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Danae und Kiveli Dörken:

Positive Gegenkraft

Das Molyvos International Music Festival bringt unter dem Motto „Synchronicity“ Kammermusik nach Lesbos – und trotzt Corona mittels Radioübertragung und Livestream.

Wir sitzen auf steinernen Treppenstufen, direkt am kleinen Hafen von Molyvos, im Norden der Insel Lesbos. Hinter uns huscht eine der Straßenkatzen, die hier überall zu finden sind, das schmale Gässchen nach oben. Vor uns hat das typisch griechische Leben auf der Straße gerade erst begonnen, dabei ist es schon spät am Abend. Man isst, trinkt und singt – und bleibt so gut es geht auf Abstand. Die Pianistinnen und Schwestern Danae und Kiveli Dörken haben hier auf Lesbos 2015 ein Kammermusikfestival gegründet. In diesem Jahr können immerhin zwei Konzerte vor Ort stattfinden, das erste davon liegt gerade hinter uns. Ein Kammermusikfestival auf Lesbos, dieser Insel, die in den vergangenen Jahren in erster Linie als Symbol der Flüchtlingskrise in den Nachrichten auftauchte? Klingt ungewöhnlich. „Mit unserem Festival wollen wir eine positive Gegenkraft zu dieser schwierigen Situation schaffen“, beschreibt Danae Dörken die Ambitionen des Festivals. „Uns war von vornherein klar, dass wir keine Leben retten und keine existenziellen Probleme lösen können. Wir können aber einen kleinen Beitrag leisten, indem wir musizieren und den Menschen Hoffnung geben.“ Musik als Kitt der Gesellschaft, als Hoffnungsbringer in einer herausfordernden Zeit. Aufhören, das ist ohnehin keine Option. „Musik erreicht die Menschen auf einer emotionalen Ebene und ist oft der erste Schritt, um Ängste zu nehmen und Trost zu spenden“, sagt Danae Dörken. „Gerade jetzt machen wir mit dem Festival weiter und betonen das verbindende Element, das auf musikalischer Ebene so gut funktioniert.“ Ist das Molyvos International Festival also ein dezidiert politisches? Jein. „Nur die Politik und die Strukturen der Europäischen Union können einen entscheidenden Unterschied machen. Wir können mit dem Festival ein Stückchen Offenheit schenken und in Erinnerung rufen, dass wir viel ähnlicher als verschieden sind“, bezieht Kiveli Dörken Stellung. Gemeinsam haben die beiden Schwestern in Krisenzeiten ein alternatives Festivalprogramm auf die Beine gestellt. Das neu gewählte Motto „Synchronicity“ spiegelt sich in den beiden Konzerten wider, die im griechischen Radio gesendet und als Livestream bei YouTube übertragen wurden. Felix Mendelssohns Konzertstück Nr. 2 erklingt ebenso wie die Uraufführung „Moments“ des Komponisten Nickos Harizanos und die griechische Nationalhymne zum Festivalabschluss in einer ausgetüftelten Splitscreen-Version. In diesem Jahr ist mit Jonian Ilias Kadesha, Vashti Hunter, Stathis Karapanos, Danae Matschke-Papamatthaiou und David Orlowsky nur eine kleine Künstler-Abordnung nach Lesbos gereist, hinzu kommen die Musiker der Festivalfamilie, die im Stream zu hören sind. Statt die erprobten Konzertorte zu bespielen, etwa die Burg von Molyvos, musste man in diesem Jahr auf eine Wiese unweit des Strandes ausweichen – mit einer Open-Air-typischen Geräuschkulisse, das beleuchtete Dorf im Hintergrund atmosphärisch in Licht und Szene gesetzt. Für die Inselbewohner, die durch das Festival die klassische Musik erst kennenlernten, blieben in diesem Jahr jedoch nicht mehr als Radio und Stream, vor Ort war kein Publikum erlaubt. Corona, das ist in Griechenland in den vergangenen Wochen zunehmend zu einem größeren Problem geworden; die Fallzahlen stiegen, die Regierung reagierte mit verschärften Beschränkung. Auch die Einreise ist momentan nur nach vorheriger Registrierung mit einem entsprechenden QR-Code möglich.

Durchhaltevermögen

Doch die Mentalität der Menschen auf der krisenerprobten Insel ist eine besondere, erzählt Danae Dörken: „Für die Inselbewohner ist es eine schwierige Zeit. Lesbos hat schon sehr viel durchgemacht. Es zeichnet die Bewohner der Insel aus, dass sie sehr viel durchstehen können. Bei allem was passiert, genießen die Leute doch ihr Leben – egal was ihnen das Schicksal vor die Füße wirft.“ Nicht nur mit dem Festival, sondern auch mit Bildungsprojekten machen die Dörken-Schwestern der Insel, auf der sie als Kinder jeden Sommer verbrachten, musikalische Geschenke. Musikvermittlung, das ist für Danae und Kiveli Dörken wesentlich: „Die Bildungsprojekte spielen eine tragende Rolle. Mit dem Festival bringen wir klassische Musik auf die Insel, aber um die Verbindung zu stärken, müssen wir mit den jungen Leuten in Kontakt treten“, sagt Kiveli Dörken. Und die Ergebnisse dieser Arbeit werden erstaunlich schnell sichtbar. „Jetzt wollen die Kinder sogar Instrumente lernen, für die es auf der Insel gar keine Lehrer gibt. Es gibt hier niemanden, der Fagott unterrichten kann.“ Hat sich der Umgang der Menschen mit der Krise im Laufe der Jahre verändert? „Am Anfang gab es feste Tage, an denen für die Ankommenden gekocht wurde oder Tage, an denen Socken und alte Kleidung eingesammelt wurden“, berichtet Kiveli Dörken von den ersten Festivalerfahrungen. „Jahr für Jahr hat man sich immer mehr alleingelassen gefühlt. Da ist mir klar geworden, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was man tut, wenn man unmittelbar mit der Situation konfrontiert ist, und dem, was man tut, wenn die eigene Existenz bedroht ist.“ Die kammermusikalische Unterstützung ist Lesbos jedenfalls sicher.
www.molyvosfestival.com


Geschichtsträchtig

1Die kleine Hafenstadt Molyvos (vormals Mithymna) liegt gut 50 Kilometer vom Flüchtlingslager Moria entfernt unweit des türkischen Festlandes und war in ihrer langen Geschichte Gegenstand zahlreicher Auseinandersetzungen. Mit Arion von Lesbos stammt einer der legendärsten griechischen Sänger der Antike – er wurde von einem Delfin gerettet, nachdem er sich in die Fluten gestürzt hatte – aus Molyvos. Heute lebt die Stadt zwar wie die gesamte Insel hauptsächlich vom Tourismus, mit ihren charmanten Häuschen und Gässchen musste sie ihren ursprünglichen Charakter dafür allerdings nicht hergegeben.


Jesper Klein, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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