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(c) Harald Hoffmann

Beethovens Klaviertrios

Kein Kleckerkram

Daniel Barenboim gelingt zum Jubiläumsjahr im Trio mit Sohn Michael und Kollege Kian Soltani eine lässig aufklärerische, leichte Beethoven-Lektion.

Daniel Barenboims zuletzt veröffentlichter, vierter Zyklus mit sämtlichen Beethoven-Sonaten stieß bei Kritikern auf geteilte Freude. Zu groß sind mittlerweile die technischen Defizite, ein Tribut an das Alter des 78-Jährigen. Dergleichen fällt bei den Klaviertrios von Ludwig van Beethoven kaum ins Gewicht. Hier zahlt sich aus, dass Daniel Barenboim einer der wenigen Pianisten ist, der das kontrapunktisch kantige, ja herrische Idiom Beethovens noch draufhat und abzubilden versteht – nach wie vor (und weit besser als selbst Rudolf Buchbinder und andere, verbliebene Granden der Zunft). Star-Qualitäten werden hier nicht gebraucht, sodass sein Sohn Michael Barenboim, dessen Solo-Karriere ein wenig stottert, getrost von den Fähigkeiten und Kenntnissen des Vaters inspiriert wird. Und Kian Soltani? Der österreichische Cellist (Sohn iranischer Eltern) bewältigt die Aufgabe, sich zwischen Familienfronten nicht aufreiben zu lassen, bemerkenswert gut. Die drei bilden ein überraschend gleichschenkliges Kammermusik-Dreieck. Gewiss kann das nicht gleich mit dem klassischen Set von Wilhelm Kempff, Henryk Szeryng und Pierre Fournier konkurrieren, das ja immer noch im Katalog desselben Labels prunkt (DG/Universal). Noch weniger mit dem Vorläufer aus dem Hause Barenboim. Bei dieser Gesamtaufnahme war es 1969 Pinchas Zukerman, der zwischen Barenboim und seiner damaligen Ehefrau Jacqueline du Pré einen Fuß in die Tür kriegen musste (Warner). Nun, dagegen ist dies hier Märchenstunde für Erwachsene. Schon beim frühen op. 1, genauso indes beim berühmten „Geister-Trio“ op. 70 oder dem „Erzherzog-Trio“ op. 97/I darf das Klavier eine gewisse Führung übernehmen. Davon machte etwa Menahem Pressler beim Beaux Arts Trio freigiebig Gebrauch – achtete aber zugleich so hellhörig auf seine Mitspieler, dass in der Gesamtaufnahme von 1964 das vielleicht beste Zusammenspiel zu beobachten ist, das bei diesen Werken auf Schallplatte existiert (Decca/Universal). Daran gemessen wirkte die Star-Formation von Vladimir Ashkenazy, Itzhak Perlman und Lynn Harrell 1991 etwas glatt und eigenwillig (Warner). Noch amerikanischer gingen es Eugene Istomin, Isaac Stern und Leonard Rose 1969 an (EMI, vergriffen). Wobei hier wie dort die Superiorität des Geigers eher für Abzüge im Gesamteindruck sorgt. Von den festen Trios, die sich mit diesem Herzstück der Trio-Literatur beschäftigten, hatten nur wenige Bestand. Ob das Abegg Trio (Intercord, vergriffen), das Trio Fontenay (Teldec/Warner, vergriffen) oder das Chung Trio (bestehend aus Myung-Whun Chung, Kyung-Wha Chung und Myung-Wha Chung; EMI, vergriffen), sie alle hielten nicht dauerhaft. Am stärksten unter den festen Formationen aus neuerer Zeit: das seit über 30 Jahren bestehende Trio Wanderer (harmonia mundi). Vielleicht ein bisschen zu impressionistisch. Die Fragilität vieler Formationen entspricht nicht der Solidität und robusten Qualität dieser Meisterwerke. Ganz im Gegenteil, folgte doch Beethoven einer 40 Jahre früher begonnenen Serie gleichbesetzter Werke von Joseph Haydn. Diese gehören zum Stärksten, was er überhaupt komponierte. Nicht zufällig hielt der besagte Menahem Pressler seine Gesamteinspielung der Haydn-Trios immer für das absolute, diskografische Hauptwerk des Beaux Arts Trio. Er hat Recht.

Gebäck und Krümelmonster

Wie kommt es nur, dass den Werken ein so unabweisbar halbseidener Nimbus anhaftet? Wer Beethovens Klaviertrios hört, egal ob frühe oder späte, verlangt sofort nach einer Tasse Schokolade und ein wenig Gebäck. Nun, diesen ‚Pawlowschen Kaffeehaus-Reflex‘ sollte man nicht voreilig auf einen Einfluss Wiens zurückführen. Als Beethoven 1795 seine ersten Trios komponierte, war der Kaffee in Wien zwar schon modisch, das Wiener Kaffeehaus aber noch längst nicht das, was es im Fin de Siècle werden sollte. In den um sich greifenden Kaffeehäusern etablierten sich dann gelegentlich auch Klaviertrios – ganz so wie heute in hochmögenden Hotel-Lobbys zur Nachmittagszeit. Beethoven kann nichts dafür. Er war kein Krümelmonster. Und seine Klaviertrios sind kein Kleckerkram. Das kleine Wunder der neuen Barenboim-Edition besteht nun gerade darin, wie der alte Fuchs seinen beiden, schlauen Füchslein da eine entspannte, kaffeehausleichte Lektion erteilt. Sie folgen willig. Eine Launigkeit und ein beschwingtes Räsonieren gehen von dieser – nicht zu tiefgründigen – Deutung aus, die als Leistung hoch veranschlagt werden muss. Was immer zum Nachteil des zu wenig übenden, in die Jahre gekommenen Barenboim gesagt werden mag: Hin und wieder – wie schon in seiner Erstbegegnung mit Franz Schuberts Sonaten – gelingt ihm Erstaunliches. So hier. Neben den Katalog-Klassikern älterer Provenienz ist dies die wohl wichtigste, weil idiomatischste und zugleich lockerste Aufnahme der Beethoven-Trios. Also: Vergesst die Sonaten! Schwamm über das grässliche Tripel-Konzert, das Barenboim jüngst gemeinsam mit Anne-Sophie Mutter und Yo-Yo Ma exekutierte. Haltet euch an Barenboim als Kammermusiker! Er selbst läuft zu alter Form auf. Seine kleinen Freunde sehen sich durch ihn herausgefordert – und wachsen.

Neu erschienen:

Beethoven

Complete Piano Trios

mit D. & M. Barenboim, Soltani

DG/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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