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Vorzeige-Vater: Isaac Stern mit seinen Kindern Shira und Michael © Sony Music Entertainment

Isaac Stern

Der Jahrhundert-Geiger

Vor hundert Jahren, am 21. Juli 1920, wurde der amerikanische Geiger Isaac Stern geboren. Eine umfangreiche CD-Box würdigt diesen auch außerhalb des Konzertsaals außergewöhnlichen Musiker.

Es war Anfang April 1999, als sich eine Sensation anbahnte. Keiner hatte es mehr für möglich gehalten, dass der damals größte lebende Geiger jemals wieder offiziell nach Deutschland kommen würde. Aber nun war Isaac Stern tatsächlich da. Und zwar in Köln, wo er auf Einladung von Philharmonie-Intendant Franz-Xaver Ohnesorg einen zehntätigen Meisterkurs gab. Nie wieder, so hatte sich Stern geschworen, wolle er im Land der Holocaust-Täter auftreten. Wobei er zugleich auch einmal bedauerte, dass er dadurch niemals vor jenem Publikum gespielt haben wird, „das mich durch seine ungeheuerliche musikalische Tradition wahrscheinlich besser verstanden hätte als jedes andere Publikum der Welt". Als Stern mit seinen nunmehr 79 Jahren also an den Rhein reiste, hatte er seine Geige in New York gelassen. Doch im Saal der Kölner Musikhochschule, wo der passionierte Lehrer und Förderer sich der musizierenden Jugend widmete, kam es nun zu einer zweiten Sensation – als Stern plötzlich die Violine einer Schülerin in die Hand nahm und einige Töne zu spielen begann.
Da es damals noch keine Smartphones gab, die man reflexhaft in die Höhe hätte strecken können, existieren von diesem historischen Moment keine Aufnahmen. Immerhin einige Schnappschüsse erzählen von einem zwischendurch stets bestens aufgelegten, über beide Wangen strahlenden und lachenden Stern, der immer wieder für einen handfesten Gag gut gewesen sein soll.
Wie Pianistenlegende Arthur Rubinstein konnte Stern nie vergessen, was seiner Familie von den Nationalsozialisten angetan worden war. Weshalb er mit einer Geste seines Geigenkollegen Yehudi Menuhin haderte, der bereits kurz nach Kriegsende die Hand ausstreckte und in Berlin mit Wilhelm Furtwängler musizierte. Einen etwas anderen Weg der Versöhnung sollte Stern aber nahezu zeitgleich eingeschlagen. Es war 1946, als der 26-Jährige mit zwei kontrastreichen Schallplattenprogrammen seinen Ruf als neuer Shooting-Star am Geigenhimmel bestätigte. Mit dem französischen Romantiker Henryk Wieniawski und dessen 2. Violinkonzert debütierte er ganz im Stile eines Anti-Virtuosen, mit großer, dabei fast übertrieben deklamatorischer Tonfülle auf dem Tonträgermarkt. Kurz darauf spielte er den Soundtrack zum Hollywood-Schinken „Humoresque“ ein. Und zwischen dem „Hummelflug“ und Sarasates „Zigeunerweisen“ fand sich nun Franz Waxmans Arrangement von Wagners „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“. An die Musik dieses hochumstrittenen Komponisten, der bis heute gerade in Israel noch immer für Kontroversen sorgt, wagte sich der gläubige Jude Stern bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dass er ein Jahr später dann sogar noch ein Wagnersches „Albumblatt“ aufnahm, stand für seine unerschütterliche Bewunderung einer Musiknation, die Bach und Beethoven, Brahms, Mendelssohn und eben Wagner hervorgebracht hatte.
Und dass er ihr – trotz all des persönlichen Schmerzes – über all die Jahre und Jahrzehnte die Treue hielt, spiegelt auch die umfangreiche CD-Box wider, die sämtliche für das Columbia-Label entstandenen Analog-Aufnahmen aus dem Zeitraum 1946 bis 1980 umfasst. Dazu zählen die Violinkonzerte Bachs, die Stern mit seinen Lieblingsschülern Pinchas Zukerman und Itzhak Perlman, aber auch mit den Dirigenten Pablo Casals und Leonard Bernstein beschwingt und voller Energie aufgenommen hat. Brahmsʼ Violinkonzert widmete er sich zwischen 1951 und 1978 gleich drei Mal – wobei er wie bei sämtlichen Meisterwerken der Violinliteratur mit menschlicher Tiefe und Wärme bewegt und mitreißt. „Das größte Verbrechen“, so lautete schließlich sein Credo, „besteht darin, Noten zu spielen, statt Musik zu machen.“

Kein Wunderkind

Bis Stern aber die schwierige Kunst, einfach mit Herz und Verstand Musik zu machen, wie selbstverständlich beherrschte, musste er durchaus so manch steinigen Weg gehen. Ein Wunderkind war er nämlich nicht. Nachdem er als Baby mit seinen Eltern nach San Francisco gekommen war (Stern wurde am 21. Juli 1920 in der Ukraine geboren), fand er im Konzertmeister des örtlichen Sinfonieorchesters seinen einzigen Lehrer. Naoum Blinder war jedoch kein pädagogischer Pedant. Vielmehr vermittelte er seinem Schüler eine Liebe nicht zuletzt zur Kammermusik, die sich später in zahllosen Aufnahmen mit etwa Pablo Casals, Myra Hess, Paul Tortelier und Leonard Rose niederschlug. Aber auch in den großen Violinkonzerten, die Stern mit Eugene Ormandy, Thomas Beecham, Zubin Mehta und vor allem Leonard Bernstein einspielte, herrscht dieses kommunikativ kammermusikalische Miteinander zwischen Solist und Orchester.
Obwohl der Musiker Stern immer alle Hände voll zu tun hatte (sein letztes Konzert gab er 2000, ein Jahr vor seinem Tod, in der Carnegie Hall mit unter anderem Yo-Yo Ma und Emanuel Ax), war er zugleich ein umtriebiger Kulturpolitiker. Besonders galt seine Tätigkeit seiner zweiten Heimat Israel, wo er nicht nur das Jerusalemer Music Center leitete. Mit Bernstein wandte er sich erfolgreich gegen eine UNESCO-Resolution, die sich gegen eine weitere kulturelle Förderung Israels aussprach. Zu den bewegendsten Tondokumenten des jüdischen Weltbürgers Stern zählen denn in der CD-Box auch zwei Aufnahmen des Tschaikowski-Violinkonzerts. Denn sowohl 1949 (unter Alexander Hilsberg) wie 1973 (diesmal unter Bernstein) stimmt der „Fiddler“ Stern den Beginn des langsamen Satzes so an, als wäre es eine hebräische Weise.

„Isaac Stern: The Complete Columbia Analogue Recordings”, 75 CDs

Sony


Retter in letzter Sekunde

1Was Isaac Stern für ein (einflussreicher) Mann der Tat war, bewies er Ende der 1950er-Jahre. Nachdem die Eigentümer der New Yorker Carnegie Hall verkündet hatten, diesen altehrwürdigen Konzertsaal abreißen zu wollen, setzte sich Stern sofort an die Spitze einer prominent besetzten Protestbewegung. Immerhin waren es unter anderem Pablo Casals, Leonard Bernstein, Vladimir Horowitz, Jascha Heifetz und Fritz Kreisler, die Stern jetzt bei seiner Rettungsaktion unterstützten. Und bekanntlich hatte man damit Erfolg! Im April 1960 wurde die Genehmigung zum Kauf des Gebäudes erteilt; ein Monat später konstituierte sich der Vorstand der „Carnegie Hall Corporation“ – mit Stern als Präsidenten. Sage und schreibe 41 Jahre sollte er diesen Posten bekleiden. Wobei auch er es war, der den Kölner Philharmonie-Intendanten Franz-Xaver Ohnesorg 1999 zum neuen Chef der Carnegie Hall machte.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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