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(c) Marco Borggreve/ECM Records

Jörg Widmann

Noble Geste

Gemeinsam mit András Schiff widmet sich der auch als Instrumentalist glänzende Komponist Brahms’ Klarinettensonaten.

Es fühlte sich richtig an. Jetzt.“ Manchmal kann eine Erklärung sehr einfach sein, selbst von einem hochintellektuellen, ebenso komplex arbeitenden Menschen wie dem Komponisten, Klarinettisten und inzwischen auch Dirigenten Jörg Widmann. Das nämlich antwortete er, der Vielumschwärmte, vom Betrieb wie vom Publikum Umjubelte, auf die Frage, warum er sich gegenwärtig dem späten Brahms widmete. „Brahms war im hohen Alter noch einmal verliebt. Obwohl er längst mit dem Komponieren und eigentlich auch mit dem Leben abgeschlossen hatte. Das hat mich immer sehr berührt.“ Das Objekt seiner späten, kreativen Amour fou war der Klarinettenton von Richard Mühlfeld. Dieser hatte sich in der Meininger Hofkapelle autodidaktisch vom Tuttigeiger zum Soloklarinettisten ausgebildet und wurde von seinen Zeitgenossen wegen seines unvergleichlichen Spiels gerühmt. Interpret und Instrument waren in ihm so eindrucksvoll zur Einheit verschmolzen, dass sie den Berliner Maler Adolf Menzel zu einer Zeichnung inspirierten, in der er Mühlfeld mit der Muse Euterpe gleichsetzte. Auch Brahms war hingerissen – so hingerissen, dass er 1891 seinen im Vorjahr gefassten Entschluss, das Komponieren aufzugeben, noch einmal überdachte. Es war eine schicksalhafte Begegnung, denn wir verdanken Mühlfeld die unvergleichlichen späten Klarinettenwerke des Komponisten: das Klarinettentrio und -quintett von 1891 und die beiden Sonaten von 1894. Obwohl Brahms eiletztere alternativ für Klarinette und Bratsche herausgab, war es doch „Fräulein Klarinette“, wie er das Instrument scherzhaft nannte, die ihn zu diesen Stücken inspirierte. Natürlich kennt Jörg Widmann, der sich stets mit der Tradition auseinandergesetzt und sich auf sie bezogen hat, diese Musik schon sehr lange, gerade weil er ja selbst immer neben seinem Kompositionsschaffen als Klarinettist tätig gewesen ist. Seit 2001 hatte er in Freiburg eine Professur, zunächst nur für das Instrument, seit 2009 als Doppeldozentur auch für Komposition. 2016 war es dann Zeit für ein Sabbatical, danach hat er entschieden, den Breisgau gegen Berlin zu tauschen: „Es war einfach Zeit für einen Wechsel. Außerdem hat mir Daniel Barenboim eine Zusammenarbeit an seiner Barenboim-Said-Akademie angeboten. Da bin ich viel freier, weil ich im Rahmen meiner Lehrtätigkeit meine Stundenzahlen auch in Gestalt von Konzerten oder Lectures im Pierre Boulez Saal erfüllen kann. Was ich mit Wonne mache.“

Werbung für Weber

Berlin hat Jörg Widmann gutgetan. Sein Komponieren sprudelt weiterhin, er ist solistisch aktiv und auch sein Dirigieren wird immer wichtiger. Schließlich ist er seit 2011 Chef und Artistic Partner beim Irish Chamber Orchestra. Das ist ein Klangkörper der University of Limerick, der aus irischen sowie internationalen Spielern besteht. Mit denen hat er kürzlich einen Zyklus aller Mendelssohn-Sinfonien abgeschlossen, der ihm viel bedeutet. Ein Loblied singt der sonst so konsequent zeitgenössische Tonsetzer auch auf Carl Maria von Weber, dem er soeben eine Kammermusik-CD gewidmet hat, die aber auch die Ouvertüre des „Freischütz“ mit einschließt – der 2021 sein 200. Jubiläum feiert. Bei Weber kommt Widmann richtig ins Schwärmen – und nicht nur für seine Klarinettenmusik, die ihn als Interpret vor lohnende Aufgaben stellt: „O Weber!!! – dieser emphatische Ausruf krönt schon das Klarinettenkapitel der berühmten Instrumentationslehre von Hector Berlioz, der Webers Instrumentationskunst rückhaltlos bewunderte. Es gibt Äußerungen zweier Komponisten des 20. Jahrhunderts, Igor Strawinsky und Claude Debussy, die die Eleganz, Virtuosität und die Orchestrierungskunst Webers rühmen. Beide Komponisten, deutscher Musik ansonsten herzlich abgeneigt, würdigen ihn als wichtig für die Moderne bezeichnen, Strawinsky nennt ihn sogar den ‚Fürst der Musik‘. Wie konnte es also passieren, dass Weber so vergessen werden konnte und heute so sträflich unterschätzt wird? Dagegen will ich anspielen und -dirigieren.“ Jetzt aber fühlte sich auch der späte Brahms „richtig“ an. Schließlich braucht man für diese abgeklärte, doch intensive Musik ein gewisses Lebensalter. „Ich habe die Sonaten nun schon öfter mit András Schiff gespielt, der ein vertrauter Kammermusikpartner ist. Wir kennen uns von diversen Festivals. Und irgendwann war uns klar, das sollten wir einspielen. Und András hat dann sofort sein Label ECM dafür ins Spiel gebracht.“ Mit Manfred Eichers Münchner Label hat Jörg Widmann immer mal wieder als Komponist wie Interpret zu tun gehabt, aber diese Aufnahme in der hervorragenden Akustik des Reitstadels in Neumarkt war auch für ihn etwas Besonderes. „Es waren drei sehr entspannte Tage, Manfred Eicher war die ganze Zeit da. Er sagt ja nicht viel, aber die paar Bemerkungen, die er machte, die waren genau die richtigen. Ich habe mich da sehr behütet und gut betreut gefühlt.“ Das Album bringt die Werke umgekehrt zu ihrer Entstehung. Johannes Brahms schrieb sein letztes Kammermusikwerk, die Es-Dur-Sonate op. 120/II, drei Jahre vor seinem Tode. Sie ist ein Werk des Abschieds, nicht im Gewande des melancholischen Moll, sondern heiter und gelöst. Es ist die noble Geste eines gelassenen Großen, der sich von seiner Kunst im Schein der Einfachheit verabschiedet. Die für den späten Brahms so typische Reduktion auf das Wesentliche, der Versuch, alles so knapp wie möglich zu sagen, manifestiert sich hier ebenso wie eine andere Eigenart seines Spätwerks: der „maßvollere, abgeklärte Stil“, der „nicht gern über ein gewisses Niveau der Gemütsbewegung hinausgeht und grelle Kontraste lieber meidet als aufsucht“. Dazwischengeschaltet sind – quasi als kontrastiv tönendes Gelenk – Jörg Widmanns eigene Klavier-Intermezzi, die er als Reverenz an den späten Brahms und dessen berühmte Klavierminiaturen für András Schiff komponiert hat, der ja sonst sehr wählerisch bei zeitgenössischer Musik ist. Düster und schwermütig setzt anschließend die erste Brahms-Klarinettensonate ein, die aber heiter, in Form eines fast übermütigen, humorvollen Rondos ausklingt. Und neuerlich schwärmt Widmann als Spieler und Tonsetzer über die Genialität dieser Stücke. Er selbst wird bald für ECM ein Album mit all den Solostücken für Klarinette zusammenstellen, die für ihn komponiert wurden. Und bei seinem Label geht es mit den Iren und Schubert weiter: Die große C-Dur Sinfonie kombiniert er dafür mit der Orchesterfassung von Schuberts letztem Lied mit Klarinettensolo „Der Hirt auf dem Felsen“.

Neu erschienen:

Brahms, Widmann

Die Klarinettensonaten op. 120 / Widmann: Intermezzi

mit Widmann, Schiff

ECM/Universal

Zuletzt erschienen:

Weber

Concertino für Klarinette und Orchester, Klarinettenquintett u. a.

mit Widmann, Kozhukhin, Irish Chamber Orchestra

Alpha/Note 1


Ernsthafter Allrounder

1Jörg Widmann wurde 1973 in München geboren, wo er neben Berlin immer noch einen Wohnsitz hat. 1980 erhielt er ersten Klarinettenunterricht. Ein Jahr darauf wurde er Kompositionsschüler von Kay Westermann, später von Hans Werner Henze, Wilfried Hiller, Heiner Goebbels und Wolfgang Rihm. Sein Klarinettenstudium absolvierte er in München, New York und Karlsruhe. Zwischen 2001 und 2016 unterrichtete er als Professor für Klarinette an der Musikhochschule Freiburg. Seit 2009 hatte er eine Doppelprofessur für Klarinette und Komposition am Institut für Neue Musik der Musikhochschule Freiburg inne, seit 2017 bekleidet er eine Kompositionsprofessur an der Barenboim-Said-Akademie Berlin.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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