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(c) Bernd Uhlig

TreppenHausBesetzung

Berlin, Deutsche Oper: Wagners „Rheingold“ auf dem Parkdeck

Ob der neue „Ring des Nibelungen“, inszeniert von Stefan Herheim, im Herbst mit der „Walküre“ verspätet starten kann, wer weiß es? Den Termin des ausgefallenen „Rheingolds“ wollte man nicht verstreichen lassen. Und schickte die Sänger-Crew vor die Tür, um hier ein „Rheingold auf dem Parkdeck“ abzufeiern (unter der ambulanten Regie von Spielleiter Neil Barry Moss). Wotan sitzt im Regiestuhl. Das geraubte Gold wird durch ein Regiebuch dargestellt. Also: Zwölf Sänger suchen einen Autor. Während Mime und Froh – zwei entbehrliche Rollen! – ganz fehlen. Dies ergibt durchaus ein Regiekonzept.
Angesichts coronabedingter Vorgaben schnurrt das Ganze auf 100 Minuten Spieldauer zusammen (eine Stunde fehlt). Als gut abgehangener Wagnerianer hätte der Verfasser damit gerechnet, dass es ihn alle 4 Takte schüttelt. Nichts davon, und das ist das Interessante des Experimentes. Schon bei der Kompakt-Version des „Rings“ in Buenos Aires hatte der Bearbeiter Cord Garben damals festgestellt, dass Wagner anscheinend in ‚Modulen‘ komponiert habe – derart gut ließen sich hier Schnitte anbringen, ohne dass es harmonisch knackt oder klappert.
Selbst die New York Times war für das Event für 175 Besucher angerückt. Ein Erfolg wird es, weil die Deutsche Oper Berlin sogar ein „Rheingold“ mit bloßer Hausbesetzung stemmen kann. Derek Welton (Wotan) oder Tobias Kehrer (Fafner) singen längst auch an noch größeren Häusern. Noch besser: Tenor Thomas Blondelle, der den Loge grinsend und grienend wie den Joker aus „Batman“ spielt.
Mit nur 22 Musikern erlebt man eine ‚Treppenhaus-Besetzung‘ nach Art des „Siegfried-Idylls“ – Wagner hat’s vorgemacht ... Seltener klingt das, als wäre Wasser aus dem Teich abgelassen worden und die Fische flappen, platschen und springen auf dem Grund. Man hätte den Abend ruhig für eine größere Öffentlichkeit streamen sollen. Dass ein bisschen Sittenverderbnis einreißt, sei eingeräumt. Man verlässt das Deck mit dem unabweisbaren Verdacht: Eigentlich ist das „Rheingold“ immer noch zu lang.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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