sokolov ist der zurzeit umwölkteste Pianist – und seine neue Live-CD bei der Deutschen Grammophon seine vielleicht beste.

Wenn selbst Daniel Barenboim einräumt, bei Grigory Sokolov handele es sich um den derzeit „besten Pianisten von allen“, dann muss da was dran sein. Beide sind Konkurrenten. Der Ruf des mittlerweile 70-jährigen Sokolov ist freilich inzwischen so kultisch überhöht, dass er als „Heilige Kuh“ des Klassik-Business wohl angesehen werden kann. Da Sokolov kaum Interviews gibt und CD-Studios meidet wie der Teufel das Weihwasser, konnte sich sein Ruf nur sehr langsam durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten. Dies umso nachhaltiger.
Der Mann ist prononcierter Rhythmiker. Außerdem berühmt für seine rigide ausgefeilten, auf Äußerste durchgeschliffenen Interpretationen. Pro Saison beschränkt er sich auf nur ein einziges Programm, mit dem er ausgiebig tourt. Dies galt in den Jahren 2018/19 Mozart, Beethoven und Brahms. Genau so heißt denn auch das fünfte Live-Produkt, das der Schwierige seiner Schallplattenfirma, der Deutschen Grammophon, generös bewilligt hat. Lange Jahre lehnte er jede Veröffentlichung ab.
Während sich Künstler früher daran gestört hätten, wenn ihr eigener Name auf dem Cover größer dargestellt wird als derjenige der Komponisten, ist Sokolov in diesem Punkt kompromissbereit. Nicht einmal die Werke werden genannt – und wer auf einer der beiden CDs den vorne drauf angekündigten Mozart sucht, wird sogar enttäuscht. (Der befindet sich in Gestalt von KV 545, 475 & 457 nur auf der beigefügten DVD). Wirft auch ein Licht.
Für Beethovens Bagatellen op. 119 bietet Sokolov den für ihn typisch hellen, fast klirrigen Ton. Jede Temporückung von der Sonate op. 2, Nr. 3 scheint perfekt ausgezirkelt und nachgemessen. Spontan wirkte dieser Pianist ja fast nie – aber umso konsequenter in der Übererfüllung pianistischer Planwirtschaft. Sein konsequenter Nimbus passt – verbunden mit der perkussiven Herangehensweise – durchaus zu Beethoven. Der erscheint nicht gerade als Spaßvogel. Und auch mit Sokolov, denkt man, ist nicht gut Kirschen essen. Es macht aber immer Spaß, einem Charakterkopf bei der Arbeit zuzusehen. Auch darin besteht das Erfolgsgeheimnis dieses jovial übergewichtigen, schaukelnd auftretenden und zum Klavier strömenden Super-Tankers.

Hungrig nach mehr

Da Sokolov ein gestrenger Prober, aber gewiss auch ein russischer Schwerblüter ist, bleibt Brahms für ihn ideal. Merkwürdigerweise haben große Pianisten die späten Klavierstücke op. 118 und 119 oft gemieden. (Nach Backhaus, Gieseking, Katchen und Kempff beschäftigten sich fast nur Lupu, Leonskaja und Volodos damit; und viele Kleinmeister). Sokolov spielt die Werke mit herrlichem Aplomb, wobei ein großartiger Ausgleich zwischen Strukturwillen und Melancholie, Herbheit und Fortschrittlichkeit entsteht. Eine der besten Aufnahmen der Intermezzi, die es überhaupt gibt.
Berühmt ist Sokolov nicht zuletzt für seine vielen Encores, mit denen er stets rasch hintereinander aufzuräumen pflegt; so als wolle er es hinter sich bringen und habe Hunger. Diesmal sind es gleich sieben Zugaben (plus sechs auf der in Turin aufgezeichneten DVD). Man lernt, dass es recht viele Überschneidungen gibt. Von einigen Rameau-Stücken – darunter persönliche Erkennungsmelodien wie „Les Sauvages“ und „Le rappel des oiseau“ – gibt es inzwischen sogar Tripletten von Sokolov. Und das, obwohl der kaum CDs macht.
Da er nur dort auftritt, wo man den Saal vorher den ganzen Tag über sperren und sich stundenlang am Klavier einspielen kann, hat Sokolov ein Herz für eher entlegene Säle. Auf diesem Recital hört man ihn an Orten wie Zaragoza, Wuppertal – und im oberitalienischen Rabbi. Hier, unweit von Bozen, besaß Arturo Benedetti Michelangeli ein Sommerhaus.
Vermutlich würde man Sokolov überall hin folgen – und auch für jederlei Repertoire. In der Klassik-Szene, die doch nach ewigen Werten geht, war seit Jahrzehnten kein Fall bekannt, wo jemand so – mit Verlaub: unsexy – aussah und die Massen dennoch dermaßen elektrisierte. Seine pianistischen Mittel hat er sogar reduziert; das Farbspektrum von Sokolovs Spiel, ebenso seine dynamische Differenzierungslust, sind eher geringer ausgeprägt als bei anderen. Auf dieser Doppel-CD gibt er sich etwas weicher.
Ein Tournee-Abfallprodukt de luxe, keine Frage. Das wollen wir jedes Jahr haben! Von uns könnte man es auch gleich nach den betreffenden Jahrgängen numerieren – so wie man das früher bei Tanzparty-Platten von James Last machte. Auch die Frisuren der beiden sind, wenn man genauer hinsieht, erstaunlich ähnlich. Man lernt und versteht endlich: Wenn es überhaupt noch lebende Klavier-Götter gibt, so gehört dieser Mann unbedingt dazu.

Beethoven, Brahms, Mozart

Grigory Sokolov

DG


Lieber live

1CDs von Grigory Sokolov sind Rarissima wie sonst nur solche von Carlos Kleiber. Früher gab es hauptsächlich eine Box bei Naïve (dabei auch frühe Studio-Aufnahmen der 70er-Jahre). Der Mythos indes verbreitete sich durch Sokolovs Live-Konzerte. Schon die später bei Melodiya veröffentlichten Recitals aus Leningrad zeigen, dass live seine Vorliebe lag. Großartig seine Prokofjew-, Skrjabin- und Chopin-Aufnahmen der 60er- und 80er-Jahre (Melodiya). Bei Recitals der DG konzentrierte man sich auf Wiener Klassik (plus Rachmaninow und Chopin). Herausragend: „The Salzburg Recital“, 2015, DG). Vergleiche lehren: Phänomenal bleibt er, egal ob live oder im Studio.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2020



Kommentare

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gemihaus
Mythengeschwurbel Wenn selbst Barenboim ... so werden Mythen getextet von pianistischer Grösse und Einmaligkeit, nur, belegen dies inzwischen dürftig-wenige Konzertmitschnitte und bis zum Manierismus ausgetüftelte Interpretationen, pianistisch delikat allemal, jedoch ebenso und immer dem Geist der Musik adäquat? Wenn das Sinnierend-Improvisierende der späten Brahms-Stücke (die auch ein Gould erstklassig einspielte) durchaus überzeugt, dann nicht die romantisch langstielig verdehnte Sonate des jungen Beethoven, oder? Alles nur Glanz pianistischer Eigenwilligkeit? Der grösste lebende Pianist (neben Barenboim), ja wer weiss denn das schon?


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