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(c) Thomas Radlwimmer

Boulevard

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Bach 1: Jam Sessions durch die Motetten

Jacques Loussier, die Swingle Singers und andere haben vorgemacht, wie man Bach und Jazz so überzeugend verbindet, als hätte der alte Thomaskantor gewusst, was „Blue Notes“ sind. Meist sind es einzelne Piècen wie Inventionen, Fugen oder Präludien, die man bisher der spannenden Stilbegegnung aufgesetzt hat. Benedikt Haag, künstlerischer Leiter des Münchner Motettenchors, überträgt die Idee nun auf Chorwerke des großen Barockmeisters. Mit dem Jazzer Maximilian Höcherl und seinem Ensemble verwandeln sich vier Bach-Motetten in neue, frische Stücke, in denen Klavier, Saxofon, Bass und Schlagzeug die Ruhepole Chor und Solosänger begleiten.

„Barock in blue“

mit Münchner Motettenchor, Höcherl, Sakas, Haag

Rondeau/Naxos

Bach 2: Neues Licht mit Akkordeon und Gitarre

Ungewöhnliche Instrumtenkombinationen gab es an dieser Stelle schon öfter zu würdigen, und auch diese ist neu: Zum orgelhaften Klang des Akkordeons gesellen sich die gezupften Saiten einer Gitarre. Die Mischung ist äußerst delikat, apart und überhaupt nicht ermüdend. Die Bezüge zu Bach sind dabei weiträumig. Ausgehend von zwei Suiten-Préludes des Meisters finden wir sie bei einer Fuge von Dmitri Schostakowitsch oder auch in einem Satz von Jean-Philippe Rameau, der dort ein B-A-C-H-Zitat versteckt hat – ob mit Blick auf den deutschen Kollegen oder zufällig, weiß man freilich nicht. Dazu gesellt sich Avantgardistisches verschiedener moderner Komponisten (Charles Uzor, Tristan Xavier Köster, José Maria Sánchez-Verdú, Alejandro Núñez Allauca und Sebastian Sprenger).

Inspiracíon Bach

Lux Nova Duo

Genuin/Note 1

Bach 3: Goldberg neu betrachtet

Der versierte Arrangeur und Komponist Andreas N. Tarkmann hat in den „Goldberg-Variationen“ eine konzertante Seele gefunden: Der Geiger Niklas Liepe präsentiert eine Auswahl der Teile mit stilechter Streicher-Cembalo-Begleitung. Dazu kommen moderne Variationen heutiger Komponisten, die den berühmten Bass, sein Harmoniegerüst oder auch Motive aus dem Originalwerk weiterdenken und dabei auch noch eine stilistische Momentaufnahme unserer Zeit präsentieren. Rolf Rudin macht aus dem alten Bach ein motorisches Stück, das an einen Soundtrack erinnert, Moritz Eggert steuert moderne verschlungene Kontrapunkte bei, Tobias Rokahr lässt Goldberg durchdrehen („Goldberg goes crazy“). Weitere aktuelle Komponisten und Komponistinnen sind Friedrich Heinrich Kern, Sidney Corbett, Dominik D. Dieterle, Wolf Kerschek, Daniel Sundy, Stephan Koncz, Konstantia Gourzi und noch einmal Andreas N. Tarkmann.

„#GoldbergReflections“

mit Liepe, NDR Radiophilharmonie, Phillips, 2 CDs

Sony

Mit singendem Saxofon durch den Tag

Am Anfang steht eine einsam kreisende Melodie von Meredith Monk, die als Ouvertüre zu Jess Gilliams Album Time dient – dreizehn Tracks, in denen der Ablauf eines Tages oder auch allgemein das Eingebundensein in Zeitzyklen eine musikalische Beleuchtung erfährt. Neben Monk sind weitere große Namen der neuen Klassik wie Philipp Glass, Michael Nyman oder Max Richter dabei. Jess Gilliams Saxofon fügt sich mal silbrig-hell, mal sanft klagend oder sonor murmelnd in ein abwechslungsreiches Klangpanorama ein, für welches das Jess Gilliam Ensemble und das für moderne Klassik-Experimente berühmte Aurora Orchestra sorgen.

Time

Jess Gilliam

Decca/Universal

Tenor trifft „Easy Listening“

Jeder kennt „Charmaine“ – das Stück, in dem die legendären „Magic Strings“ von Mantovani kurz aufschwingen, um dann niederzustürzen und sich dabei klanglich aufzufächern. Der berühmte Sound der „Cascading Strings“ brachte den maltesischen Tenor Joseph Calleja auf eine Idee, die man erst mal haben muss: Er nahm Mantovanis berühmtesten Titel als Playback für eigene Gesangsparts – und so verbindet sich seine Stimme, fast wie ein Wunder auch tonartlich von den Lagen her passend, nun mit einem Opernorchester für einen der Klassiker des „Easy listening“.

„The Magic of Mantovani“: The Original Recordings

mit Joseph Calleja

Decca/Universal

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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