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Musik-Krimi

Folge 43: Ein Sänger zu viel

Als Doktor Stradivari das Büro betrat, sah Hauptkommissar Reuter von einer Akte auf, in der er gerade gelesen hatte. Er begrüßte den Klassik-Experten knapp. Sein düsteres Gesicht zeigte, dass er wieder einmal mit seinem Latein am Ende war. „Ein Sänger ist ermordet worden“, sagte er. „Sein Name ist Martin Strahl“.
„Allerdings“, sagte der wie immer gut informierte Stradivari. „Ich habe seine Karriere verfolgt. Seine Spezialität ist der Evangelist in Bachs Johannespassion, aber so viel ich weiß, wirkt er jetzt bei einem besonderen Projekt mit.“
„Ganz genau“, sagte Reuter. „Eine Aufführung eines 40-stimmigen Werkes aus dem 16. Jahrhundert von Thomas Tallis.“
„Die Motette ‚Spem in Alium‘.“ Stradivari nickte anerkennend. „Das ist ein sehr selten aufgeführtes, extrem komplexes Werk. Nächste Woche soll es unter der Leitung von Tobias Herzberg in der Marienkirche erklingen. Mit solistischer Besetzung. Ich habe schon eine Karte.“
„Vielleicht kommt es jetzt gar nicht dazu“, sagte der Kripo-Mann. „Und es könnte sein, dass der Mord etwas mit diesem Projekt zu tun hat.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Strahl wurde in seiner Wohnung niedergeschlagen. Eine Zeugin hat zur fraglichen Zeit einen Mann mit dunklem Haar gesehen, der bei Strahl geklingelt hat. Sie konnte ihn nicht gut beschreiben, aber unter Strahls Bekannten gibt es zwei Kollegen, die von der Beschreibung her passen würden.“
„Aber welches Motiv sollten sie haben?“
„Wir sollten mit Herrn Herzberg sprechen“, sagte Reuter. „Ich habe ihn kommen lassen.“
Der Dirigent sah sich in einem Besprechungszimmer die Bilder der beiden Verdächtigen an. Es waren zwei Sänger – der aus Russland stammende Sergej Smirnow und der Engländer Gregory Fine.
„Beide waren vor ein, zwei Monaten bei mir und wollten bei dem Tallis-Projekt mitmachen“, sagte Herzberg. „Ich habe lange nachgedacht, sie dann jedoch abgelehnt. Ihr Stil war mir zu opernhaft und nicht so gut für den komplexen, überirdischen Klang der Motette geeignet. Auf der Bühne haben sie sicher ihre Qualitäten. Smirnow hat in Mailand einen guten Osmin gesungen, und Fine soll als Tamino oder Tonio in Donizettis ‚Regimentstochter‘ seine Meriten haben. Aber Renaissancemusik ...“ Er schüttelte den Kopf.
„Vielleicht wollte einer der beiden Strahl beseitigen, um selbst dessen Partie zu übernehmen?“, überlegte Reuter, als er und der Doktor wieder alleine waren.
Stradivari nickte. „Die Zeit wird knapp, und vielleicht würde sich Herzberg dazu überreden lassen, doch einen von ihnen zu nehmen.“
„Dieser müsste dann der Täter sein. Aber welcher ist es?“
Stradivari zog die Augenbrauen hoch. „Ich denke, das ist doch ganz klar, Herr Hauptkommissar.“
Wen verdächtigt Stradivari und warum?
www.oliverbuslau.de

Doktor Stradivari ermittelt – und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin – bitte auch Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit dem Label harmonia mundi fünf Exemplare der neuen Einspielung der sagenhaften ORA Singers unter Suzi Digby, die das 450. Jubiläum der Komposition der 40-stimmigen Motette „Spem in alium“ von Thomas Tallis feiert. Einsendeschluss ist der 25. September 2020. Viel Glück!


Auflösung aus Magazin 2/2020:

1Ein Mord aus Rache? Könnte sein. Wie Prof. Ernst Waldmann den Ablauf berichtet, stimmt er aber leider nicht. Die im Video zu hörenden Worte „dum emisit spiritum“ beschließen erst Satz 6 von Pergolesis „Stabat Mater“. Wir befinden uns also vielmehr bei der zweiten Sopranarie und nach dem dritten Duett, was dem Musikwissenschaftler nicht entgangen sein dürfte. Womöglich hat aber der Vater seinen Sohn bereits beim ersten Sopransolo auf frischer Tat ertappt, wie berichtet, dann jedoch um ihn zu decken seine Tatversion verabredet, während das Video weiterlief – und Robert Ganter mit Christus seinen Geist aushauchte.


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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