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Der St. James's Park, im Hintergrund London zu Zeiten Georg Friedrich Händels © Händel-Haus Halle / CC BY-NC-SA 4.0

Pasticcio

Digital auf den Spuren Händels

Georg Friedrich Händel hatte eine Vorliebe für prächtige, weiße Perücken. Doch die wallende Lockenhaube war nicht nur gepflegte Zier. Schnell konnte sie sich in ein Stimmungsbarometer verwandeln. Wenn sie etwa bei einer von ihm geleiteten Aufführung mitwippte und fast zu verrutschen drohte, war der Meister zufrieden. Bewegte sie sich aber wie angewurzelt um keinen Millimeter, galt höchste Alarmstufe. Dann musste man sich wieder auf einen von seinen gefürchteten Zornesausbrüchen gefasst machen. An diesen Charakterzug des großen Sachsen und übergroßen Barockkomponisten muss man schon fast zwangsläufig denken, wenn man sich eines der vielen Porträts anschaut, die von ihm nicht nur in Öl vorliegen. Ebenfalls gibt es zahllose Grafiken, auf denen er unter seinem frisierten Zweithaar hervorlugt. Mehr als nur eine Handvoll von diesen Porträts finden sich natürlich auch in der Grafiksammlung des in Halle beheimateten Händel-Hauses. Wobei sich unter den historischen Händel-Blättern so manche Besonderheiten entdecken lassen. Wie etwa eine Radierung aus dem 18. Jahrhundert, das im Doppelporträt Händel nebst Arcangelo Corelli zeigt. Und aus dem späten 19. Jahrhundert stammt eine Grafik mit dem Knaben Händel, der am Clavichord seine ersten Schritte macht. Um auch dieses Blatt zu studieren, musste man bisher nach Halle reisen und hoffen, dass man überhaupt Zutritt zum wertvollen Archiv des Händel-Hauses erhält. Doch nun hat wirklich jeder, der über einen Internetanschluss verfügt, rund um die Uhr freien Zutritt zu der Grafiksammlung. Denn der rund 1600 Grafiken umfassende Bestand wurde nach zweijähriger Arbeit in digitalisierter Form ins Netz bzw. auf die Website des Händel-Hauses gestellt und ist hier oder über das Portal „Museum-Digital“ zu erreichen.
Wie das Händel-Haus mitteilt, ist man stolzer Besitzer einer wohl weltweit einzigartigen Zusammenstellung von Bildmaterial zu Händel und seinem Leben. „Sie enthält nicht nur Händel-Porträts aus verschiedenen Epochen, sondern auch Veduten von Orten, an denen Händel sich aufgehalten hat, oder auch Porträts von Personen, die mit Händel in Verbindung stehen. Viele Grafiken sind von großer Seltenheit. Die Sammlung enthält z. B. Werke von so namhaften Künstlern wie William Hogarth, Giuseppe Vasi, Giovanni Battista Piranesi, Jacobus Houbraken, John Vanderbanck oder Matthäus Merian. Überwiegend sind die vorhandenen Grafiken im 18. und 19. Jahrhundert entstanden.“ Würde sich Händel nun ebenfalls durch die Sammlung klicken können, so würde vor Freude darüber seine Perücke garantiert nicht mehr kerzengrade auf dem Schädel sitzen.

Guido Fischer



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