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Schätze für den Plattenschrank

Meister des Gesangs

„Cantabile macht für Kempff das Wesen der Musik aus, eine Grundidee, die vielfach verloren gegangen ist. Kempff lehnte es ab, der Musik Gewalt anzutun.“ Mit diesen Worten zitiert das Booklet zu der beeindruckend umfangreichen „Wilhelm Kempff Edition“ den Pianisten-Kollegen Alfred Brendel. Und fürwahr: In diesem auch zeitlich einen riesigen Bogen absteckenden 80-CD-Set wird Kempffs berühmter „singender“ Ton quasi zum roten Faden durch eine Klangwelt, die lediglich von den favorisierten Komponisten her erstaunlich begrenzt war. Bach, Mozart, Schubert, Chopin, Schumann, Brahms, Liszt und ab 1920 – mit Kempffs überhaupt erster Schallplattenaufnahme – immer und immer wieder Beethoven. In diesem gängigen Repertoirerahmen bewegte sich Kempff zeit seines Lebens. Und an seinem Klangdenken sollte er in all den Jahrzehnten nie großartig etwas modifizieren. Sein Festhalten am subjektiven Umgang mit den Noten hat ihn denn daher auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus als altmodisch erscheinen lassen. Zumal er oftmals mehr Wert auf Ausdruck und Empfindung legte als auf das spieltechnische Reinheitsgebot. Die unzähligen Aufnahmen des Solisten, Kammermusikers und auch Komponisten von Liedern (mit Dietrich Fischer-Dieskau) dürfen aber auch im 21. Jahrhundert weiterhin als Maßstab für alle gelten, die trotz reichlich Rubato- und Pedal-Gebrauchs die hohe Kunst des Klangzaubers und der unmittelbaren Ansprache erleben wollen. Über 90 Stunden Hörstoff bietet diese Box mit ihren zwei kompletten Beethoven-Sonaten, vielen Klavierkonzerten sowie den weiterhin wichtigen, opulenten Schubert- und Schumann-Porträts. Und was für ein einfühlsamer Dialogpartner Kempff stets gewesen ist, spiegelt sich nicht zuletzt in Beethovens sämtlichen Violinsonaten (mit Yehudi Menuhin) sowie Cello-Sonaten (mit Pierre Fournier) wider. Und auch da stand Kantabilität an allererster Stelle.

Wilhelm Kempff Edition: 80 CDs

DG/Universal

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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