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(c) Patrice Nin

Musikstadt

Toulouse

Im Südwesten gelegen, offeriert die viertgrößte Stadt Frankreichs als „ville rose“ mit dem Théâtre und dem Orchestre du Capitole Musikperlen.

Na klar, bei Toulouse, da denken die meisten an Airbus. Die viertgrößte Stadt Frankreichs ist eine florierende, durchaus wohlhabende Industriemetrople, aber sie ist auch eine Stadt der Kultur, der Musik im Besonderen. Knapp 500.000 Einwohner leben im Ballungsgebiet, fast eine Million in der gesamten Metropolregion. Nach Paris und Lyon ist es die Stadt mit den meisten Studenten in Frankreich, die Universität wurde 1229 gegründet. Im Mittelalter war das an der Garonne gelegene Toulouse, durch das auch der Jakobsweg führt, die Hauptstadt der Region Okzitanien. Später wurden, oft mit Ziegeln, sehr schöne, stolze Kirchen errichtet, gipfelnd in der gotische Kathedrale Saint Etienne, und Profanbauten, die der Stadt ein harmonisches, einheitliches Aussehen geben. Man nennt sie auch „la ville rose“. In der ehemaligen Hauptkirche des Dominikanerordens befindet sich – mit Unterbrechung – seit 1369 die Grabstelle des Thomas von Aquin. Mit der Gründung der Flugzeugwerke von Pierre-Georges Latécoère 1917 wurde Toulouse zum wichtigen Standort der französischen Flugzeugindustrie. Toulouse hat heute einen Technologiepark und gilt als Flugzeug- und Weltraumhauptstadt Frankreichs. In der Mitte liegt, so gehört es sich, das Rathaus, hier Capitole genannt. Doch das Gebäude mit Donjon-Turm aus dem 16. Jahrhundert und Fassade aus dem 18., hat – ziemlich einmalig – eine Doppelfunktion. Hier wird nämlich nicht nur regiert, sondern auch gespielt. Denn im linken Gebäudeflügel, da residiert, der Name sagt es schon, das Théâtre du Capitole, die Oper. Die ist bis heute stolz in städtischem Besitz. Seit 1736 gab es hier eine multifunktionale „Salle des spectacles“. Das Theater selbst wurde dann am 1. Oktober 1818 eröffnet, es brannte auch einmal spektakulär. Es wurde innen vor einigen Jahren von Jean-Louis Roubert und Richard Peduzzi neu ausgestattet, besitzt aber immer noch in seinem intimen, fast kreisrunden Zuschauerraum mit den aufgemalten Commedia dell’arte-Szenen ein plüschig gemütliches Logentheater-Ambiente. Das Auditorium hat heute 1150 Sitzplätze, und die Institution beschäftigt als Stagione-Theater für Oper und Ballett mehr als 260 Mitarbeiter. Immer schon war das Théâtre du Capitole vor allem ein Hort der großen und berühmten Stimmen. Toulouse ist in Frankreich eine Wagnerhochburg, auch Belcanto wird gepflegt. Und es gab hier immer wieder auch sonst selten zu sehende Werke des französischen Repertoires, für welche die Raritätensammler gern den weiten Weg in Kauf nehmen. „Le Roi d’Ys“ von Lalo, Gounods „Mireille“, „Le Prophète“ von Meyerbeer, „Louise“ von Chabrier oder Thomas’ „Mignon“ konnte man in Toulouse in exemplarischen Aufführungen erleben. Von 1991 an war hier Nicolas Joel als Intendant für die Geschicke des Hauses zuständig. Als er an die Pariser Opéra wechselte, wurde er 2009 von Frédéric Chambert abgelöst. Inzwischen regiert seit 2017 Joels ehemaliger Pariser Chefdramaturg Christophe Ghristi. Das Ballett wird seit 2013 von dem ehemaligen Pariser Étoile-Tänzer Kader Belarbi geführt. Der Ruf des Hauses, das sich neben der Pariser Oper und den anderen Nationalopern in Lyon, Straßburg, Bordeaux, und Nancy bestens hält, ist auch deshalb so exzellent, weil jahrzehntelang mit Michel Plasson der beste französische Operndirigent im Graben stand, mit einer Liebe gerade für kaum gezeigte Werke, die gerne auch von der französischen EMI aufgezeichnet wurden und noch heute den Katalog des Nachfolgerlabels Warner zu schmücken wissen. Auch deshalb, weil hier die großen Stimmen des französischen Repertoires, Barbara Hendricks, Régine Crespin, Mady Mesplé, Alain Vanzo, Roberto Alagna, Teresa Berganza, José Carreras und Jessye Norman wissend wie auf Händen getragen wurden.

Eines der besten Orchester des Landes

1736 und 1818, die Gründungsdaten des Théâtre du Capitole, gelten auch für das gleichnamige Orchester, das, seit 1980 Orchestre Nationale tituliert, neben den Pariser Klangkörpern der Oper und dem Orchestre de Paris als das beste Frankreichs gilt. Im Laufe seiner neueren Geschichte haben daran Musikdirektoren wie André Cluytens (1932–35) und Georges Prêtre (1951–55) gefeilt, besonders aber Michel Plasson. Der war von 1968 bis 2003 – zeitweilig auch die Oper leitend – sein bedeutendster Chefdirigent; seine Ära gilt als die wichtigste Phase des Orchesters. Er festigte den Ruf auch als Konzertorchester, verschaffte ihm 1974 eine eigene Halle und brachte es auf den internationalen Tourneemarkt. 2005 wurde dann der Russe Tugan Sokhiev Gastdirigent, ab 2008 Musikdirektor. Kein leichter Job, einer solchen, legendären Figur nachzufolgen. Sokiev, der zwischendurch auch dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin vorstand und heute ebenfalls der Musikchef des Moskauer Bolschoi-Theaters ist, hat naturgemäß das russische Repertoire ausgebaut. Aber er arbeitet als besonderer Klangsensualist immer auch verfeinernd an der schillernden Tonpräsenz des Ensembles, mit dem er weiterhin durch Frankreich, Europa und den Rest der Welt tourt. Beim Operndienst sitzt man etwas versteckt im Graben, umso selbstbewusster präsentieren sich die 125 Mitglieder bei den vielen Sinfoniekonzerten in der achteckige Halle aux Grains, der ehemaligen Getreidebörse, ebenfalls aus Backstein, die zunächst in eine Sporthalle und dann perfekt zum Konzertsaal umgebaut wurde. Im Choeur du Capitole begann übrigens einst auch Natalie Dessay ihre Gesangskarriere. Und wer nach der Oper oder dem Konzert Hunger hat: Typisch für die Küche von Toulouse ist das Cassoulet, ein Eintopf aus weißen Bohnen und verschiedenen Fleischsorten, zu dem in Toulouse in jedem Fall Confit d’oie – eingemachtes Gänsefleisch – und Landwurst gehört. Auch Terrines de foie gras (Geflügelstopfleber) und magret de canard – Entenbrust mit grünen Bohnen – gehören zur stadttypischen Küche. Violettes de Toulouse sind gezuckerte Veilchen, mit denen Süßspeisen aller Art verziert sind; dazu Veilchenlikör. Rund um den Marché Victor Hugo findet sich das alles bei den zahlreichen Händlern, Chocolatiers und Käsegeschäften.

www.theatreducapitole.fr
www.onct.toulouse.fr


Alternativprogramme

1Auch in Toulouse mussten Corona-bedingt Spielpläne angepasst werden. Die Oper präsentiert vom 26. September bis zum 11. Oktober Mozarts „Così fan tutte“, es dirigiert erstmals Speranza Scappucci. Am 23. Oktober dreht sich alles um Gabriel Faurés einzige Oper „Penelope“ mit Catherine Hunold in der Titelrolle. Und Kader Belarbi kreiert am 4. November die getanzte Maler-Biografie „Toulouse-Lautrec“. Das Orchester National du Capitole de Toulouse startet am 26. September mit einem Schönberg/Beethoven-Programm unter Christian Zacharias. Am 3. Oktober folgt ein Haydn-Beethoven-Doppel unter Maxim Emelyanychev. Tukan Sokiev wird erst wieder zum Silvesterkonzert aus Russland erwartet.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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