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(c) Lukasz Rajchert

Blind gehört

Max Emanuel Cenčić: „Max Raabe ist eben auch bekannter als Max Cenčić“

Max Emanuel Cenčić, geboren 1976 in Zagreb, begann als Kinderstar. Als Schüler seiner Mutter, einer Opernsängerin, absolvierte er sein Fernseh-Debüt mit der Sopran-Arie der Königin der Nacht – im Alter von sechs Jahren. 1986 wurde er Mitglied der Wiener Sängerknaben. Als solcher sang er in der Gesamtaufnahme der „Zauberflöte“ unter Georg Solti einen der Drei Knaben. Seit vielen Jahren gestaltet er Hauptrollen in von ihm mitinitiierten Erstaufnahmen von Opern Porporas, Vincis sowie von Hasse, Vivaldi und Händel (früher bei Decca, inzwischen beim eigenen Label Parnassus Arts). Nach Jahren in Österreich lebt Cenčić inzwischen in Paris.

Super! Wenn die Aufnahme auch nicht mehr die jüngste ist. Man hört es am Vibrato und an der Größe des Orchesters. Der Countertenor klingt ein bisschen wie Michael Chance, ist es aber, glaube ich, nicht. Ein bisschen zu akademisch für meine Ohren. Es handelt sich doch schließlich um ein Streitgespräch, nicht um ein Oratorium. Die venezianische Oper ähnelt eigentlich mehr einem Singspiel als einer Oper, und dafür ist das hier zu glatt. Harnoncourt etwa hat das viel härter gemacht. Könnte das Jean-Claude Malgoire sein? Oder Harry Bicket oder wie die Engländer alle heißen? – Gardiner?! Na, dann stimmt es ja irgendwie sogar. Ich muss zugeben, dass ich seine „Marienvesper“ sehr mochte. Es ist eine der besten Aufnahmen, die es davon gibt. Also war es doch Michael Chance … Ich habe sogar noch mit ihm gesungen.

Jochen Kowalski in „Rinaldo“! Ich kannte ihn schon, als ich noch mit den Wiener Sängerknaben aufgetreten bin, da sang er „Giustino“ an der Wiener Volksoper und den Prinz Orlowsky. Sehr kultivierter Ton, auch schönes Vibrato. Er klingt wie eine Mezzo-Sopranistin, und das ist immer ein hohes Lob. Ich fühle mich ihm viel näher als allen Engländern, die ich für viel zu eindimensional halte. Kowalski war auch biologisch eine Ausnahme. Durch einen engen Kehlkopf bekam die Stimme ihre spezifische Qualität. Durch viel Training gibt es heute mehr und mehr Countertenöre. Doch die richtige Biologie, die braucht jeder Sänger. Sportler übrigens auch.

Von Bach. Ich würde sagen: Es geht so. Ich bin kein Fan von zu viel Luft in der Stimme, gemischt mit einem großen Tremolo. Die Stimme muss gut schließen, und das ist hier nicht der Fall. Musikalisch allerdings ist das sehr schön gestaltet. Wer’s mit perfekter Technik hören will, sollte Anne Sofie von Otter nehmen. Die Stimmtechnik hat sich eben doch enorm weiterentwickelt. Die Pioniere mögen früher toll gewesen sein. In der Summe aber gibt es heute mehr Interpreten, die technisch korrekt singen. Da! Das a, der Vokal, fällt zu sehr nach hinten. Bei e und i wird die Sängerin lauter. Alles Zeichen, dass die Stimme nicht perfekt ausgeglichen ist. – Aafje Heynis? Ich habe den Namen nie gehört.

Ouvertüre zum „Rosenkavalier“, die Aufnahme muss ich raten! Um Gottes willen!! Na, dem geschwinden Tempo nach zu urteilen, müsste es Karajan oder Bernstein sein. – Solti?! Ein aufbrausender Mann. Mit ihm bin ich ja noch aufgetreten. Wir waren beide sehr direkt im Umgang. Der hat nie drumrum geredet, nicht laviert. Es hat die Arbeit an der „Zauberflöte“ sehr produktiv gemacht. Er stammte noch aus einer Generation, wo man notfalls zwei Mal täglich spielte und auftrat. Da liefert man eben – oder man liefert nicht. In genau diesem Stil wurde ich auch erzogen. Mit militaristischem Hintergrund. Heute denkt man, es müsse den Schülern möglichst leicht gemacht werden. Ein Grundfehler! Wer ins Fitnesscenter geht, um sich Schmerzen zu ersparen, ist auf dem falschen Dampfer. – Und das Gehirn ist doch schließlich auch nur ein Muskel. Oder?

Die Arie ist klar. Das ist, typisch, diese Österreicherin, wie heißt denn die? (Anm. d. Red.: Edda Moser stammt aus Berlin.) Die dramatischste aller Königinnen der Nacht. Extrem expressiv, und sehr laut. Toll! Nur, wie heißt sie? – Richtig, Edda Moser! „Verstoßen!!“ „Verlassen!! Bei ihr versteht man das endlich einmal, sie ziert sich nicht. Sie spart sich auch nicht auf fürs hohe f auf – so wie das Beispiel Luciana Serra tut. Und: Grazie, Grazie, Grazie! Trotz aller Dramatik. Die Moser ist eine tolle Königin gewesen. Überhaupt eine irre Sängerin. Heute Mozart, morgen Verdi, dann Puccini und am Ende der Woche eine Rosalinde hinterhergeklappt. Irrwitzig. Außerdem eine schöne Stimme. Sie hat Charakter, Brillanz. Alles da.

Ist das René?! (Gemeint: René Jacobs., Anm. d. Red.) Nein? Dann ist das vielleicht der … wie heißt er noch? Mir fällt der Name nicht ein. – Richtig, Alfred Deller hieß der. Ich hab’ nie recht was von ihm gehört, weil mich das nie so interessiert hat. Es hat mir auch nicht gefallen. Wenn ich es jetzt betrachte: Die Stimme zieht sich im Portamento. Es ist ein bisschen geknödelt, etwas zierig. Ich bin halt mit richtiger Oper aufgewachsen, da kommt mir das zu sehr ‚falsettiert‘ vor. Er gefällt mir nicht. Immerhin sind meine Vorbilder zum Teil auch nicht jünger: Janet Baker etwa. Barbara Bonney und Sylvia McNair singen auch nicht mehr. Nathalie Stutzmann fand ich toll. Die expressiven, opernhafteren Stimmen halt.

Sehr langsames Tempo. (Rümpft die Nase.) Ich hasse diese Manier, die Töne beim Singen hochzuziehen. Entsetzlich. Der Kompnist hätte es hingeschrieben, wenn er es so gemeint hätte. Ein echtes vokaltechnisches Manko. Nicht mein Ding. Das könnte auch eine schlechte Altistin sein mit leicht bizarrer Stimmkultur. Auch eine recht merkwürdige Voix mixte, bei der die Brust bis in die Kopfstimme hinaufreicht. Den Sänger, glaube ich, kenne ihn nicht. – Russell Oberlin? Keine Ahnung. Klingt wie ein schräg abgegangener Haute-contre, der sich zu falsettierten traut.

Sicher eine amerikanische Stimme. Oder eine englische?! Ist das ein Mann – oder eine Frau? Naja, es wird wohl doch eine Frauenstimme sein, aufgrund einer gewissen Lieblichkeit. Das Tremolo könnte dennoch auf Mann deuten. Es gefällt mir … schon besser. Erinnert mich an Janet Baker, als sie noch jung war. – Kathleen Ferrier? Also, die kenne ich kaum. Nur vom Namen her. Zu ihrer Zeit sicherlich eine brilliante Stimme. Man hört eine gewisse Reinheit, dort wo man doch früher oft ‚geschmiert‘ hat, wenn ich so sagen darf. Ich rede jetzt von den 30er- und 40er-Jahren, wo man gern sagt: Naja, das muss man sich nicht unbedingt anhören. Sehr kultiviert, das muss ich zugeben. Es erinnert mich viel zu sehr an Zeiten, in denen man auch Marika Rökk super fand. Und die ist heute noch sehr berühmt. Naja, Max Raabe ist ja auch bekannter als Max Cenčić.

Zuletzt erschienen:

Leonardo Vinci

Gismondo, Re di Polonia

mit Cencic, Mynenko, Junker, Kubas-Kruk, Idrisova, Tamagna, Arditti, Orkiestra Historyczna, Swiatkiewicz, Pastuszka

Parnassus/Note 1

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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