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(c) Josef Fischnaller/Parlophone Records Ltd

Fatma Said

Licht an

Die Ägypterin pendelt zwischen Berlin und London als Sopranistin des 21. Jahrhunderts. Auch auf ihrem ersten Album.

Bingo: Eine in Deutschland zur Sopranistin ausgebildete Ägypterin, die sich im Studio der Mailänder Scala den letzten Schliff holt und vom gestrengen Peter Stein für seine „Zauberflöte“-Inszenierung als Pamina auserkoren wird. Mehr positive Weiblichkeit und Diversität ist in der Klassik ja kaum drin. Kein Wunder, dass sich gleich ein Label diese 29 Jahre junge Dame gesichert Sie soll ein Licht in der Sängerwelt werden, und deshalb heißt ihr Debüt-Album genau so: „El Nour“. Aber ganz so einfach lässt sich Fatma Said nicht auf die Schublade zur aktuellen Rassismus-Debatte reduzieren. Das würde sie sich verbitten. Sie möchte als Sängerin und Künstlerin ernst genommen werden, nicht irgendeine Minderheiten-Quotenstelle ausfüllen. Obwohl das im gegenwärtigen Kulturklima ziemlich einfach wäre. Aber sie, die immer schon ein Papa-Kind war (und gut, dass sich der Politiker-Papa bereits in der verzweigten Muslimfamilie durchsetzte und die Tochter ins ferne Deutschland zum Studium ziehen ließ), sie wollte nach der Scala bewusst noch weiter lernen, fand sich nicht fertig. Und so hat sie bisher eine freie Existenz dem sicher lockenden schnellen Festengagement vorgezogen. Das zeugt von hohen Ansprüchen an sich selbst. Trotzdem kommt jetzt ihre erste Aufnahme gleich bei einem großen Label heraus. Und hat es in sich. Denn wichtig war Fatma Said in den Verhandlungen trotz aller kaufmännischen Überlegungen vor allem „die Offenheit für meine Repertoirevorschläge. Wir haben sehr lange an der Zusammenstellung eines Programms gearbeitet, das ein breites Publikum ansprechen und sich mit meinem eigenen Musikgeschmack und meinen Vorlieben decken sollte. Das betrifft insbesondere unsere Interpretationen von westlicher und nahöstlicher Musik aus der Vergangenheit, die wir auf eine frische Art präsentieren wollten – das heißt, wir wahren die Vorstellungen des Komponisten, erweiteren diese jedoch durch Elemente, die uns stimmig erscheinen.“ So geht also das Gegenteil von Multikulti. Und Fatma Said beschwört auf diese Weise eindrücklich die Lichter Spaniens wie den Halbschatten Ägyptens und nimmt mit auf eine akustische Reise. Die spannt sich von der Kunstliedwelt Maurice Ravels, der die Welt von 1001 Nacht als zwar gar nicht schwülen, aber doch geheimnisvollen „Shéhérazade“-Orientalismustraum evoziert (hier reduziert auf die Klavierfassung, die Malcolm Martineau brillant wiedergibt), bis zum frei arrangierten ägyptischen Lied. Und man merkt kaum, wie sich die Harmonien ändern, wie die Reise vom Okzident in den Orient driftet, von Gitarre, Flöte, über Streichquartett bis zu Ney, der Langflöte, und Kanun, der im Orient beheimateten Kastenzither, der Sound immer östlicher wird. So entsteht wirklich ein Trip nach Noten, der Manuel de Falla, Hector Berlioz, Georges Bizet und Federico García Lorca miteinschließt, aber eben auch Gamal Abdel-Rahim oder Najib Hankash. Schließlich hat Ägypten mit Oum Kulthum eine einzigartige Sängerin hervorgebracht, die auch lange nach ihrem Tod als die Callas des Nahen Ostens gefeiert wird. Fatma Said aber will nicht verglichen werden, nur sie selbst sein: eine zwischen Berlin und London pendelnde ägyptische Sopranistin des 21. Jahrhunderts.

Neu erschienen:

Ravel, de Falla, Serrano, Berlioz, Bizet, Lorca, Abdel- Rahim, Hankash u. a.

„El Nour“

Said, Martineau, Aguirre, Karadag, Allhoff, Vision String Quartet

Warner

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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