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(c) Olaf Heine/DG

Lang Lang

Im Goldbergwerk

Ein Klavier-Star nimmt sich Bach vor: In gleich zwei Aufnahmen zeigt der chinesische Pianist seine Sicht auf die „Goldberg-Variationen“.

Dieser Zyklus gehört zu den einsamen Gipfelwerken der Klaviermusik, den Achttausendern, deren erfolgreiche Bezwingung nur den Größten und Mutigsten vorbehalten ist: Bachs „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“, heute besser als „Goldberg-Variationen“ bekannt, stellt seit der Entstehung 1741 die Pianisten vor aberwitzige Aufgaben. Wer sich hiermit diskografisch zu Wort melden möchte, muss sich einem strengen Wettbewerb stellen. Angefangen mit Wanda Landowskas (Cembalo-)Fassung von 1931, weist die Aufnahmegeschichte der vergangenen Jahrzehnte so markante Höhepunkte wie Glenn Goulds legendäre Studio-Produktionen von 1956 und 1982 oder die kaum minder gefeierten Einspielungen von Alexis Weissenberg, Daniel Barenboim oder András Schiff auf. Auch die Originalklang-Liga, historisch informierte Musiker wie Gustav Leonhard, Ton Koopman oder Andreas Staier, hat Bachs Werk längst wieder fürs Cembalo zurückerobert. Dass Lang Lang bisher nicht in dieser Aufzählung vertreten war, hat viel mit Respekt zu tun. „Ich habe immer davon geträumt, eines Tages die ‚Goldberg-Variationen‘ aufzunehmen. Aber ich habe das Projekt immer vor mir hergeschoben“, sagt der chinesische Klavier-Star. „Eigentlich habe ich gesagt, ich nehmen es in Angriff, wenn ich 30 werde. Aber jedes Mal, wenn ich kurz davor war, bekam ich kalte Füße. Dieser Zyklus ist so komplex, ich wollte alles über ihn wissen. Klar, man kann nicht ‚alles‘ wissen, aber doch zumindest immer mehr.“ Nun, mit knapp 40, hat er die „Goldberg-Variationen“ im Kasten – und zwar doppelt: Gleich zwei Aufnahmen enthält die luxuriöse Edition, die die Deutsche Grammophon soeben veröffentlicht hat. Neben einer Studio-Einspielung gibt es auch einen Live-Mitschnitt aus der Leipziger Thomaskirche, wo Lang Lang Anfang März kurz vor dem Shutdown das berühmte Variationen-Werk vor Publikum aufgeführt hatte. „Eigentlich sollte der Live-Mitschnitt nur eine Dokumentation meines Auftritts in Leipzig sein“, verrät der Pianist. „Aber dann war es doch so magisch. Man muss sich nur mal vorstellen: Das war SEINE Kirche, ich spielte direkt an Bachs Grab! Und dann diese Akustik mit ihrem ganz spirituellen Klang.“ Er selbst möchte keiner Aufnahme den Vorzug geben. „Beide haben ihren eigenen Klang und ihren eigenen Charakter. Im Studio konnte ich noch mehr Facetten zeigen, auch mehr Kontrastwirkungen ausprobieren. Die Leipziger Aufnahme hat dafür vielleicht mehr Zauber, weil sie die spontanere ist.“ Auf jeden Fall zeigt sich beim vergleichenden Hören, dass selbst ein Profi wie Lang Lang nicht auf eine „einstudierte“, in allen Details unumstößliche Interpretation festgelegt ist, sondern sich mitunter große Freiheiten in Sachen Tempo und Artikulation lässt – eine spannende Erkenntnis, die man hier im unmittelbaren Vergleich deutlich nachvollziehen kann. Um sich solche Freiheiten erkämpfen zu können, muss man die Materie jedoch sehr gut kennen. Mittlerweile hat Lang Lang eine jahrzehntelange Reise mit den „Goldberg-Variationen“ hinter sich. „Als ich sie zum ersten Mal hörte, war ich zehn Jahre alt“, berichtet er. „Das war die späte Glenn-Gould-Version, und zwar die Fernsehaufnahme, in der er die einzelnen Teile daraus erklärt. Allerdings kannte ich damals seine frühere Fassung noch nicht.“ Schon diese erste Begegnung mit dem Monumentalwerk stellte all seine bisherigen Erfahrungen mit Bachs Klaviermusik – und der Art wie man sie spielen sollte, auf den Kopf. „Ich war wirklich überwältigt, weil ich es nicht für möglich gehalten hatte, dass man Bach auf diese Weise spielen konnte. Es war so kreativ, was Gould machte, so voller Vorstellungskraft, auch in dieser krassen Langsamkeit. Damit hat er wirklich alle Räume und Winkel dieser Musik erreicht.“

Lehrstunde

Unmittelbar nach dieser ersten Hörerfahrung nahm sich Lang Lang das Werk zur Brust, studierte es parallel zu den Chopin-Etüden. „Vor den Aufnahmen für Deutsche Grammophon habe ich mich zwei Jahre lang fast täglich mit den ‚Goldberg-Variationen‘ beschäftigt.“ Doch auch in der Zeit davor hat ihn der Zyklus nicht losgelassen. Neben den vielen Aufnahmen, die er sich anhörte, holte er sich Rat bei Fachleuten aus dem Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis, sprach 2006 sogar beim großen Nikolaus Harnoncourt in Sachen „Goldberg-Variationen“ vor. Der Maestro nahm sich gerne Zeit und teilte sein profundes Wissen mit dem jüngeren Musikerkollegen. „In meinem Unterricht bei Harnoncourt ging es hauptsächlich darum, Kenntnisse über das Bach-Spiel aufzubauen“, erzählt Lang Lang. „Bei Bach heißt es immer, wenig Pedal, wenig Rubato, wenig Farben, wenig Emotion. Es wird uns immer beigebracht, wir sollen ihn möglichst trocken spielen. Aber das ist schon der erste Fehler. Das habe ich von Harnoncourt gelernt.“ Bei der Arbeit an der Aria und den einzelnen Variationen brachte der ihm bei, weniger technisch und dafür künstlerischer zu denken, Bachs Musik wirklich auszukosten. „Natürlich gibt es stilistische Vorgaben in der barocken Musik, über die wir nicht einfach hinwegspielen können. Und dennoch unmüssen wir jeder Variation ihren eigenen Charakter verleihen – und die Emotion herausstellen, die in ihr verborgen ist. Ich kann die Verlorenheit der Aria am Anfang nicht darstellen, indem ich sie in einem planen, gleichmäßigen Pianissimo durchspiele.“ Eine ähnliche Erfahrung im Austausch machte Lang Lang auch mit Andreas Staier, den er in Vorbereitung zu seiner Aufnahme ebenfalls konsultierte. „Er hat mir sehr viel auch über die Einflüsse der französischen und italienischen Musik in Bachs Werk beigebracht und auch, wie man diese stilistisch hervorheben kann. Von ihm habe ich wertvolle Hinweise zur Gestaltung der Gesamtstruktur erhalten.“ Zum Wechsel ans historische Instrument konnte jedoch auch er Lang Lang nicht bewegen – auch wenn dieser durchaus wertvolle Erfahrungen daran gesammelt hat. „Zum Training gehörte auch, dass ich die Variationen auf dem Cembalo gespielt habe, um die unterschiedlichen technischen Herausforderungen kennenzulernen. Einiges davon habe ich auch für das moderne Klavier übernommen. In den Details gibt mir der Flügel mit seinem flexibleren Klang aber noch mehr pianistische Möglichkeiten.“ Wie Lang Langs Reise mit den „Goldberg-Variationen“ weitergehen wird, erfahren wir vielleicht in einigen Jahren. „Idealerweise würde ich am liebsten alles zweimal aufnehmen“, sagt er mit Blick auf die Zukunft – und denkt dabei natürlich auch an Bachs großes, unüberwindliches Meisterwerk.

Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen

Lang Lang

DG


Schlaflose Nächte

1Der Name der 1741 unter völlig anderem Titel erstmals gedruckten „Goldberg-Variationen“ geht zurück auf den Cembalisten und Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg (1727–1756). Dieser war als Kammermusiker beim Diplomaten Hermann Carl von Keyserlingk beschäftigt, auf dessen Veranlassung hin Bach seinen Zyklus komponiert haben soll. Um sich seine schlaflosen Nächte erträglicher zu machen, habe sich laut Überlieferung der melancholische Graf aus einem Nebenzimmer einzelne Variationen von Goldberg vorspielen lassen. Bis heute hat sich diese sich im Titel wiederspiegelnde Legende gehalten – auch wenn vermutlich nicht allzu viel Wahres in ihr steckt.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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