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(c) Vito Mastrolonardo

Musikstadt

Bari

320.000 Einwohner und drei Theater, darunter Italiens viertgrößtes Opernhaus. Die Apulien-Metropole Bari lohnt einen Besuch.

Der heilige Nikolaus wird es schon richten.“ So ist es in Bari immer gut gegangen. Schließlich hat die apulische Metropole doch einen sehr populären Stadtbeschützer. Obwohl man spät dran war. Die unternehmerisch aktivsten italienischen Seefahrerstädte konnten sich fast alle schon früher ihren hoch angesehenen Heiligen sichern; wenngleich die nicht immer lokal vorhanden, sondern oft zwangsweise post mortem umgesiedelt worden waren. So betete Venedig die Reste des Evangelisten Markus an, Neapel den frühchristlichen Märtyrer Januarius mit dem flüssigen Blut, Salerno den Apostel Matthäus, Amalfi den Apostel Andreas. Genua sicherte sich beim ersten Kreuzzug die Gebeine von Johannes dem Täufer. Und in Bari beschaffte man sich 1087 aus Myra die Knochen von Sankt Nikolaus. Es war natürlich kein Raub, die Reliquie sollte vor den angreifenden Seldschuken „gesichert“ werden. Naja. Für den Nikolaus wurde auf den Ruinen der ehemaligen Residenz des byzantinischen Statthalters sodann eine sehr würdige, heute so schön wie schlicht renovierte Basilika errichtet. Die Schlussweihe fand 1196 statt. Ursprünglich lang sie ganz nahe am Wasser, heute mitten in der stimmungsvollen Altstadt. An deren Rand, landeinwärts, erhebt sich eine weitere Baudenkmal-Ikone der 320.000-Einwohner-Stadt: das elegante, goldglänzende Teatro Petruzzelli mit der roten Fassade und der Riesenkuppel. In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 1991 konnte freilich auch San Nicola nicht helfen: Das viertgrößte Opernhaus Italiens, damals immer noch in privater Hand befindlich, brannte lichterloh ab. Das Feuer war von Versicherungsbetrügern gelegt worden. Und dann dauerte es. Ganze 18 Jahre. Einst schnell und mit einer Kapazität von 1482 Plätzen erbaut von einer Händler- und Schiffbauerfamilie, war das Petruzzelli am 14. Februar 1903 mit „Les Huguenots“ von Giacomo Meyerbeer eröffnet worden. Im Herbst 2009 erklang dann darin zunächst wieder die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, die erste szenische Aufführung war am 6. Dezember als Spielzeiteröffnung Giacomo Puccinis „Turandot“. Und bis heute fehlt das prächtige Deckengemälde, es gähnt nur weiß. Man will sich erst noch klar werden, was dort einmal prangen soll. Denn schließlich gehört es jetzt einer städtischen Stiftung. Und wie der Beethoven schon andeutete – es ist auch das Konzerthaus Baris.

Dolce far niente

Das Petruzzelli hat seine Aufs und Ab gehabt. In den 1980er-Jahren gab es hier zwei bedeutende, auch auf CD festgehaltene Opernereignisse, die „Iphigénie en Tauride“ des hier geborenen Niccolò Piccinni, die seit der Pariser Uraufführung 1779 nie mehr aufgeführt worden war, und die neapolitanische Version von Vincenzo Bellinis „I Puritani“, die für Maria Malibran geschrieben, aber nie von ihr gesungen wurde. Neben Opern wurden und werden hier Ballette und große Unterhaltungskonzerte gegeben. Tito Schipa, Beniamino Gigli, Mario Del Monaco, Alfredo Kraus, Renata Tebaldi, Renato Bruson, José Carreras, Katia Ricciarelli, Rajna Kabaivanska sangen hier, Herbert von Karajan hat dirigiert, Joséphine Baker, Lucio Battisti, Renato Zero, Rudolf Nureyev, Frank Sinatra, Ray Charles, Liza Minnelli und Juliette Gréco haben hier unterhalten. Zu den großen italienischen Künstlern auf dieser Bühne zählen auch Eduardo De Filippo, Riccardo Muti, Carla Fracci, Luciano Pavarotti, Piero Cappuccilli, Lucio Battisti, Paolo Conte und Ornella Vanoni. Das schnörkelige Interieur der geschmackvollen Foyers wurde zudem als Drehort für Filme von Franco Zeffirelli oder Alberto Sordi genutzt. Heute gibt sich der Musiker Massimo Biscardi als Intendant für die Fondazione Lirico Sinfonica Petruzzelli e Teatri di Bari sehr viel Mühe, auch wenn die Finanzen immer knapp sind, 2014 sogar eine ganze Spielzeit abgesagt und der begabte Musikchef Daniele Rustioni abspenstig wurde, um nach Lyon zu wechseln. Schließlich ist man das einzige große Opernhaus südlich Neapels, ansonsten kann das Mutterland des Musiktheaters nur noch auf das klamme Catania und das Teatro Massimo in Palermo verweisen. So mutig und raritätenverliebt wie zu seinen Intendantenjahren im sardischen Cagliari kann Massimo Biscardi in Apulien aber leider nicht sein. Vieles muss koproduziert und anderswo ausgeliehen werden, auch die ganz großen Sängerstars kann man sich hier nicht leisten. Aber Musikdirektor Giampaolo Bisanti steht für hohes instrumentales Niveau. Und immer wieder kann man vielversprechende Sänger entdecken, vor einigen Jahren beispielsweise den deutsch-brasilianischen Tenor Martin Muehle in großen Italo-Partien wie dem Andrea Chenier, die er heute auf allen bedeutenden Bühnen weltweit singt. Interessanterweise gibt es in Bari noch zwei weitere Theater. Ebenfalls am Rand der Altstadt, am Corso Vittorio Emmanuele, liegt das 1854 eröffnete Teatro Piccinni mit 780 Sitzen. Das wurde nach neunjähriger Renovierungszeit erst am Vorabend des Nikolausfestes 2019 wiedereröffnet. Hier finden Veranstaltungen aller Art statt; es würde sich natürlich auch für Barockopern in intimem Rahmen eignen. Bewegt ist auch die Geschichte des riesigen, nach Italiens Königin benannten Teatro Margherita, das zwischen 1912 und 1914 in der Biegung des alten Hafens im Liberty Stil, dem italienischen Jugendstil, im Meer auf Säulen errichtet wurde. Hier freilich wurden Varieté-Shows gezeigt, aber nur vier Jahre lang. Dann wurde es geschlossen und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Historisches Museum genutzt. Anschließend war das riesige Ding Truppentheater der Amerikaner und bis 1979 ein Kino. Nach langem Leerstand wurde es von David Chipperfield zum Museum für die zeitgenössische Kunst der Fondazione BAC (Bari Arte Contemporanea) umgewandelt. Die Morra Greco bot hier ihre prestigeträchtige Sammlung 30 Jahre lang kostenlos an. Hat man die Theater, Kirchen und Musen, dieser auf einer Landzunge sich drängenden Altstadt samt großzügigen Erweiterungen des 19. Jahrhunderts erkundet, auch die Stadtmauer und das Castello Normanno-Svevo, die vom Normannenkönig Roger II. erbaute Burg aus dem 12. Jahrhundert, dann ist es Zeit für die schmalen Gassen, die kleinen Cafés und Restaurants. Hier spannen noch alte Frauen ihre Wäsche über die Balkone, Kinder spielen ausgelassen und überall herrscht reges Treiben – italienische Gelassenheit und Lebensfreude pur! Die historische Altstadt Baris ist definitiv ein ganz besonderer Ort, an dem das Dolcefarniente des Südens authentisch gelebt wird.

www.fondazionepetruzzelli.it
www.teatropubblicopugliese.it


Opern zu Nikolaus

1In Italien beginnt die neue Spielzeit im Dezember. In der auslaufenden Saison gibt es ab Mitte Oktober Francis Poulencs „La voix humaine“ mit Anna Caterina Antonacci und Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ mit Walter Fraccaro und Alberto Gazale zu sehen. Ab 13. November steht Pjotr Tschaikowskis „Eugen Onegin“ als Produktion der Moskauer Helikon Opera auf dem Programm. Außerdem gastiert das Ballet Preljokaj mit „La fresque“. Im Dezember startet die neue Saison mit Giuseppe Verdis „Maskenball“. Der sonst sehr hochwertige Konzertbetrieb ist gegenwärtig auf Kammermusik reduziert. Eben war Gautier Capuçon da, Jean-Guihen Queyras, Julian Rachlin, das Artemis Quartett, das Quartetto di Cremona, aber im November werden auch Riccardo Muti und sein Orchester Giovanile Luigi Cherubini erwartet.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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