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(c) Neda Navaee

Silver-Garburg Piano Duo

Ehe zu vier Händen

Das Klavierduo spielt Brahms’ Klavierquartett Nr. 1 vierhändig – und weiß, warum privat verbundene Tastenpaare erfolgreicher sind.

Zwei Hände sind nicht genug. Vier sind besser. Ob wir mit dieser Erkenntnis erklären können, warum die erfolgreichsten Klavier-Duos meist verwandt oder verheiratet sind, wollen wir zunächst offenlassen. Sivan Silver und Gil Garburg jedenfalls leben nicht nur zusammen und haben einen zehnjährigen Sohn. Sie kennen einander, seit sie aufs Gymnasium gingen. Bei so viel verbriefter Nähe möchte man sie geradezu mit der indiskreten Frage überfallen, ob sie wenigstens getrennte Schlafzimmer haben?! – „Nein!“ Auch darin sind wir falsch gewickelt. Nach neun erfolgreichen CDs sind die beiden längst eine feste Größe im internationalen Klassik-Rodeo. Kaum jemand hat’s gemerkt. Das liegt an der gern untergebutterten Rolle von Klavier-Duos überhaupt. Wer ein Klavier-Duo nicht im Konzert erlebte, weiß kaum anzugeben, ob, sagen wir: das Duo Tal & Groethuysen oder die Labèque-Schwestern nun eigentlich an zwei Klavieren konzertieren – oder vierhändig an einem Instrument. Das Silver-Garburg Piano Duo tut beides. Auf CD sitzen sie meist nebeneinander. Im Übungszimmer ihrer Berliner Wohnung in Prenzlauer Berg steht sowieso nur ein Flügel. „Der Fußboden ist mit zehn Schichten Schaumstoff, Papierschnippseln und Gummi schallgedämpft“, erzählt Gil Garburg über das Verhältnis zu den Nachbarn. Gerade gestern sind die beiden aus Wien zurückgekehrt, und zwar in zwei aufeinanderfolgenden Fliegern. Weil in der Zwischenzeit die Quarantäne-Vorschriften zwischen Österreich und Deutschland verschärft wurden und das Negativ-Attest für einen der beiden fehlt, treffen wir uns nicht persönlich, sondern zu einer Zoom-Konferenz. „Wir spielen nicht um 12 Uhr nachts und auch nicht sonntags“, schließt Sivan Silver das Thema Lärmbelästigung ab. Über ihnen wohnt ein Hobby-Hornist. Drunter eine passionierte Konzertgeherin. Wie bei so vielen Klavier-Duos, die verpartnert sind, spielt auch beim Silver-Garburg Piano Duo die Frau die 1. Stimme. „Aufgrund unseres Größenunterschiedes wäre es anders nicht gut“, lacht Sivan Silver. (Die Zuschauer im Konzert könnten nichts sehen.) Die Rollenverteilung bringt es mit sich, dass der den Bass bedienende Mann die Oberhoheit übers Pedal behält. „Die Bass-Töne resonieren länger, daher ist es normal, dass derjenige, der die 2. Stimme spielt, fürs Pedaltreten zuständig ist.“ Ehe-Fragen auf pianistisch. Beide Musiker stammen aus Tel Aviv, und begannen gemeinsam zu spielen, „um mehr Zeit miteinander zu verbringen“, so Gil Garburg. Daraus wurde mehr. Nur Sivan Silver strebte schon damals eine Solokarriere an. „Sie war ein Wunderkind, während ich nur wusste, dass ich irgendwas mit Musik machen will“, so Garburg. Das Werk, das beide zusammenbrachte, waren Brahms’ „Haydn-Variationen“ in der Fassung für zwei Klaviere. Wenn sie dies jetzt endlich auch auf CD eingespielt haben, kehren sie zu den eigenen Anfängen zurück.

Das Schwerblut tanzen lassen

Die Gefühle hört man. Wobei Vierhändigkeit bei Brahms immer zu einer Gewichtserleichterung führt und ein neues Licht wirft auf den vermeintlich schwerblütigen und am Reißbrett planenden Komponisten. „Wir spüren … magische Koexistenz von straffen architektonischen Strukturen und … Farbenpracht“, sagen beide im Booklet. Die Agilität, auch virtuose Verspieltheit von Brahms findet man wohl nur in dessen Werken für Klavier zu vier Händen. Schon dies lohnt das neue Album. Dennoch gehen die zwei einen Schritt über den originalen Brahms hinaus. Bei dem österreichischen Komponisten Richard Dünser, den sie seit zwölf Jahren kennen, haben Silver & Garburg eine Neubearbeitung des Klavier-Quartetts op. 25 in Auftrag gegeben – desselben Werkes, das einst Arnold Schönberg für Orchester arrangierte (welche Fassung seither eine schwerfällige Existenz im Planungsleben verknöcherter Dramaturgen führt). „Was wir uns wünschten, war eine vierhändige Neubeleuchtung des Kammermusikwerkes, und zwar mit Streichorchester.“ Dünser ging also einen Mittelweg zwischen Schönbergs Version und dem Original. Und findet eine eigene Stillage. Jemand, der (wie der Verfasser) sonst weder das Brahms-Klavierquartett Nr. 1 noch dessen ‚Schönbergisierung‘ zu den unübertroffenen Werken der jeweiligen Meister zählt, kann über das Ergebnis nur entzückt sein. Mit den Wiener Symphonikern unter Florian Krumpböck hat man sich eine Begleitkombo engagiert, wie sie idiomatischer kaum zu haben ist. Aufgenommen wurde im Wiener Konzerthaus. Man hat es sich etwas kosten lassen. Nach Alben bei kleineren Labels (Oehms und Coviello) stehen die Silver-Garburgs auf dem Sprung zu Größerem. Berlin Classics, ihre neue Heimat, brachte zuletzt immerhin Künstler wie Christiane Karg, Iveta Apkalna und das Schumann Quartett groß heraus. Übrigens kamen Silver und Garburg – wie viele Israelis heute – der Musik wegen nach Berlin, aber auf einem Umweg. In Hannover studierten sie bei Arie Vardi (dem Lehrer von Yefim Bronfman, Yundi Li und Beatrice Rana). In Graz bekleiden sie heute eine Professur für Klavier-Duo. So viele Piano Duos die Klassik-Geschichte vorzuweisen hat, von Pionieren wie Jozef und Rosina Lhévinne über Güher & Süher Pekinel bis zu den Jussen-Brüdern, so wenig möchte sich das Klavierduo Silver-Garburg an Vorgängern messen. „Wir wollen nicht klingen wie unser Lieblingsduo – denn wir haben keines –, sondern wie unser Lieblingspianist!“ Also nicht wie zwei, sondern wie ein Musiker. Lieblinge von ihnen sind Radu Lupu und Murray Perahia (die gelegentlich auch zusammen konzertierten). Martha Argerich finden sie auch nicht übel … Vorletzte Frage: Spielen die beiden, wenn sie Ehe-Stress haben, umso besser, lieblicher und harmonischer? Oder im Gegenteil?! „Wir haben Ehe-Stress nur durch Proben!“, prusten beide heraus. Also: Sie kriegen Probleme durch die Musik – und können sie folglich nur musikalisch lösen. Wir dürfen folgern: Der ehetherapeutische Sinn gemeinsamen Musizierens wird reichlich unterschätzt. Wo Heiraten wieder in Mode kommt, ist auch gemeinsames Musizieren wieder neu zu empfehlen. Die „Haydn-Variationen“, so viel lässt sich sagen, haben sich bewährt. Derweil steht noch eine Antwort auf die Frage aus, warum Ehepartner und Geschwister so erfolgreich sind beim Klavierduo? „Ganz einfach“, da sind sich die beiden einig. „Eheleute und Geschwister können auch abends üben!“ Verabredungen und Besuche entfallen. Haben wir auch das geklärt. Klavier-Duos bieten intimen Einblick in das Dauermusizieren zu zweit. Es ist Ehe zu vier Händen.

Neu erschienen:


Johannes Brahms

Konzert für Klavier zu vier Händen (nach dem Klavierquartett op. 25)

Silver-Garburg Piano Duo, Wiener Symphoniker, Krumpböck

Berlin Classics/Edel


20 Jahre zu zweit

1In den 20 Jahren seines Bestehens nahm das Piano Duo Silver-Garburg die Klavierkonzerte für zwei Klaviere von Mendelssohn auf (unter Christopher Hogwood, Oehms), außerdem Mozarts Doppelkonzerte Nr. 7 KV 242 und 10 KV 365 (ABC Classics). Ohne Orchester sind sie virtuoser: bei Strawinskys „Petruschka“ und „Sacre“, der Liszt-Sonate (arrangiert von Saint-Saëns) und einer Bearbeitung von Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Auch getrennt sind sie auf CD zu erleben, mit den Klavierquintetten von Brahms und Dvořák (gemeinsam mit dem Nomos-Quartet, Coviello). Als nächstes planen sie das Konzert für zwei Klaviere und Orchester von Bohuslav Martinů.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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