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(c) Thor Brødreskift

Bergen-Festival

Eine neue Form der Raumkunst

Aufgrund der Corona-Pandemie konnten die Festspiele Bergen nicht wie gewohnt stattfinden. Dafür passte die Intendanz das Programm an und zog um – ins Internet.

Es war kein Schock, nicht einmal eine Überraschung für Anders Beyer und sein Team, als die norwegische Regierung am 25. April verkündete: Bis zum 1. September dürfen keine Veranstaltungen mit über 500 Teilnehmenden stattfinden – und damit auch nicht die Festspiele Bergen, Norwegens ältestes und größtes Musik- und Theaterfestival, zu dem jährlich 100.000 Menschen in die zweitgrößte Stadt des Landes reisen. „Zu diesem Zeitpunkt waren Festivals wie die in Bayreuth oder Edinburgh bereits gecancelled“, sagt Intendant Anders Beyer Mitte Mai im Videointerview. Es sei also erwartbar gewesen, was die Regierung entschied, „und wir haben die Konsequenzen gezogen.“ Im Fall dieses Festivals bedeutete das jedoch nicht, einfach alles hinzuschmeißen und aufs nächste Jahr zu hoffen. Bergen nämlich versteht und verstand sich schon immer als eine Art Vorreiter in der Festivallandschaft, als „Eisbrecher“, wie Anders Beyer sagt, künstlerisch wie programmatisch – und so setzte sich das Team nicht durch Corona erstmals mit den Möglichkeiten der virtuellen Festivalgestaltung auseinander. „Wir haben uns schon längere Zeit damit beschäftigt, die Festspiele digital auszuweiten“, sagt Beyer. Bergen als 280.000-Einwohner-Stadt sei nämlich eigentlich zu klein für die rund 100.000 Besucher*innen jedes Jahr. Beyer trägt seinen Laptop zum Fenster und zeigt als Veranschaulichung der These den kuschelig-klein aussehenden Hauptplatz Torgallmenningen von oben: „Wir können im Publikum einfach nicht noch mehr Leute sein als jetzt schon.“
Also was sollte passieren, alternativ zum zweiwöchigen Spektakel an über einem Dutzend Veranstaltungsorten, drinnen und draußen, tags und nachts? Es würden „außergewöhnliche“ Festspiele in „außergewöhnlichen Zeiten“, versprach immerhin die Schauspielerin Kate Pendry am Abend des 20. Mai in die Linse einer Kamera, kurz bevor auch Queen Sonja und Kronprinz Haakon mit Sicherheitsabstand im königlichen Garten ihre Grußworte sprachen und sich schließlich der Blick auf die Bühne des Griegsalen in den Griegshallen öffnete – virtuell. Zwei Dutzend Musikerinnen des Bergen Philharmonic Orchestra saßen da im Halbkreis neben- und hintereinander, jede und jeder mit eigenem Pult und entsprechendem Sicherheitsabstand, vor ihnen auf dem Podest stand ihr Chefdirigent Edward Gardner und führte sie unter anderem durch Einar Selviks inniges Gesangs- und Lyra-Solowerk „Völuspá“, durch Arvo Pärts „Tabula Rasa“ mit Eldbjørg Hemsing und Guro Kleven Hagen an den Soloviolinen und durch Jörg Widmanns hochkonzentrierte Beethoven-Hommage „Con Brio“. Man hatte sich für ein moderiertes Gesprächskonzert entschieden, mit kurzen Interviews mit den Musikerinnen oder knappen Einführungen, meist auf Norwegisch, manchmal auf Englisch, was am Ende eine kurzweilige, musikalisch interessante Konzertstunde hervorbrachte.

Filmische Ästhetik

Insgesamt 35 solcher „klassischer“ Konzerte fanden auf diese Weise per Stream statt – aus den Grieghallen oder den Håkonshallen, dem kleinen Literaturhaus oder dem Konzertraum im Edvard-Grieg-Museum Troldhaugen – im Grunde also direkt aus dem Wohnzimmer in Griegs Villa, in der er bis zu seinem Tod gelebt hat. Musik von Beethoven, Bartók und Lachenmann, von Kaija Saariaho, Rebecka Sofia Ahvenniemi und Christer Danielsson mit Blick auf die Bucht Nordåsvannet und den türkisgrünen Wald, gespielt und gesungen von teilweise prominenten Musiker*innen wie Leif Ove Andsnes, Håkan Hardenberger und Mari Eriksmoen. Was für ein Programm in was für einem Ambiente! Nichtsdestoweniger: Wer zuhörte, tat das zumeist einsam vor dem heimischen Endgerät. Nicht nur das Eröffnungskonzert, sondern viele weitere gestreamte Veranstaltungen des Festivals erinnerten die Zuschauerin auf diese Weise an den Verlust, der hinter all dem steht: Zwar aus der Ferne teilhaben zu können, aber dennoch nicht „richtig“ dabei zu sein. Ist das Internet der richtige Ort für klassische Musik? „Die Räume, in denen wir Musik hören, sind in vielen Fällen schon lange nicht mehr wirklich geeignet“, sagt Anders Beyer dazu. „Kammermusik ist für kleine Räume komponiert, aber wir hören sie in großen Konzerthallen oder von Interpreten wie Lang Lang in riesigen Arenen. Da hören 10.000 Menschen zu, wie wir Schubert spielen, Musik, die für einen kleinen Raum, für fünf bis zehn Leute geschrieben ist. Das ist verrückt.“
Den geeigneten Konzertsaal, den im Grunde „richtigen“ Raum, erfährt man also ohnehin selten – digital transformieren lässt er sich umso weniger. „Aber das Digitale kann eine gute Ergänzung sein zu der Art, wie wir die Musik konsumieren“, sagt Beyer. So wurde das Streamen beim Bergener Festival gewissermaßen zum Konsum des Musikkonsums: Man erlebte als Zuhörerin ja nicht einfach das Konzert, sondern beobachtete die Situation aus der Vogelperspektive, durch den Filter des Nicht-Vor-Ort-Seins. Ich nehme den Raum wahr, ohne dort zu sein, höre die Musik ohne direkten Schall, sehe die Musiker*innen durch die Linse einer Kamera. Ich reflektiere die Konzertsituation auf eine andere Weise, indem ich ihr folge und mich ihr zugleich entziehe.
Die diesjährigen Festspiele Bergen spielten tagtäglich mit solchen Formaten statt einfach Livestreams zu produzieren. Gestreamte Konzerte, ja, doch mit dem Anspruch filmischer Ästhetik und gewisser Interaktion: Beyer musste zwar 2000 Musikerinnen absagen, doch engagierte er in der Folge Hunderte andere Künstlerinnen und Technikerinnen, die die Umsetzung der Streams überhaupt in der Qualität ermöglichten, die ihm vorschwebte. Und so befanden sich bei den Konzerten, Schauspielen, Gesprächen stets mehrere Kameras im Raum, die den Blick führten, Ausschnitte zogen, Sequenzen komponierten – und zwar auf eine so spontane, spielerische, probierende Art und Weise, dass im streamenden Abwägen und Ausklügeln nahezu eine neue Form der Raumkunst entstand. Die Menschen hinter der Kamera waren in ihrer Charakteristik so anwesend wie die davor. Bilder wie das der einsam spielenden Violinistin Jutta Morgenstern im Grieg-Wohnzimmer bekamen so eine ungewöhnliche Stärke – abgesehen von eigens fürs Digitale produzierten Formaten wie der TV-Serie „Post-Capitalist Architecture“, der Do-It-Yourself-Performance „Room of Organs“ des finnischen Kollektivs Ilmastokirkko oder dem Opern-Theatrophon unter dem Titel „This Evening’s Performance Has Not Been Cancelled“: Wählte man die entsprechende Telefonnummer, wurde man automatisch und zufällig einer Person zugeschaltet, die in Beziehung steht zu einer wegen Covid-19 abgesagten Produktion, also Sängerinnen und Regisseurinnen genau wie Kostümdesignerinnen oder Maskenbildner*innen. Es war am Ende doch nicht jede und jeder allein vorm Bildschirm. Zumindest ein bisschen. Einem digitalen Festival beim Entstehen zuzuschauen, kann den Wunsch nach physischer Anwesenheit kurz vergessen machen.

www.fib.no/en/


Die Katastrophe vermeiden

1RONDO: Warum haben Sie das Festival nicht abgesagt?

Unsere Stakeholder, der Staat, das Land, die Stadt und die privaten Sponsoren haben uns versichert: Wenn ihr das Festival digital stattfinden lasst, könnt ihr die Fördergelder behalten. Sie auch noch zu verlieren, wäre eine Katastrophe gewesen, denn das Festival nächstes Jahr ist schon geplant.

RONDO: Die Künstler*innen spielen in einem gemeinsamen Raum mit Sicherheitsabstand. Ist das nicht immer noch ein großes Risiko?

Wir halten uns an die Vorgaben und Regeln: Niemand, der nicht involviert ist, darf das Gebäude betreten, nicht einmal ich. Draußen stehen Aufpasserinnen und schauen, dass sogar die Musikerinnen vorher und nachher komplett voneinander getrennt sind. Ich würde sagen, da ist es vergleichsweise leichter sich draußen auf der Straße im eigenen Auto anzustecken.


Hannah Schmidt, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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