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(c) Silvia Lelli

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Wir reisen wieder! In den Süden! Ausgerechnet in Italien, dem europäischen Land, das von der Pandemie am meisten heimgesucht wurde, startete Ende Juni die klassische Musik als trotziges Zeichen für den Neuanfang durch. Als monatelanges Festival mit 46 Veranstaltungen. In der ehemaligen Metropole der weströmischen Kaiser zwischen acht der ältesten Weltkulturerbe-Stätten eröffnete der fast 79 Jahre alte Riccardo Muti das Ravenna Festival. Die 31. Ausgabe fand dort statt, wo das klug Klassik, Jazz, Tanz, Theater und Weltmusik mixende Festspiel 1990 begonnen hatte: in der lauschigen Ruine der Venezianer-Festung Rocca Brancaleone. Ein Zeichen der Normalität vor allem, wenn auch hart erkämpft und in fragilem Zustand. Festlich gekleidete Menschen, erwartungsfroh vor einem Podium unter rötlichsamtblauem Dämmerungshimmel. Wenn man auf seinem Platz saß, durfte jeder die Maske abnehmen. Ebenso die Instrumentalisten. Beim Eingang wurde Temperatur gemessen, Händedesinfektion und geführte Platzzuweisung waren obligatorisch. Doch die 300 Stühle waren so geschickt gestellt, dass es nie leer aussah. Ravenna sollte Symbol sein. Nicht nur wegen des Ortes und des prominenten Dirigentennamens. Muti ließ von den 62 Mitgliedern seines Jugendorchesters Luigi Cherubini die Nationalhymne so zart wie selten marschieren. Dann hatte er musikalisch einen zartschimmernden Traum, die Streicher-Rêverie Alexander Skrjabins. Mit Mozart pur ziselierte sich die liebreizende Rosa Fenola durch die Motette „Exultate, jubilate“ und das Gotteslob des „Et incarnatus est“. Es folgte instrumentale C-Dur- Eleganz in Jupiter-Sinfonie-Gestalt; softig verlangsamt in den Finalsätzen. Muti-Style eben. Alle waren gedanklich hingerissen, melodiös davongetragen; nur die Moskitos erinnerten an die Wirklichkeit. Eine Serenade unter ostdeutscher Wolkendecke gab es auch beim heiter-vergnügten ersten Konzert der Akademie für Alte Musik Berlin mit Haydn, Mendelssohn und Mozart beim Ersatz-Musiksommer Rheinsberg. Denn am Musenhof von Fridericus Rex ist es eben noch mal schöner, wenn Töne und Klänge die brandenburgischen Lüfte durchsäuseln, während sich die Wellen des Grienericksees kräuseln. Erst recht im Schlosshof, wo man durch die von Agavenkübeln gekrönte Kolonnade auf das Gartenparterre, die Segelboote auf dem See und den Obelisken des Prinzen Heinrich blickt. 180 Zuschauer taten das – auf Abstand, aber dennoch ge- und erfüllt. Einmal mehr überraschte die gute, windfreie Akustik, die keine Verstärkung für Konzertmeister Bernhard Forck, einen Bassisten und 12 weitere Streicherinnen nötig machte. Der junge Fritz hatte seinen märkischen Musenhof auch für outdoor perfekt durchdacht. Die Fülle ist da! Das was man bei den Salzburger Festspielen, dem bedeutendsten Klassikfestival der Welt, manchmal fast des intensiven Hörens ein wenig müde als gegeben voraussetzt – die Menge der Möglichkeiten –, sie entfaltete sich auch in diesem Corona-Sommer. Etwas ausgedünnt, aber durchaus. Etwa für die Gemeinde beim Hochamt von Pianist Grigory Sokolov. Schlurf, schlurf, Verbeugung und los, er gab ohne Pause und Übergang den ganzen Mozart-Block. Der mürrische Exzentriker verzauberte einmal mehr mit sich um nichts scherendem Grumpy-Old-Man- Charme. Dunkel, grüblerisch auch der beinahe zu einem einzigen statt 17 Teilstücken zusammenschnurrende Robert-Schumann-Zyklus der „Bunten Blätter“. Und dann, was schert ihn Corona, nach dem offiziellen, schon nicht bei 90 Minuten endenden Programm, das Füllhorn der Sokolov-Zugaben, nur sechs, statt der üblichen sieben, in bewährter Choreografie als dritter Konzertteil, der nicht fehlen darf. Jubel, Beglückung.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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