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(c) Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Cy Colemans Musical „Sweet Charity“ verfügt mit „Hey, Big Spender“ über einen echten Knaller. Und ist dennoch auf kontinentaleuropäischen Bühnen kaum etabliert. Liegt’s an der zu großen musikalischen Ranschmeiße? Oder am Fehlen von Shirley MacLaine?! Beides hält man für möglich anlässlich der Neuinszenierung von Johannes von Matuschka an der Wiener Volksoper. Mit Lisa Habermann (Charity), Julia Koci und Axel Herrig sind erfahrene Musical-Leute am Werk. Vielleicht hat sich das Werk zu weit von seiner Vorlage, Fellinis „Nächte der Cabiria“, entfernt. Innerhalb der großartigen Musical-Strecke des Hauses ist ihm nur ein Achtungserfolg beschieden. Wie heißt der zweite Hit sehr richtig: „There’s gotta be something better than this“ (18., 23., 28.10., 27., 30.11.). Im Café Imperial, der ältesten Künstler-Klause unter den Ringstraßen-Cafés, denken wir heute über alten Wein in alten Schläuchen nach. Schließlich ist Wien unter Musikern so beliebt, dass große Künstler wie, sagen wir: Grace Bumbry, Gundula Janowitz und Christa Ludwig nach Jahrzehnten doch wieder hierher zurückgekehrt sind. „Was ich am meisten an den Österreichern hasse, ist, dass ich die Österreicher nicht hassen kann“, sagt Billy Wilder. Man kann Wien nicht entkommen. Daraus folgt, dass man auch nirgendwo auf der Welt alten Glanz so lange nachglänzen sieht wie hier. In Wien haben wir Swjatoslaw Richter, Alfredo Kraus und natürlich auch die genannten drei großen Sängerinnen noch live erlebt, als diese sonst nirgendwo mehr zu sehen waren. Sie waren großartig. Und die Häuser waren voll. (Im Unterschied etwa zu Berlin, wo man zwar auch noch Johannes Heesters mit um die 100 – vor halbleerem Haus – sehen konnte; er war aber schon so schwerhörig, dass er nicht einmal mehr die Souffleuse hören konnte, die ihm aus dem Texthänger herauszuhelfen versuchte.) Also: Wien, Wien, nur du allein … Das heißt aber noch lange nicht, dass man völlig im eigenen Saft schmoren sollte. An der Wiener Staatsoper etwa ist wenig neu (außer der Direktor). Erst recht nicht der aus Paris kommende „Eugen Onegin“, inszeniert von Dmitri Tcherniakov (dessen Petersburger Ausgabe bereits zu sehen auf medici.tv). Andrè Schuen, früher am Theater an der Wien, erlebt einen verdienten Aufstieg (25., 28., 31.10., 3., 6.11.). Dort, also im zweiten Haus am Platz, ist „Porgy and Bess“ zu sehen (mit Pumeza Matshikiza, bis 23.10.), danach ein neuer, trotz ‚Barihunk‘ Robert Gleadow wenig glamouröser „Figaro“ (ab 12.11.). Alles nicht doll. Die Volksoper kontert mit einer wenig zwingenden „Zauberflöte“ (mit Martin Mitterrutzner, ab 17.10.). Im Musikverein nutzt Marin Alsop als neue Chefin des RSO immerhin die Besucherbeschränkungen für mutige Programme (Henzes Cello-Liebeslieder, 23.10.). Der Rest, darunter Gergiev bei den Wiener Philharmonikern (16.–18.10.), kann uns wenig locken. Im Konzerthaus endlich, wir sind es schon fast gewohnt, gibt’s ein viel besseres Angebot. Hier präsentiert Alsop auch Henzes „Los Caprichos“ (16.10.). Martin Grubinger lädt zur großen Trommel-Sause (17.10.) und beklopft John Williams (2.11.). Die Jussen-Brüder (9.11.) geben sich die Ehre, Rudolf Buchbinder gräbt Beethoven um (18.11.). Ingo Metzmacher führt Friedrich Cerhas „Spiegel I – VII“ auf (20.11.). Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert ihr CBSO (21.11.). Und Janine Jansen und Denis Kozhukhin spielen Sonaten (24.11.). Vieles davon je zwei Mal am Tag. Als Sahnehäubchen singt Piotr Beczała Lieder und Canzonetten (22.11.). So macht man’s. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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