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(c) Uwe Arens/Sony Classical

Gabór Boldoczki

À la française

Nach orientalischen und böhmischen Konzerten hat der Trompeter für sein neues Album ein Schloss zum Thema erkoren.

Le Grand Siècle“, also die Epoche von Ludwig XIV. (1638–1715), das ist nicht unbedingt eine Zeit, die man mit virtuos konzertanter Trompetenmusik verbindet. Natürlich erschallte auch dort das Blech bei festlichen Einzügen, Militäraufmärschen, Jagden und Ehrungen. Siehe das berühmte „Te Deum“ Charpentiers, auch bekannt als Eurovisionshymne. Doch autarke Konzerte für Blechblasinstrumente, die kannte das französische Barock nicht, das liebte die Violons du roy, die Gambe, oder die sich entwickelnden Holzblasinstrumente. Später dann sollte auch noch die Harfe einen besonderen Platz am Hofe von Versailles einnehmen. Was also macht ein erfahrener, in vielen Stilen bewährter Trompetenvirtuose wie der in Deutschland lebende, aber immer noch regelmäßig in Ungarn unterrichtende Gábor Boldoczki, wenn er doch ein großer Freund dieser Musikrichtung ist? Er bearbeitet sich eins. Er lässt den Herren Rameau und Lully, Charpentier und Couperin ihren Instrumentenwillen und leitet doch ihre Klangfarben gekonnt und richtungsgezielt um. „Für mich war das ein logischer Schritt“, erzählt Gábor Boldoczki. „bei dem ich auch niemandem Gewalt angetan habe, denn gerade die Barockzeit ist besonders bearbeitungswütig. Viele Werke sind nur als Melodie und Generalsbass notiert, es steht ausdrücklich dabei, man könne sie für jedes Instrument adaptieren. Die damaligen Komponisten waren pragmatisch, sie wussten, ihr Dasein war ein Kompromiss, sie hatten sich nach den verfügbaren Spielgerätschaften und Musikern zu richten.“ Für Boldoczki genau die richtige Repertoireabwechslung für sein neueste Plattenprojekt: 2013 gab es „Tromba Veneziana“ mit einer schwungvollen Verbeugung vor Originalwerken aus der großen Zeit der Serenissima. 2016 folgten „Oriental Trumpet Concertos“ von Fazıl Say, Alexander Arutjunjan und Aram Chatschaturjan sowie dem ihm gewidmeten Trompeten-Concertino von Krzysztof Penderecki. 2017 lud er zu „Böhmischen Rhapsodien“, und jetzt musste eben einfach Französisches auf die Menükarte. Zumal er gern wieder mit der ihm im Klang so vertrauten Cappella Gabetta unter ihrem charismatischen Leiter und Geiger Andrés Gabetta zusammenarbeiten wollte.

Ohne Stuckaturen

„Im Sommer 2019 war es dann so weit“, berichtet Gábor Boldoczki. „Es war ideal getimt, das gleiche Programm ein paar Mal auf einer Konzerttournee gespielt und intensiviert, anschließend zwei Tage Aufnahmen an einem uns gut vertrauten Ort, der Kirche in Zweisimmen, einer der Traditionsspielstätten des Gstaad Festivals. Die zudem eine gute, großräumige, aber nicht zu hallige Akustik für die Trompete hat.“ Wenngleich der karge romanische Raum des reformierten helvetischen Gotteshauses – die Kirche ist im „Versailles“-Booklet abgebildet – so gar nichts mit dem goldenen Prunk, den raffinierten Schnitzereien und üppig-frivolen Malereien des im Kerzenlicht scheinenden französischen Königsschlosses zu tun hat. „Aber das hat es ja thematisch auch im Konzertleben nur selten“, lacht Gábor Boldoczki, „wir konnten uns das schon sehr gut vor unserem geistigen Auge vorstellen. Wie kam es nun zur vorliegenden Musikauswahl? Gábor Boldoczki hat sich, nach sehr viel Recherche und auch generöser Beratung durch das ortsansässige Centre de musique baroque, für diverse Flöten- und Oboen-Concerti etwa von Jean-Marie Leclair, Michel Blavet und Jacques-Christophe Naudot entschieden, die er selbst oder andere Bearbeiter für moderne Ventiltrompete und für das weicher und gesanglicher klingende Flügelhorn gesetzt haben: „Die Klangfarben und die aus den französischen Verzierungen resultierende Virtuosität inspirierten mich dazu, diese spezielle Atmosphäre auf der Trompete zu interpretieren. Anders als die damalige Naturtrompete, die im Barock meist im himmlischen oder herrschaftlichen Kontext steht, ermöglichen es die moderne Ventiltrompete sowie das Flügelhorn, die sehr melodischen Konzerte durch einen brillanten, strahlenden und gesanglichen Klang auf ein Neues erblühen zu lassen.“ Der 1976 in Szeged geborene Trompeter, der in seinem Schicksalsjahr 1997 mit Preisen beim Maurice-André-Wettbewerb und beim Musikwettbewerb der ARD seinen internationalen Durchbruch erlebte, eröffnet sein Album nun mit vier für Trompete und Orchester arrangierten Sätzen aus François Couperins kammermusikalischen „Concerts royaux“. Und besonders freut er sich, dass er mit dem ursprünglich für Oboe gesetzten Konzert von Bonaventure Gilles, das sich in den Pariser Notenbeständen fand, sogar eine Weltersteinspielung präsentieren kann.

„Versailles“, Konzerte von Rameau, Couperin, Leclair, Gilles, Blavet, Naudot, arrangiert für Trompete und Flügelhorn

Gabor Boldoczki, Capella Gabetta, Andreas Gabetta

Sony


500 Meter Barockarchitektur

1Das Schloss Versailles in der gleichnamigen Nachbarstadt von Paris ist eine der größten Palastanlagen Europas und war von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Revolution die Hauptresidenz der Könige von Frankreich. Der Barockbau, dessen Ausdehnung mehr als einen halben Kilometer beträgt, gilt als Höhepunkt europäischer Palastarchitektur. Ursprünglich als Jagdschloss für seinen Vater König Ludwig XIII. errichtet, wurde die Anlage ab 1661 unter Ludwig XIV. um- und ausgebaut. Als letztes kam 1770 das Opernhaus hinzu. Lange war hier das kulturelle und politische Zentrum Frankreichs. Seit dem 19. Jahrhundert ist das Schloss ein Museum, seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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