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N° 1272
24. - 30.09.2022

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Schätze für den Plattenschrank

English Orpheus

Wer italienische Wurzeln besaß wie der in London geborene Giovanni Battista Barbirolli, der hatte für seine Musikerlaufbahn das entsprechende Gespür fürs Kantable schon in die Wiege gelegt bekommen. Und wie etwa die Streicher der Wiener Philharmoniker unter der Leitung eines Dirigenten zu singen begannen, der als John Barbirolli Karriere machte, ist auf der Gesamteinspielung aller Brahms-Sinfonien in Vollendung nachzuhören. Selbst die Blechbläser besiegelten Mitte der 1960er-Jahre mit herzerwärmendem Melos die Aufnahmesitzungen mit Barbirolli, der damit zweifellos den Zenit seines Brahms-Könnens dokumentierte. Doch nicht nur von der großen klassisch-romantischen bis zu Gustav Mahler und Jean Sibelius reichenden Sinfonik konnte Barbirolli die Musik in einen herrlich kultivierten Fluss versetzen. Gerade die hierzulande immer noch leicht naserümpfend goutierte English Connection um Ralph Vaughan Williams, Frederick Delius und Arnold Bax fand in ihm ihren dirigierenden „Orpheus“. Große Orchesterwerke von ihnen, aber auch so manche die Ohren und das Gemüt schmeichelnde Gelegenheitswerke wie eine „Rhapsody“ von George Butterworth bilden nun einen Löwenanteil an den jetzt gebündelten Aufnahmen, die Barbirolli zwischen 1928 und 1970 für die englischen Labels HMV, EMI und Pye gemacht hat. Und selbstverständlich darf dabei eine wahre Kulteinspielung nicht fehlen, in der der gelernte Cellist 1965 die legendäre Jacqueline du Pré bei Elgars Cellokonzert attestierte. Doch in dieser Box reiht sich überhaupt allein im Konzertanten eine musikhistorische Sternstunde an die andere. So hat Barbirolli in den 1930er-Jahren Solo-Konzerte von Bach, Mozart, Chopin, Tschaikowski & Co. immerhin mit solchen Jahrhundertmusikern wie Jascha Heifetz, Fritz Kreisler, Mischa Elman, Artur Schnabel und Artur Rubinstein eingespielt. Während er da noch vorrangig etwa mit dem London Symphony Orchestra zusammenarbeitete, sollte später das von ihm hauptamtlich geleitete, in Manchester ansässige Hallé Orchestra zu seinem treuen Begleiter werden. Erstaunlicherweise findet sich in der Box, die jetzt anlässlich des 50. Todestages des Dirigenten erschienen ist, lediglich mit Verdis „Otello“ eine einzige Operngesamtaufnahme. Was für einen Dirigenten mit italienischen Genen schon ziemlich erstaunlich ist.

Sir John Barbirolli: The Complete Warner Recordings, 109 CDs

Warner

20.06.2020, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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