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(c) Igor Studio

Blind gehört: Pablo Heras-Casado

„Die Aufnahme klingt besser als bei mir“

Auch Dirigent Pablo Heras-Casado erkennt sich selber nicht – und schwärmt für alte und altmodische Aufnahmen.

Pablo Heras-Casado, geboren am 21. November 1977, ist der seit vielen Jahren erfolgreichste Dirigent aus Spanien. Ohne festes Orchester, dirigiert er regelmäßig nicht zuletzt das Freiburger Barockorchester, mit dem er gerade alle Beethoven-Konzerte (mit Kristian Bezuidenhout, Isabelle Faust etc.) aufnahm; daneben viele der weltweit bedeutendsten Sinfonieorchester wie die Berliner Philharmoniker und das Cleveland Orchestra. Mit einem äußerst breitgefächerten Repertoire – Renaissance bis Gegenwart – dürfte er zugleich zu den vielseitigsten Dirigenten von heute zählen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der spanischen Fernsehmoderatorin Anne Igartiburu, lebt er in seiner Heimatstadt Granada.

Tolle Aufnahme. Sehr gute Energie, große Flexibilität. Die Tempi sind geradezu aufregend, doch nicht zu schnell. Hier nimmt der Dirigent – oder die Dirigentin – sich gut Zeit und zeigt Theatersinn. Ist das René Jacobs? Er hat ein Konzept hinter den Tempi, dieses Gefühl bekomme ich hier. Im Gestus ist das Ganze transparent und gut gewürzt. Gut, dass es mir so gefallen hat. Jacobs hat uns gerade in unserem Haus in Spanien einen Besuch gemacht. Wir haben uns kürzlich erst kennengelernt.

Mozart

La Clemenza di Tito

Jacobs

harmonia mundi

Oh, ich liebe das... Ist das schön!! – Ich krieg’ Gänsehaut. Gerade dieser 5. Satz, das ist die wohl schönste Musik überhaupt. Victoria de los Angeles!? Naja, das ist ganz einfach eine ideale Aufnahme. Die Sängerin vermittelt eine Intimität, ist ganz bei sich – und zugleich in dem erotischen Konflikt befangen, in dem sich die Figur befindet. Sie bleibt elegant und doch in der Lage, Verlorenheit abzubilden und den inneren Konflikt. Unendlich viele Saiten höre ich hier angerissen. Die Aufnahme unter Frühbeck ist bis heute die beste geblieben. Sogar der Text ist sehr gut verständlich, was mich daran erinnert, dass die Diktion in älteren Aufnahmen oftmals besser ist als heute. Das gilt im übertragenen Sinn auch für Orchester. Es ist nämlich nicht so, dass die Artikulation heutzutage – als Erbe der historischen Aufführungspraxis – besser geworden wäre. Eigentlich war sie sogar früher besser. Was uns heute große Probleme bereitet, ist die Tyrannei des großen Klangs.

De Falla

La vida breve

De los Angeles, Frühbeck de Burgos

Warner (EMI)

Alte Instrumente. Eine Aufnahme aus den 80er- oder frühen 90er-Jahren. Sehr stylisch, sehr klassisch in den Abmessungen. Das bedeutet: Nicht so extremistisch wie man das später gelegentlich findet. Auch nicht so fantasievoll und dramatisch wie es bei René Jacobs wäre. Das könnte einer meiner Lehrer, nämlich Christopher Hogwood sein. Ich kenne nicht alle seine Haydn-Aufnahmen – sie waren als Gesamtaufnahme angelegt. Ich erkenne aber den Klang seines Ensembles. Eine kleinere Besetzung, ein weicherer Auftritt. Übrigens ein ganz wundervoller Mann, sowohl schillernd in seinen Vorlieben wie sehr verbindlich und nett. Sehr kultiviert, in einem Wort. Wein und das Leben überhaupt mochte er sehr. Wie traurig, dass wir ihn verloren haben ...

Haydn

Sinfonie Nr. 45

Hogwood

Decca/Universal

(Singt jedes Wort mit) Eine berühmte Zarzuela. Den Titel des Werkes könnte ich nicht sagen, aber das Lied ist überaus populär in Spanien. Man versteht hier den Text perfekt, und das, obwohl es ersichtlich eine sehr, sehr alte Aufnahme ist. Das hat Leichtigkeit, bleibt immer schlicht, und jedes musikalische Detail scheint wunderbar realisiert. Nicht einfach rausgelassen! Man hört auch sofort einen Charakter. Ist das Miguel Fleta? Er war einer der größten Tenöre Spaniens, man versteht hier auf Anhieb, warum das so ist. Leider gehören Zarzuelas zu dem wenigen, was ich noch nie im Leben dirigiert habe. Ja, wenn man solche Sänger haben könnte ...!

Guerrero

El Huésped del Sevillano

Fleta

Preiser/Naxos

Isabelle Faust? Nein? Schade, denn das ist sehr schön klar und wohlartikuliert vorgetragen. Das Schönberg-Violinkonzert erhält hier sogar eine Eleganz, ganz so wie es dem Dirigenten entsprach, der hier gut hörbar am Werk ist. Denn das ist doch wohl der von mir so verehrte Pierre Boulez. Eines meiner größten Vorbilder! Ich habe ihn auch noch einige Zeit vor seinem Tod in Baden-Baden besucht, als ich dort „Lʼelisir d’amore“ dirigierte. Auch seine Mahler-Interpretationen, bei denen er eine noble Distanz zu wahren verstand, gehören zum Besten, was auf diesem Gebiet zu finden ist. Trotzdem fehlte es ihm nie an Ausdruck. Den Solisten Pierre Amoyal, ich muss es zugeben, kenne ich kaum.

Schönberg

Violinkonzert op. 36

Amoyal, Boulez

Erato/Warner

Keine neue Aufnahme. Auch kein ganz neues Konzept. Dafür ein ausgeprägter Klangsinn, eine Vorliebe für Schönheit. Die Stakkati werden etwas schonender angebracht. Bei aller Rundheit wird die Aufnahme nie zu schwer. Sie ist weiträumig, großzügig ausgelegt, ohne dabei Fett anzusetzen. Mir gefällt das, wie ich zugeben muss. Das Vibrato mag von gestern sein, aber die Aufnahme ist technisch blendend gut gemacht. Karajan ist das nicht. Nicht sein Sound! Das ist prägnanter und reichhaltiger als es bei ihm wäre. – Was, das ist doch Karajan?! Interessant. Jetzt wo Sie es sagen, höre ich sozusagen die Jesus-Christus-Kirche heraus, in der Karajan gern aufnahm. Dort gab es die Extraportion Raum, die er liebte.

Beethoven

Sinfonie Nr. 3 „Eroica“

Karajan

DG/Universal

Ein Fortepiano. Carl Philipp Emanuel Bach? Nein, Haydn. Ich frage mich, ob das der von mir sehr geschätzte Kristian Bezuidenhout sein könnte? Und ich komme zu dem Schluss, dass er es nicht ist. Bezuidenhout würde mehr fantasieren – und bei den Wiederholungen mehr variieren. Er wäre noch bunter, noch farbenfroher. Es wäre bei ihm auch mehr gesungen, und tanzbarer von der Anmutung her. Ich vermute, ich kenne den Interpreten nicht. – Christine Schornsheim? Mir sagt der Name, ehrlich gesagt, nichts.

Haydn

Sonate Nr. 59

Schornsheim

Capriccio/Naxos

(Sagt lange nichts) Historische Instrumente. Sehr gute Tempi. Ich mag den Rezitativ-Charakter in den Geigen. Es gibt da einen dramatischen Sinn für die Musik, eine Geschichte wird erzählt. Der Klang ist gut verschmolzen, das ist gar keine Selbstverständlichkeit. Sehr schön verschmolzen sogar! Ich muss zugeben, dass mir der Fall verdächtig vorkommt – und bekannt. Das könnte das Freiburger Barockorchester sein, mit dem ich bei der „Schottischen“ nur meine eigene Aufnahme kenne. Das Konzept ist meines, aber die Realisierung nicht. Die Aufnahme klingt besser als bei mir – und extremer. Was, das bin ich doch selber?! Ich kann es nicht glauben. Und hätte es wissen sollen. Sie hat auch mehr Rubati als ich dachte. Na, immerhin habe ich sie nicht in die Tonne getreten.

Mendelssohn

Sinfonie Nr. 3 „Schottische“

Heras-Casado

harmonia mundi

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 9, Chorfantasie

Karg, Harmsen, Güra, Boesch, Bezuidenhout, Zürcher Sing-Akademie, Freiburger Barockorchester

hm

Erscheint am 21. August:

Ludwig van Beethoven

Klavierkonzert Nr. 4

Bezuidenhout, Freiburger Barockorchester

hm

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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